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Dem Chef geht es wie einem Sandwich

Von Marlene Brockmann, Handelsblatt
Was ist eigentlich schlimmer: Bleiben oder gehen? Diese Gretchenfrage stellen sich viele Arbeitnehmer schon in dem Moment, wenn um sie herum die Kollegen entlassen werden. Danach bestätigten sich fast immer ihre düsteren Vorahnungen: Die Luft ist in den Betrieben keineswegs gereinigt, wie mancher glauben machen will. Im Gegenteil: Viel mehr Arbeit für den Einzelnen und noch stärkerer Druck kennzeichnen die Lage.
Wo dezimierte Belegschaften beieinander sitzen, liegt weiterhin die Frage "Wer ist als nächster dran?" in der Luft. Die verbliebenen Mitarbeiter - unter dem Stichwort Survivor-Syndrom im Blick der Wissenschaft - müssen erst die Umstände und dann die organisatorischen Folgen der Kündigungen aushalten. Und nebenbei ums eigene Überleben kämpfen. Der Kollege wird zum Konkurrenten - obwohl eigentlich alle an einem Strang ziehen sollen. Hilfestellung untereinander? Fehlanzeige.

Nur noch die Wenigsten pflegen ein entspanntes Verhältnis untereinander, ermittelte die Internet-Jobbörse Stepstone. Mehr als zwei Drittel der befragten Arbeitnehmer gaben an, das Betriebsklima habe sich wegen der ungünstigen Wirtschaftslage verschlechtert. Freundlichkeit oder Teamgeist? Muss nicht sein. In einem großen Ruhrgebietskonzern etwa trauen sich die Mitarbeiter kaum noch länger als einen Tag auf Dienstreise. Zum einen weil das Kollegen-Gerede - ob er überhaupt wieder kommt - schon am zweiten Tag losgeht und zum anderen weil sie ihm gleich Faulheit unterstellen.

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Eine Untersuchung des Forsa-Instituts für die Deutsche Angestellten Krankenkasse kommt zu ähnlich negativen Ergebnissen: Fast jeder zweite Erwerbstätige fürchtet, seinen Job zu verlieren. Und 23 % der repräsentativ ausgewählten Befragten klagen, dass ihr Betriebsklima durch hohen Stress geprägt sei. Mobbing befürchtet jeder Fünfte. Und vor Konflikten mit Kollegen oder Chefs fürchten sich 14 %. Kaum verwunderlich - eng verbunden mit der Angst vor Job-Verlust ist die Angst, Fehler zu machen: Rund 30 % berichten davon.

Die Folge: "Duckmäuserklima macht sich breit", beobachtet der Augsburger Organisationspsychologe Oswald Neuberger. "Die Davongekommenen haben ihre Lektion gelernt: Dinge werden nunmehr abgenickt, kreative Vorschläge oder Widerspruch zurückgehalten." Zum unternehmerischen Wunschbild passt das wohl kaum. Besorgniserregend ist das Ausmaß dieser Entwicklung: Bis in die Flaggschiffe der deutschen Wirtschaft hinein macht sich die Erkenntnis breit, dass auf den quasi zugesagten Lebensarbeitsplatz kein Verlass mehr ist. "Die Verunsicherung geht tief", urteilt Mechtild Boekh, Führungskräfte-Coach aus Dormagen. Unter Rationalisierungsdruck rotten sich Abteilungen gegeneinander zusammen. Das Ziel: Bessere Argumente, warum gerade dieser Bereich bleiben muss. Die stets beschworene Vernetzung im Unternehmen scheitert. Boekh: "Man bringt sein Schäflein ins Trockene, gibt exklusive Infos nicht weiter."

In vielen Betrieben entstehen auch Konflikte zwischen Generationen: Aus der Sicht der Jüngeren besetzen die Älteren - ohnehin vergleichsweise besser gestellt - die besten Plätze. Aus der Sicht der Älteren brauchen Firmen heute gerade die erfahrenen Kräfte und sollten eher auf die - leichter vermittelbaren - Jüngeren verzichten.

Vor diesem Hintergrund prallen jetzt auch generationstypische Gegensätze im Arbeitsverhalten stärker aufeinander. Der amerikanische Managementexperte Ron Zemke hat diese Unterschiede in einer Studie herausgearbeitet. Zum Beispiel bei den Nachkriegskindern, den Babyboomern: "Getreu dem Motto Trau keinem über 30 haben sie stets die anderen als das Problem definiert", erläutert Zemke. "Jetzt müssen sie erleben, dass sie selbst durchaus als Problem angesehen werden." Ein Schock für diese Generation, die in ihrer Arbeit den Lebensmittelpunkt und im Betriebsklima eine Herzensangelegenheit sieht.

Unabhängig vom jeweiligen Lebensalter sieht sich vor allem das mittlere Management in der Zwickmühle. "Vorgesetzte stehen unter dem gleichen Druck wie ihre Mitarbeiter", so Psychologe Neuberger. "Auch das wirkt sich auf das Betriebsklima aus." Mechtild Boekh beobachtet, dass viele Führungskräfte die Nöte ihrer Mitarbeiter gut verstehen. Doch oft haben sie selbst keine Informationen oder sind aufgefordert worden, diese geheim zu halten.

Das Dilemma der Sandwich-Chefs stößt auf Verständnis: In Umfragen des Münchner Geva-Instituts kommen heute die Spitzenmanager schlechter weg als früher. Geva-Chef Gerhard Bruns: "Keiner weiß, was die da oben machen." An die von ihr vorgegebenen Regeln halte sich manche Führung offenbar selbst nicht. Bruns: "Feedback vermissen die Leute vor allem, wo die Arbeit der Entlassenen aufgefangen werden muss. Sie zweifeln längst: Sieht das überhaupt jemand?"
Dieser Artikel ist erschienen am 05.02.2004