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Dem Himmel so nah

Von Helmut Werb
Elon Musk hat mit PayPal Millionen verdient. Ganz so wie seine Ex-Kollegen Steve Chen und Chad Hurley derzeit mit YouTube. Ein guter Tipp für seine ehemaligen Mitstreiter: Musk investiert jetzt in die Raumfahrt. Das machen derzeit viele Milliardäre mit Star-Trek-Faible.?Das hat die Grenzen des skurrilen Hobbys schon lange überschritten?, so Musk.
DÜSSELDORF. Elon Musk steht in seinem Büro wie ein etwas zu groß geratener Junge, dem man den stämmigen Südafrikaner immer noch ansieht ? und er drückt auch die Hand wie ein solcher. Obwohl er seine Heimat vor 18 Jahren in Richtung gelobtes US-Land verlassen hat. Knapp zwei Meter, nicht gerade schlank, ein verhalten grinsendes Bubengesicht, blitzgescheite Augen. Schlichtes Hemd und teure, aber miserabel sitzende Hosen.Und sieht so der Arbeitsplatz eines wahrhaftigen Krösus aus? Den das Magazin ?Fortune? 2003 in die Liste der 40 erfolgreichsten Menschen unter 40 Jahren aufgenommen hatte?

Die besten Jobs von allen

Der Mann besetzt gerade mal neun Quadratmeter in einer schlichten Ecke eines Großraumbüros im ersten Stock eines unscheinbaren, hässlich-grauen Industriegebäudes in El Segundo, zwei Kilometer Luftlinie südlich des Flughafens von Los Angeles. Vom emsigen Personal ist er nur durch eine brusthohe Abtrennung abgesondert.Wer sich in seinen Besucherstuhl setzen will, muss aufpassen, dass er die Trennwand nicht umstößt. Die Sekretärin (die einzige übrigens), die aussieht wie eine wohlgeratene College-Abgängerin, teilt sich ihren Arbeitsplatz mit einem Ingenieur, der zuständig für Sicherheitsventile ist.Dabei, genügend Bares wäre schon vorhanden für standesgemäßeren Luxus. Immerhin wohnt der Mann im teuersten Stadtteil von Los Angeles und besitzt nicht einen, sondern gleich zwei Privatjets. Im Alter von knapp 24 Jahren verkaufte der Stanford-Student mit extrem kurzer Studiendauer (nur zwei Tage hielt er es in der kalifornischen Elite-Uni aus) seine erste High-Tech-Firma Zip2, ein Software-Unternehmen für Online-Nachrichtendienste, an Alta Vista, eine Internet-Tochter des Computer-Herstellers Compaq. Knapp 350 Millionen Dollar brachte der Verkauf.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Doch das war nur ein Nasenwasser, verglichen mit dem, was noch kam. Doch das war nur ein Nasenwasser, verglichen mit dem, was noch kam. Denn dann gründete Musk mit Partnern PayPal, jenes geniale Internet-Bank-System, das das Finanzwesen auf den Kopf stellen wird und das er und seine Mitstreiter nach drei Jahren an Ebay verkauften. Für 1,5 Milliarden Dollar. Eins Komma fünf Milliarden. Dollar.Und nun spielt er mit Raketen. Denn den Superreichen von Welt zieht es heute in den Weltraum. ?Das hat die Grenzen des skurrilen Hobbys schon lange überschritten?, sagt Musk lächelnd auf die Frage nach der Ernsthaftigkeit seiner Firma SpaceX, mit der der umtriebige Erfolgsmensch die Raumfahrt revolutionieren will. ?Wir sind mit SpaceX seit letztem Jahr in den schwarzen Zahlen.?Ach? Wie das? Ist die letzte Falcon-Rakete nicht kurz nach dem Teststart im März im wahrsten Sinne des Wortes in die Luft geflogen? Und damit kann man Geld verdienen??Ja. Wir haben die ersten zehn Starts vorverkauft, die ersten zwei davon an die US-Regierung. Der erste reguläre Start findet im November statt?, sagt Musk fröhlich.
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Wer würde sich bei so einer netten Regierung nicht freuen? ?SpaceX muss ein Gewinn bringendes Unternehmen sein. Wir werden Satelliten in eine Erdumlaufbahn bringen, Astronauten zur Space-Station, und ich erwarte einen sehr hohen Ertrag.?
