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Dem Ausland sei Dank

Sandra Louven, Peter Nederstigt, Martin Roos
Nach der Produktion wandern zunehmend auch hoch qualifizierte Jobs aus dem IT- und Dienstleistungssektor ins Ausland. Während Gegner vor dem endgültigen Ausbluten des deutschen Arbeitsmarktes warnen, sagen Experten: Offshoring schafft Arbeitsplätze.
Nach der Produktion wandern zunehmend auch hoch qualifizierte Jobs aus dem IT- und Dienstleistungssektor ins Ausland. Während Gegner vor dem endgültigen Ausbluten des deutschen Arbeitsmarktes warnen, sagen Experten: Offshoring schafft Arbeitsplätze. Als Claudia Stumpp nach Polen kam, schlug für sie die Stunde null. "Es war absolute Pionierarbeit", sagt die 35-jährige Informatikerin. "Ich war vollkommen allein." Für sd&m, ein Münchener Software- und Beratungsunternehmen, das maßgeschneiderte Informationssysteme produziert, musste sie das so genannte Nearshore Center aufbauen.
Seit Juli 2004 ist sie Leiterin des 35 Mitarbeiter zählenden Centers in Wroclaw, vier Kilometer vom Stadtkern Breslaus entfernt. Polnische Programmierer verdienen in der Regel etwa ein Fünftel der Kollegen in Deutschland. Die niedrigen Löhne sichern sd&m die Wettbewerbsfähigkeit im deutschen Markt. Durch die Auslagerung eines Teils der Entwicklung nach Breslau sanken die Kosten bereits 2004 um bis zu 30 Prozent - Geld, das die Münchener auch in neue Arbeitsplätze in Deutschland gesteckt haben: Im vergangenen Jahr wurden hier 120 neue Mitarbeiter eingestellt

Im Osten viel Neues
Die Software-Schmiede steht für einen neuen Trend. Nachdem vor 20 Jahren die Textil- und Autoindustrie begonnen hatte, Teile der Produktion in Niedriglohnländer zu verlagern, entdecken jetzt auch Dienstleister wie die IT-Industrie den ökonomischen Reiz der großen weiten Welt und exportieren hoch qualifizierte Jobs nach Indien, China und in die EU-Beitrittsländer. Offshoring nennt man die Verlagerung von Unternehmensteilen ins Ausland, Nearshoring, wenn das Ziel innerhalb Europas liegt.
Schon jetzt zählt Deutschland laut einer Studie des Marktforschungsinstituts Frost & Sullivan zu den Hauptexporteuren von IT-Jobs. Die Unternehmensberatung A.T. Kearney rechnet damit, dass der Offshore-Anteil an den deutschen IT-Ausgaben in den nächsten drei Jahren auf 20 Prozent steigt und damit zu den Vorreitern Großbritannien und USA aufschließt. Grund für den Verlagerungsboom ist die EU-Ost-Erweiterung im Mai 2004: Hielten bislang vor allem Sprachbarrieren deutsche Unternehmen vom Gang in die klassischen Offshoring-Länder Indien und China ab, finden sich jetzt billige und zugleich hoch qualifizierte Arbeitskräfte gleich vor der Tür

Die besten Jobs von allen


Reizwort Offshoring
An der Jobverlagerung in Billiglohnländer scheiden sich die Geister. Globalisierungsgegner und Gewerkschaften geißeln den Export anspruchsvoller Jobs als endgültiges Todesurteil für den deutschen Arbeitsmarkt. Experten wie der ehemalige Wirtschaftsweise Juergen Donges hingegen sehen darin die einzige Chance zum Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands und damit auch seiner Arbeitsplätze.
Peter Broß, Geschäftsführer des IT-Verbands Bitkom, kommt in seinem Anfang Dezember veröffentlichten Positionspapier zum gleichen Ergebnis. Ob wie bei sd&m im großen Stil neue Jobs entstehen, kann er noch nicht versprechen. "Aber die bestehenden werden auf jeden Fall gesichert", ist der Bitkom-Chef überzeugt.
Das beweist ausgerechnet die deutsche Textilindustrie, die Offshoring-Gegnern als Paradebeispiel dient. Als einer der ersten Zweige hatte sich die Branche bereits in den 80er Jahren gen Ausland orientiert, weil die Produktion in Deutschland zu teuer wurde. Inzwischen fertigt nur noch der Sportdress-Hersteller Trigema ausschließlich im eigenen Land

