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Dem Design verschrieben

Von Martin-W. Buchenau
Manfred Lamy machte aus dem unbekannten Schreibgerätehersteller, den sein Vater gegründet hatte, ein Markenunternehmen. Im November aber wird er sich zurückziehen. Ein Nachfolger aus der Familie fehlt.
STUTTGART. Manfred Lamy lächelt, als er die sieben Kugelschreiber auf seinem Schreibtisch sieht. Konzentriert blickt er durch seine randlose Designerbrille. Zu jedem fällt ihm ein Satz ein: ?Der ist nicht schlecht. Das ist ein typisches Billigprodukt. Den baut unser Konkurrent, aber nicht in Deutschland sondern wahrscheinlich in China.?Vermutlich könnte man dem 69-Jährigen ein beliebiges Schreibgerät hinlegen, und er wüsste die Herkunft zu bestimmen oder zumindest mit hoher Treffsicherheit zu erraten. Manfred Lamy macht in dem Punkt niemand etwas vor, er kennt sein Geschäft wie kaum ein anderer.

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In 40 Jahren hat er den väterlichen Betrieb vom unbekannten Schreibgerätehersteller in die Weltspitze geführt, in eine Reihe mit Montblanc, Parker oder Cross. ?Das ist vor allem ein Erfolg der Person Manfred Lamy?, sagt anerkennend einer seiner Konkurrenten.Nicht zufällig wird Lamy Ende dieses Jahres abtreten. Es jährt sich zum 40. Mal das Schlüsselerlebnis seiner beruflichen Laufbahn, das sich im Nachhinein als richtige und entscheidende Weichenstellung für das gesamte Unternehmen erweisen sollte: die Geburt der eigenen Marke.Als er 1962 mit nur 26 Jahren in das Familienunternehmen einsteigt, läuft es nicht gut. Sein Vater, Ex-Deutschland-Chef des Füllerherstellers Parker, hat das von ihm in den 30ern gegründete Unternehmen in den Nachkriegsjahren erhalten können. Doch der Name Lamy taucht kaum in der Öffentlichkeit auf.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Braun und Olivetti mit ihrem fortschrittlichen Design werden zu seinem Vorbild. ?Mein Vater gab mir anfangs etwas Spielgeld und ließ mich machen?, erinnert sich Manfred Lamy. Der Junior sucht händeringend nach einem Alleinstellungsmerkmal. Braun und Olivetti mit ihrem fortschrittlichen Design werden zu seinem Vorbild. Er sucht systematisch Kontakt zu Designern ? und trifft zufällig Gerd A. Müller. Der Schöpfer der legendären Braun-Rasierer hat sich gerade selbstständig gemacht. Mit ihm definiert er das Ziel: ?ein Füllhalter in der Tradition des Bauhauses?.Lamy rückt seine randlose Designerbrille zurecht, und als ob er den optischen Eindruck direkt widerlegen wollte, betont er: ?Ich war kein Architekten-Sohn, der die Welt verbessern wollte.? Es sei eine rein rationale unternehmerische Entscheidung gewesen: Nur mit einem unverwechselbaren Design sei der Schritt zur eigenständigen Marke zu schaffen.Mit dem Lamy 2000 trifft der Junior-Chef 1966 den Zeitgeist. Gerade haben die ersten Corbusier-Sessel und Breuer-Stühle den Sprung in die Vorstandsetagen und Foyers von Banken geschafft. Der neue Lamy mit nüchternem, sachlichem Design bricht mit der Tradition: Schreibgeräte müssen in den 60ern noch vergoldet und dick sein.Deshalb hat nicht nur sein Vater Bedenken gegenüber dem neuen Kurs, erinnert sich Lamy: ?Die internen Widerstände waren schon groß damals. Da ging so etwas wie ein Riss durch die Belegschaft zwischen denen, die an der Tradition hingen, und denen, die etwas Neues wagen wollten.?Beim Münchener Schreibgeschäft Kaut-Bullinger ? schon damals das erste Haus am Platz ? wäre er mit seinen schmucklosen Stiften fast von der damaligen Besitzerin rausgeschmissen worden. Aber Lamy ist zäh, lässt sich nicht abwimmeln und ist von seinem Produkt überzeugt. Der Erfolg gibt ihm schließlich Recht.