Damit nehmen es die Kollegen aus der Einkommensklasse der Super-Mogule allerdings nicht so ganz genau. Denn reich sein ist relativ. Ein paar Millionen auf der Kante zu haben, mag für Leute wie Sie und mich ein erstrebenswertes ? und unerreichbares ? Lebensziel darstellen. Für die elitäre Kaste der Über-Reichen ist der Maybach vor der Tür (oder im Falle des Elon Musk ein 1,5 Millionen Euro teurer McLaren-F1-Sportwagen) bestenfalls ein Nutzfahrzeug, das man wie Musk in der Fabrikhalle parken kann.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Der Schönheitschirurg aus Palm Springs hat den Flieger schon auf seiner Asphaltpiste stehen.Und der Gulfstream-V-Jet liefert schon lange keine Distinktion mehr, wie der Soziologe Pierre Bourdieu sagen würde. Denn der Schönheitschirurg aus Palm Springs hat den Flieger auch schon auf seiner Asphaltpiste stehen.?Keeping up with the Joneses?, der Vergleich mit den Nachbarn, erreicht im 21. Jahrhundert überirdische Dimensionen, die die Vorstellungskraft sprengen und selten vor dem Himmel Halt machen. ?The sky ist the limit?, der Himmel als Grenze der irdischen Verdienstmöglichkeiten? Für Musk und Co. ist er nur eine technische Hürde.Nehmen Sie zum Beispiel Paul Gordon Allen. Mister Allen, Schulkamerad von Bill Gates und Mitbegründer von Microsoft, ist der drittreichste Mann der USA. Und doch kennt ihn außerhalb seiner Heimatstadt Seattle höchstens eine gut informierte Gruppe von Steueranwälten. Paul Allen reich zu nennen wäre gleich bedeutend mit der Feststellung, der Grand Canyon sei ein recht romantisches Flusstal, das Taj Mahal eine ganz passable Gruft.Auf runde 22 Milliarden Dollar schätzt ihn das ?Forbes-Magazine? in seiner jüngsten Milliardärsliste, davon allein 5 Milliarden in Microsoft-Aktien. Dabei ist Paul Allen weit davon entfernt, ein brillanter Geschäftsmann zu sein: Über die letzten fünf Jahre verlor er durch miserable Investitionen zwölf Milliarden. Woraufhin er kühl lächelnd die zweitgrößte Privatjacht der Welt in Auftrag gab, ein 126-Meter-Monster mit zwei Hubschraubern an Bord und einem eigenen U-Boot.Er kaufte das NBA-Basketball-Team der Portland Trailblazers, weil er fand, die notorisch erfolglose Mannschaft passe (neben seiner NFL-Football-Mannschaft, den Seattle Seahawks, und der Zeitschrift ?Sporting News?) ganz gut ins Portfolio.Und in der Allenschen Portokasse fand sich immer noch genügend Bares, um den Stararchitekten Frank Gehry zu bitten, ein Museum für die Science-Fiction- und Rock-?n?-Roll-Sammlung des Jimi-Hendrix-Fans zu bauen.Um die immensen Ausgaben des P.G. Allen zu verstehen, muss man wissen, dass bei ihm vor 22 Jahren Hodgkin?s Disease diagnostiziert wurde, eine meist tödlich verlaufende Krebskrankheit. Allen besiegte den Krebs und begann ein neues Leben.Welche Aufregung kann er nun noch suchen, wenn Roy Lichtensteins Gemälde ?The Kiss? im Schlafzimmer hängt? Und er eine Viertelmillion Dollar für Captain Kirks Kapitäns-Stuhl aus der ?Raumschiff Enterprise?-TV-Serie (?Star Trek?) hinblättern konnte?Lesen Sie weiter auf Seite 4: ?Heute kann ich mir diesen Traum verwirklichen.? ?Seit meiner Kindheit übte der Weltraum eine ungeheure Faszination auf mich aus?, erzählte der notorisch öffentlichkeitsscheue 52-Jährige der ?New York Times?, nachdem er mit seinem SpaceShipOne-Projekt den Ansari-X-Preis gewonnen hatte. ?Heute kann ich mir diesen Traum verwirklichen.?Der Ansari-X-Preis ist übrigens der Preis für den ersten privat finanzierten Weltraumflug. Er wurde von Anousheh Ansari und ihrem Schwager Amir gestiftet. Anousheh Ansari ist gerade erst von der Internationalen Raumstation (ISS) zurückgekommen ? als erste zahlende Touristin.Mit Star Trek wurde auch sie zum Weltraumfan. Sie wollte immer die Erde von oben sehen. 