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Demos, Tradition und der Vollmond

Von Christian Schnell
Herbert Zötler leitet den ältesten Familienbetrieb im deutschsprachigen Raum, die 558 Jahre alte Zötler Brauerei aus Rettenberg im Allgäu. Er spricht gerne von ?Lebensverantwortung? gegenüber Mitarbeitern, Kunden und seiner Familie und hat seine eigene Meinung über Manager, die Aktionäre glücklich stimmen müssen.
RETTENBERG. Der Satz könnte schon zu seiner Studentenzeit Ende der siebziger Jahre in Freiburg gefallen sein. Damals protestierte er gegen Atomkraftwerke, den Nato-Doppelbeschluss und kritisierte das ?kurzfristige Gewinnscheffeln vieler Konzerne und Aktiengesellschaften?.Aber der Satz ist für ihn immer noch aktuell. Dabei ist Herbert Zötler keinesfalls ein Kapitalismusgegner. Im Gegenteil: Er leitet den ältesten Familienbetrieb im deutschsprachigen Raum, die 558 Jahre alte Zötler Brauerei aus Rettenberg im Allgäu, in der zwanzigsten Generation. Und da macht er mit 60 Mitarbeitern einen Umsatz von zehn Millionen Euro und einen Gewinn, ?der genügend hergibt, dass wir den überwiegenden Teil unserer Investitionen selbst finanzieren können?.

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Doch als ?Bräu?, wie der Brauereibesitzer in Bayern genannt wird, passt er nicht ins traditionelle Rollenbild. Er ist groß, schlank und trägt gerne ein modernes Trachtensakko, auch mal zur Jeans, und wirkt jünger als 52 Jahre.Und seine klare Meinung zu Großkonzernen hat sich der Familienmensch Zötler bewahrt. ?Ein angestellter Manager, der nicht sein eigenes Geld bei einer Fehlentscheidung verliert, wird im Normalfall ganz anders entscheiden: Er muss die Aktionäre glücklich stimmen, also kurzfristige gewinnorientierte Entscheidungen treffen. Dann wird sein Vertrag verlängert oder nicht.?Unternehmer Zötler spricht stattdessen gerne von ?Lebensverantwortung? gegenüber Mitarbeitern, Kunden und seiner Familie, von weitsichtigerer Unternehmensplanung und von Widerständen, die er überwindet, weil er weiß, ?wo?s langfristig hingeht?.Was sich heute wie eine über Jahre hinweg verinnerlichte Firmenphilosophie anhört, kam ihm längst nicht immer so selbstverständlich über die Lippen. Denn die jahrhundertealte Familientradition empfand er in jungen Jahren eher als Bürde denn als lohnende Aufgabe für sein weiteres Leben.Als einziger Sohn von Herbert Zötler senior war der Junior quasi von Kindesbeinen dazu auserkoren, das Familienerbe anzutreten. Doch der ging nach dem Abitur Anfang der siebziger Jahre erst mal auf Distanz, studierte Volkswirtschaft in Freiburg, wurde anschließend Steuerberater und arbeitete vier Jahre bei einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft in Stuttgart. So war das Allgäu weit genug entfernt und dennoch nahe, um alles, was um die heimische Brauerei herum passierte, genau verfolgen zu können.Erst 1984 ? inzwischen 31 Jahre alt und beruflich wie persönlich gereift ? entschied er sich dann doch zu Gunsten von Brauerei und Familie und dagegen, mit drei Kollegen aus der Prüfungsgesellschaft den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen.Lesen Sie weiter auf Seite 2Vielleicht hing es damit zusammen, dass der Ortspfarrer herausgefunden hatte, dass die Braustätte der Zötlers nicht wie bisher angenommen aus dem Jahr 1770 stammte. Er fand in alten Archiven einen Vertrag zwischen dem Hochstift Augsburg und dem ?Wirt zu Rettenberg? aus dem Jahr 1447. Die Zötlers betrieben also den ältesten Familienbetrieb Deutschlands und einen der ältesten der Welt.Anfangs war diese Entdeckung den Zötlers eher unangenehm, weil sie sich plötzlich in den Schlagzeilen der Presse wiederfanden. Inzwischen nutzt der Junior, der Anfang der neunziger Jahre die Geschäftsführung vom Vater übernahm, das Alter des Unternehmens, um sich in Marketing und Werbung gegenüber den rund 600 regionalen Brauereien in Bayern abzuheben. Und er investiert. Erst im Frühjahr wurde das neue Besucherzentrum fertig. Aus dem bis dato schmucklosen Zweckbau im Stil der sechziger Jahre ist ein standesgemäßes Gebäude mit großem Gastraum, Museum und Shop geworden. Besonderer Gag dabei: Das Malzsilo, das wie ein Turm die Brauerei überragt, strahlt nachts wie ein hell beleuchtetes Bierglas.Auch die Produktpalette hat der Junior erweitert. Doch statt auf Mixgetränke wie die Braukonzerne aus dem Norden zu setzen, ging Zötler seinen eigenen Weg. Im vom ?Mond angehauchten Allgäu?, so Zötler, wirbt er mit der Kraft des Mondes. Jeden Monat an Vollmond setzen die Brauer Bier aus ökologisch erzeugten Rohstoffen an, das dann zwei Monate später an Vollmond ausgeschenkt wird. Zum Vollmondfest treffen sich jedesmal Hunderte von Besuchern auf dem Brauereigelände. Was als ?Marketingspielwiese? (O-Ton Zötler) begann, könnte schon bald bundesweit in Szenelokalen und Bars seine Fortsetzung finden, wenn sich der richtige Vertriebspartner findet.Ansonsten ist der Chef selbst in Sachen Vertrieb ständig unterwegs, auch am Wochenende, und lässt sich auf Veranstaltungen sehen. Partner aus Gastronomie und Hotellerie loben denn auch seine Kundennähe. ?Es ist schön, wenn ich den Menschen kenne, der hinter dem Bier steht?, sagt ein Gastronom. Klar, dass sich Zötler mit vielen langjährigen Kunden duzt.Und das dürfte beim ältesten Familienunternehmen Deutschlands so bleiben. Denn das Brauhaus wird wohl auch in der nächsten Generation von einem Familienmitglied geführt werden. Zötlers 19-jähriger Sohn Niklas zumindest liebäugelt im Moment mit dem Studium zum Wirtschafts-Braumeister.
Dieser Artikel ist erschienen am 09.08.2005