Auslagern um zu überleben
"Hätten wir uns nicht so stark internationalisiert, gäbe es uns heute vielleicht nicht mehr - genauso wie zahlreiche unserer Wettbewerber, die damals zu spät ins Ausland gegangen sind", glaubt Werner Lackas, Vorstand für Produktion und Logistik bei Hugo Boss. Der deutsche Weltmarktführer im Segment der gehobenen Kleidung hat seine Produktion fast komplett in Länder mit niedrigeren Lohnkosten verlagert. Von 6.900 Mitarbeitern weltweit arbeiten gerade mal 1.700 in Deutschland.
Am Hauptsitz Metzingen befinden sich bis auf eine Anzugfabrik für Prototypen vor allem Marketing und Entwicklung. "Würden wir alles hier produzieren, fänden wir keine Käufer, weil die Ware zu teuer wäre", sagt Lackas. Im konzerneigenen Werk in der Türkei verdienen die Arbeiter bis zu 80 Prozent weniger als ihre deutschen Kollegen.
Sportartikelhersteller Adidas hat die Produktion Ende der 80er Jahre radikal an ausländische Geschäftspartner ausgelagert, um den drohenden Bankrott abzuwenden, und mauserte sich vom müden Produktionsbetrieb zum profitablen Marketingkonzern. Genäht wird heute vorwiegend in Asien, designt, entwickelt und abgerechnet im fränkischen Herzogenaurach. Von Personalabbau in Deutschland ist seither keine Rede mehr - 100 Mitarbeiter stellen die Franken pro Jahr im Mutterhaus ein

Aus Rot mach schwarz
"In Deutschland ist die Gewinn- und Verlustrechnung tiefrot, in Tschechien und Polen schwarz - unter dem Strich funktioniert es", erklärt Dirk Buchta, Offshoring-Experte bei A.T. Kearney, wie hiesige Unternehmen durch billige Produktion im Ausland das Überleben deutscher Arbeitsplätze sichern. Das so gesparte Geld fließe dann in neue Investitionen - auch in Deutschland.
So hat der neue BDI-Chef und Mittelständler Jürgen Thumann die lohnkostenintensive Fertigung schon vor zehn Jahren nach Tschechien ausgelagert und beschäftigt dort inzwischen die Hälfte seiner 2.000 Mitarbeiter. "Aber ich habe in Deutschland bislang immer Arbeitsplätze hinzugeschaffen und nicht abgebaut", betont er.
Ähnlich agiert DIHK-Präsident Ludwig Braun, der noch vor einem Jahr für seinen Aufruf, die Chancen der Ost-Erweiterung zu nutzen, als vaterlandsloser Geselle beschimpft wurde. Der Medizintechnikhersteller beschäftigt nur noch gut ein Viertel seiner rund 30.000 Mitarbeiter in Deutschland, hat aber ebenfalls für die nächsten Jahre Entlassungen ausgeschlossen und sogar 150 Millionen Euro in ein neues Werk in Nordhessen gesteckt

Neue Absatzmärkte
Dass Unternehmen durch Offshoring nicht nur ihre Kosten senken, sondern auch ihre Umsätze steigern können, beweist die IT-Beratung IDS Scheer. Die Saarbrücker betreiben Büros in fünf osteuropäischen Ländern, bilden gemischte Teams aus allen Standorten und können ihren Kunden so günstigere Preise anbieten. "Gerade Aufträge aus dem öffentlichen Sektor haben oft strenge Preisvorgaben, da muss man schon auf die Höhe der Stundensätze achten", erklärt Personalchefin Rosemarie Clarner.
Gleichzeitig erobert IDS Scheer über das Offshoring neue Märkte. "Durch die Experten vor Ort sind wir flexibler und generieren zusätzliche Kunden", so Clarner. Die Mehrzahl der Aufträge kommt bereits aus dem Ausland, mehr als 50 Prozent der Mitarbeiter sind dort beschäftigt. "Dennoch sind keine Arbeitsplätze in Deutschland verloren gegangen", berichtet Clarner. "Im Gegenteil: Wir expandieren dies- und jenseits der Grenze."
Offshoring als Treibstoff für den deutschen Exportboom? Zu diesem Ergebnis kam zumindest der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung in seinem jüngsten Gutachten, das die Arbeitsplatzeffekte der Jobverlagerung für die fertigende Exportindustrie untersucht hat.
Zwar wird der Anteil deutscher Arbeiter an deutschen Produkten immer geringer, heißt es dort. Gleichzeitig aber habe die Branche durch die Produktion in Billiglohnländern ihre Wettbewerbsfähigkeit so stark gesteigert, dass durch die ausgelöste Exportwelle zusätzliche Jobs in Deutschland entstanden sind. Ähnliches gilt für die Automobilindustrie. Dabei würde man gerade in solchen arbeitsintensiven Branchen, in denen die Personalkosten einen großen Anteil an den Löhnen haben, damit rechnen, dass Offshoring Arbeitsplätze vernichtet