20 Millionen Dollar kostete sie kürzlich der zehntägige Spaß. Für Ansari kein Problem: Die gebürtige Iranerin hatte ihre Internetfirma während des New-Economy-Booms für 550 Millionen Dollar verkauft. Ansari absolviert gerade in Australien ihren Master in Astronomie.Ansari und Musk sind nicht allein im Klub der Superreichen, die ihre mehr oder weniger sauer verdienten Milliarden in Jules-Verne-Träume investieren. Der Internet-Buchhändler Jeff Bezos, Begründer von Amazon, hatte ebenfalls gerade eine lebensbedrohliche Situation, einen Hubschrauber-Unfall, überlebt, als er sich entschied, seinem Weltraum-Fieber nachzugeben.Manchmal ist der esoterische Drang ins Abenteuer gepaart mit bodenständigem Geschäftssinn. So verkauft Sir Richard Branson, der nirgendwo fehlen darf, wo spektakuläre Selbstdarstellung gefragt ist, über seine Firma Virgin Galactic 200 000-Dollar-Tickets für einen bemannten Raumflug im übernächsten Jahr. Selbst wenn derselbe nur ein Viertelstündchen dauert. Branson wird sicherlich zu seinen ersten Passagieren zählen, im Gegensatz zu Allen, der erst warten will, ?bis das Ding wirklich sicher wieder runterkommt?.John Carmack hingegen ist nicht nur schwerreich, sondern für einen Videospiel-Designer auch überraschend realitätsbezogen. Der 36 Jahre alte Ferrari-Fan verdiente als Erfinder von ?Doom? und ?Quake? genügend Geld, um unter der neuen Firmierung Armadillo weltraumtüchtige Raketen bauen zu wollen. ?Raumfahrt ist authentischer?, sagt er in seinem ?Rocket Office?, in dem er jeden Dienstag und Samstag den zugegebenermaßen zögerlichen Fortschritt seiner All-Ambitionen überprüft. ?Das Spiele-Ding habe ich jetzt schon sieben- oder achtmal durchgezogen. Richtige Raketenstarts sind viel aufregender.?Lesen Sie weiter auf Seite 5: Elon Musk mag ihm Recht geben. Elon Musk mag ihm Recht geben. Doch die Ziele des quereinsteigenden Überfliegers sind ehrgeiziger, als nur ein paar Touristen für viel Geld in eine suborbitale Umlaufbahn zu schießen oder ein bisschen rumzuböllern. Kommerziell erfolgreiche Raketenstarts sind das eine, ein fast religiöser Glaube, die Menschheit bessern zu können, das andere.?Für mich gibt es drei große Probleme, die mich interessieren?, sagt er und das Gespräch bekommt ? ganz ohne Körpersprache ? eine fast fühlbare Intensität. ?Erstens müssen wir weg von einer auf Kohlenwasserstoff basierenden Wirtschaft, in der wir graben und verbrennen, und hin zu umweltfreundlichen Energiequellen wie der Sonnenenergie. Zweitens die Erforschung des Weltraums bis hin zu einer Erweiterung unseres Lebens auf anderen Planeten. Und drittens die Möglichkeiten und Probleme des Internets.?Musk ließ seinen Worten Taten folgen, baute einen Elektrosportwagen, investierte eine zweistellige Millionensumme in die Entwicklung effektiver und billiger Solarzellen für den Hausgebrauch. Ganz nebenbei finanzierte er auch noch den Film ?Thank You for Smoking?, in der Nebenrolle: sein Privatjet. ?Aber das war nur so zum Spaß?, sagt er wieder grinsend.Ach ja, und auf den Mars will er auch noch. Würden wir nicht in einem Gebäude sitzen, in dem fast 100 bestbezahlte Mitarbeiter eine dreistufige Falcon-Rakete zusammenschrauben, dann könnte man glauben, der Mann hätte den Verstand verloren.Lesen Sie weiter auf Seite 6: ?Ich glaube, dass wir in 20 Jahren auf dem Mars landen können.? ?Ich glaube, dass wir in 20 Jahren auf dem Mars landen können?, sagt er allen Ernstes. Und die letzten Spuren des Lächelns sind aus seinem Gesicht verschwunden. ?Und wir können das Ziel mit tausendmal weniger Geld erreichen als die Nasa.? Technisch sei das durchaus machbar, und wenn er es so sagt, mag man es ihm fast glauben.?Die Nasa hat den Mars gar nicht mehr auf dem Programm, weil es sich dabei um ungeheure Summen dreht. Ich bin davon überzeugt, dass wir die Kosten auf zwei bis fünf Milliarden Dollar pro Person senken können. Die Nasa schätzt die Kosten für einen Trip zum Mond auf sieben bis acht Milliarden Dollar. Entwicklungskosten nicht eingerechnet.?Der Rote Planet als fixe Idee? Der Sinn der Weltraumforschung sei die Ausdehnung menschlichen Lebens in andere Regionen. ?Und der Mars ist der logischste Planet für ein solches Unterfangen. Das wäre eine fundamentale ? und logische ? Errungenschaft in der Entwicklung des Lebens selber: vom Einzeller zum Vielzeller, Entwicklung zum Leben außerhalb der Meere, von reptilen Lebensformen hin zu Säugetieren, Ausweitung des Lebensraumes auf andere Planeten. Ich bin mir sicher, SpaceX wird der Menschheit zu interplanetarischer Existenz verhelfen.?Und sein Name könnte dann wohl die Siedlung irdischer Pioniere auf dem Mars zieren? ?Das kann ich mir gut vorstellen?, sagt Elon Musk.
Dieser Artikel ist erschienen am 29.10.2006