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David Sarnoff: Vom Talmud zur Television

Von Helge Hesse
Drahtlose Nachrichten waren das Metier, zu dessen Entwicklung David Sarnoff zeit seines Lebens entscheidend beitrug. Bis in die 1960er-Jahre prägte er visionär die Medien, die so nachhaltigen Einfluss auf Gesellschaft und Politik des 20. Jahrhunderts ausübten.
Gerne erzählte David Sarnoff die Geschichte jener schicksalhaften Nacht vom 14. auf den 15. April des Jahres 1912. Als 21-jähriger Funker von Marconi Wireless empfing er auf dem Wanamaker-Hochhaus in New York die Hilferufe eines Schiffes aus der kalten Weite des Atlantiks. Der größte Passagierdampfer der Welt, die Titanic, sank. In den folgenden 72 Stunden verließ Sarnoff seinen Platz nicht. Per Funk dirigierte er die zu Hilfe eilenden Schiffe, später verbreitete er die Listen der Überlebenden.Drahtlose Nachrichten ? über Funk, Radio und Fernsehen ? waren das Metier, zu dessen Entwicklung Sarnoff zeit seines Lebens entscheidend beitrug. Bis in die 1960er-Jahre prägte er visionär die Medien, die so nachhaltigen Einfluss auf Gesellschaft und Politik des 20. Jahrhunderts ausübten.

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Weit entfernt von seinem späteren Wirkungsfeld erblickte David Sarnoff im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts das Licht der Welt. Als neues Mitglied einer jüdischen Gemeinde wurde er bei Minsk im heutigen Weißrussland geboren. Sein Vater, ein armer Maler, ging bald nach der Geburt seines Sohnes nach Amerika, um dort Geld zu verdienen. Als David fünf Jahre alt war, schickte ihn die Mutter in eine Talmudschule ? er sollte Religionslehrer werden. Doch das tagtägliche Studium der heiligen jüdischen Schriften war nichts für David.Im Jahr 1900 hatte die Familie endlich genug Geld beisammen, um dem Vater nach Amerika zu folgen. Doch in New York fanden sie keinen erfolgreichen Maler, sondern einen Mann in jämmerlichem Zustand vor, dessen Gesundheit durch harte Arbeit ruiniert war.Mit neun Jahren übernahm es David, für die Familie zu sorgen. Er verkaufte Zeitungen; mit 14 Jahren führte er einen Zeitungsstand. Ein Jahr später ? David hatte die Schule gerade abgeschlossen ? starb der Vater.Von seinen Ersparnissen kaufte sich David ein Telegrafiergerät und brachte sich das Telegrafieren bei. Er ergatterte eine Stelle als Telegrafist bei Marconi Wireless und bildete sich neben seiner Arbeit unermüdlich weiter. Nach seinem 72-Stunden-Einsatz für die Titanic belohnte ihn Marconi mit einer Beförderung.Die drahtlose Nachrichtenübermittlung entwickelte sich rasant. David faszinierten vor allem die Arbeiten des Erfinders Edwin H. Armstrong. Der hatte einen Empfänger gebaut, der Signale so gut verarbeiten konnte, dass das Senden statt von Punkt zu Punkt nun an viele und weit entfernte Empfänger gleichzeitig möglich wurde. Die technischen Voraussetzungen für den Rundfunk waren geschaffen.Sofort regte Sarnoff den Aufbau eines Marconi-Radiosystems an. Um es schnell einem breiten Publikum näher zu bringen, plante er, eine ?Radio Music Box? preiswert anzubieten. Ihr massenhafter Verkauf sollte die Zahl der Radiohörer rasch vervielfachen. Doch seine Chefs ? allen voran Firmengründer Guglielmo Marconi ? verwarfen seine Idee als verrückt. Marconi verdiente genug mit dem traditionellen Funken und Empfangen von Nachrichten.Erst nach dem Ersten Weltkrieg schlug Sarnoffs Stunde: Mit Patenten von General Electric und Marconi wurde 1919 auf Drängen der US-Regierung die Radio Corporation of America, kurz RCA, gegründet. Zu den Gesellschaftern gehörten General Electric, AT&T und Westinghouse.Sarnoff begann als Manager bei dem neuen Unternehmen ? und fand einen Verbündeten für seine Idee eines eigenen Radiosystems: RCA-Chef Owen D. Young. Bald sendete der Konzern nicht nur Programme, sondern baute auch die Geräte. 1926 ging die NBC, eine Schöpfung Sarnoffs, als erster landesweiter Radiokanal auf Sendung. Das Medium entwickelte sich in den 1920er-Jahren in atemberaubendem Tempo. Waren 1922 in den USA nur fünf Rundfunkstationen auf Sendung gewesen, suchten noch nicht mal ein Jahr später 450 Sender ihre Zuhörer. Heute senden über 13 000 Radiostationen.Während das Radio boomte, nahm Sarnoff, der in der Hierarchie des Konzerns unaufhaltsam aufstieg, den nächsten Zukunftsmarkt ins Visier: das Fernsehen. Er engagierte den Erfinder Vladimir Zworykin, der die Television für RCA nutzbar machen sollte. 1939 konnte Sarnoff auf der Weltausstellung in New York die neue Technologie vorstellen. Zwei Jahre später begann NBC mit den ersten kommerziellen TV-Sendungen. Sarnoff sprach begeistert von der ?Geburt einer neuen Kunst?.Bei der Durchsetzung seiner Interessen war Sarnoff wenig zimperlich. Auch langjährige Freundschaften mussten dafür auf der Strecke bleiben. Mit Armstrong zerstritt er sich über die neue Sendetechnik FM (in Deutschland UKW) ? Sarnoff lehnte sie ab, obwohl sie sehr viel bessere Sendequalität versprach. Als Armstrong einen eigenen Sender aufbauen wollte, lieferte Sarnoff ihm eine wahre Prozessschlacht. Nach jahrelangem juristischem Kampf beging Armstrong Selbstmord. Auch der Fernsehpionier Philo Farnsworth hatte mit Sarnoffs Anwälten zu kämpfen. Ihm verweigerte Sarnoff Tantiemen. Neil Postman zitierte Sarnoff im ?Time Magazine? mit der Bemerkung: ?RCA zahlt keine Tantiemen. Wir sammeln sie.?Im Zweiten Weltkrieg wurde Sarnoff Berater von General Dwight D. Eisenhower. Er baute die Kommunikationswege mit auf, die die Alliierten bei der Landung in der Normandie nutzten. Eisenhower ernannte ihn zum Brigadegeneral ? bei seinen Angestellten hieß er fortan ?der General?. Der militärische Rang bedeutete Sarnoff so viel, dass er in Friedenszeiten versuchte, zum Generalmajor der Reserve aufzusteigen ? erfolglos.Zu Beginn der 1950er-Jahre wandte sich Sarnoff ? inzwischen Chef der RCA ? dem Farbfernsehen zu. Seiner geschickten Strategie war es zu verdanken, dass die RCA-Technologie 1953 US-Standard wurde. Er hatte den Herstellern von Fernsehgeräten die Patente für den RCA-Standard kostenlos zur Verfügung gestellt, und an meinungsbildenden Stellen ? darunter wichtige Redaktionen und das Weiße Haus ? ließ er auf seine Kosten Farbfernseher installieren.1966 zog sich Sarnoff aus dem Tagesgeschäft zurück, blieb aber bis zu seinem Tod RCA-Aufsichtsratchef. Sein Sohn Robert übernahm die Führung des Unternehmens. 1986 kaufte Mitgründer General Electric RCA.
Dieser Artikel ist erschienen am 28.06.2005