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Nur eines will nicht klappen: der Sprung in die absolute Oberklasse.Noch heute ist die 2000er-Serie auf dem Markt, über zwei Millionen Stück wurden von ihr verkauft. Insgesamt setzt Lamy jährlich über sechs Millionen Schreibgeräte ab und erzielt mit 400 Beschäftigten 50 Millionen Euro Umsatz.Nur eines will nicht klappen: der Sprung in die absolute Oberklasse. ?Das schaffen wir nicht gegen die Werbekraft von Luxuskonzernen?, sieht Lamy ein. Dafür schaffen die Kurpfälzer die Gratwanderung zwischen gehobenen Schreibern und dem Schulgeschäft, in das Lamy 1980 einsteigt. Heute kommt jeder zweite Schulfüller von Lamy. Das Monopol von Pelikan, der Konkurrent übernahm zwischenzeitlich Geha, konnte gebrochen werden. Und noch ein Schachzug gelang: Lamy arbeitet in allen Produktserien mit patentierten Großpatronen und macht das lukrative Nachfüllgeschäft selbst.Doch trotz allen modernen Designs ? im Lamy-Stammsitz in Wieblingen nahe Heidelberg geht es eher kurpfälzisch-bodenständig zu. ?Bei uns gibt es keine Fluktuation. Wer einmal bei Lamy ist, geht nicht weg?, sagt eine Beschäftigte.?Wir haben schon sieben Mal auf dem Gelände erweitert?, sagt Lamy. Seine Handschrift findet sich auch im neuesten Verwaltungsbau in einer strengen Konstruktion mit Stahl und Glas. Das Hobby des Chefs fällt dem Besucher im Eingangsbereich ins Auge: Dort steht ein wertvoller Bonsai. Vor 36 Jahren entdeckte er sein Faible für Japan und dessen Gärten bei einem Besuch der Weltausstellung in Osaka. An den japanischen Gärten bewundert er die Kunst der Reduktion auf das Wesentliche und die Akribie in der Pflege. Auch sind für japanische Gärtner Steine Lebewesen. Und wenn Lamy einen Füller in seinen Händen hält, behandelt er ihn pfleglich und mit Respekt. Für Lamy leben Schreibgeräte, besonders wenn sie aus seinem Haus sind. Noch heute pflegt er enge Beziehungen zu japanischen Geschäftspartnern. Und Sony ist eine Marke, die er bewundert ? wegen der Liebe zum funktionellen Detail.Eines ist Lamy allerdings nicht gelungen: einen Nachfolger in der Familie zu finden. Zwar studierten Sohn und Tochter beide Betriebswirtschaft ? doch gehen sie eigene Wege. Seine Tochter arbeitete lange im Unternehmen, widmet sich aber jetzt ihren beiden Kindern.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Gesucht war ein Marketingprofi. Wie bei Beginn der Karriere so suchte und fand Lamy die Lösung seines Nachfolgeproblems mit professioneller Hilfe. Gesucht war ein Marketingprofi. Unter neun Bewerbern konnte er aussuchen. Das Rennen machte Bernhard Rösner, zuvor Alleingeschäftsführer beim Kuscheltierhersteller Margarete Steiff und Geschäftsführer bei der Mercedes-Benz Accessoires GmbH. Lamy arbeitet ihn seit dem vergangenen Oktober ein. Wenn der Herr der Füller im November seinen 70. Geburtstag und den 40. seiner Marke feiert, wird er ausscheiden.Und dann? Er weiß schon, was er mit seiner Zeit machen wird. Er will Philosophie studieren. Sein Favorit ist der dänische Existenzialist Sören Kierkegaard und dessen Motto ?Sich selbst treu bleiben?.
Manfred Lamy1936 wird er am 10. November in Heidelberg geboren. Er bleibt zum Studium der Volkswirtschaftslehre mit anschließender Promotion in der Neckarstadt .1962 tritt er im Alter von 26 Jahren in das väterliche Unternehmen als Marketing- und Werbeleiter ein. Er wandelt das Unternehmen zum Markenhersteller.1974 übernimmt er als alleiniger geschäftsführender Gesellschafter die Führung der C. Josef Lamy GmbH. Die Produkte werden vielfach mit Designpreisen ausgezeichnet. Sein Lokalpatriotismus zeigt sich auch in langjähriger ehrenamtlicher Tätigkeit als Stadtrat in seiner Geburtsstadt Heidelberg.2006 wird er im November in den Aufsichtsrat wechseln.
Dieser Artikel ist erschienen am 13.07.2006