Anruf aus Indien
Den Vorteil, standardisierbare Arbeiten ins preiswertere Ausland zu verlagern, nutzen nicht nur produzierende Betriebe. So beschäftigt die Bertelsmann-Tochter Arvato, Marktführer der deutschen Call-Center-Branche, seit Juni 2003 in einem Vorort von Neu-Delhi 250 Mitarbeiter, um beispielsweise die Kundenkarten deutscher Konzerne zu digitalisieren. "Die Inder sind Ausländern gegenüber sehr respektvoll, gut gebildet, extrem motiviert und sehr wissbegierig. Das macht die Zusammenarbeit mit ihnen sehr angenehm", sagt Karsten König, 33, Managing Director in Gurgaon.
"Wir brauchen dieses Call-Center, um die Arbeitsplätze zu sichern", sagt ein Arvato-Sprecher in Gütersloh. In der Call-Center-Branche, weiß auch der Marktführer, werden langfristig nur die Dienstleister überleben, die Qualität bringen. Und diese Qualität muss nicht nur deutlich besser sein, als der Auftraggeber selbst intern zu leisten imstande ist, sondern auch deutlich kostengünstiger

Riesige Chance
Zum Kostenargument tritt das Innovationsargument: IT-Unternehmen könnten sich durch die Auslagerung einfacher Programmierarbeiten ins Ausland auf neue Betätigungsfelder konzentrieren und dort eine Vorreiterrolle übernehmen, hofft die Branche. "Service-Engineering", das Schaffen reproduzierbarer Dienstleistungen für Anwendungen wie E-Government und E-Health, sei noch unbeackertes Neuland, schwärmt Bitkom-Mitarbeiter Mathias Weber. Zumal eines, aus dem gerade in Deutschland viel herauszuholen sei. "Denn der große Vorteil der deutschen Software-Industrie ist die enge Verbindung zu den Anwendern. Durch den regen Austausch entstehen branchenspezifische Lösungen und ständig neue Ideen."
"Offshoring bietet eine riesige Chance", glaubt Webers Chef Peter Broß deshalb und stützt sich auf eine Studie der Technology Association of America vom März 2004, wonach der amerikanische IT-Sektor bis 2009 jährlich um 26 Prozent wachsen und 516.000 neue Stellen schaffen werde, davon 244.000 im Inland. Das Bruttoinlandsprodukt werde um 124 Milliarden Dollar höher ausfallen als ohne Offshoring. Denn was die Unternehmen und Privatleute an IT-Ausgaben sparen, können sie für andere Dinge verwenden. So profitiere auch der übrige Arbeitsmarkt von den Einsparungen: Bis 2008 würden in den USA 317.000 neue Stellen geschaffen, 104.000 fielen weg

Achillesferse Arbeitsmarkt
"Arbeitsplatzverlusten in der IT- und Dienstleistungsindustrie stehen Arbeitsplatzgewinne in anderen Wirtschaftsbereichen gegenüber", schreibt auch Bitkom in seinem Positionspapier vom Dezember. Entscheidend für die Jobbilanz allerdings ist, was mit den Verlierern passiert, warnt eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey. Während die Bilanz für den US-Arbeitsmarkt aufgrund der schnellen Wiedereingliederung geschasster Offshoring-Opfer eindeutig positiv ausfalle, verhagele in Deutschland die mangelnde Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt die positiven Effekte.
Nach einer Studie des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft (IDW), das sich auf Daten der Weltbank stützt, landet Deutschlands Arbeitsmarkt lediglich auf Platz 111 von 145 Ländern. Betrachtet man allein die 22 wohlhabenden OECD-Staaten, erreicht Deutschland nicht einmal die Hälfte des Durchschnittswertes. "Ob Offshoring Arbeitsplätze schafft, hängt ganz wesentlich von den lokalen Rahmenbedingungen und den Fähigkeiten des Managements ab", weiß Bitkom-Experte Broß.
Was im Umkehrschluss jedoch nicht heißt, dass Deutschlands Gehälter auf Entwicklungslandniveau sinken müssen, damit höhere Gewinne erzielt und so Arbeitsplätze geschaffen werden. "Der Wettbewerb muss über Innovation erfolgen, nicht über Lohn", fordert Broß. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine Analyse des Bundeswirtschaftsministeriums: "Die eigentlichen Konkurrenten im Standortwettbewerb sind andere Industrieländer, die ebenfalls sehr gute qualifizierte Arbeitnehmer und funktionierende Infrastrukturen bieten.

Dieser Artikel ist erschienen am 22.02.2005