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Das zweite Gesicht des Dieter B.

Von Christoph Schlautmann
Der Ex-Rewe-Chef hat den Handelskonzern schwer geschädigt. Im Jahr 2000 hatte Berninghaus für seinen Arbeitgeber den Kauf der Internetfirma Nexum eingefädelt und dabei heimlich vom Verkäufer 6,5 Millionen Euro Provision kassiert. Aber sein privates Schicksal bewahrt ihn vor einer hohen Haftstrafe.
KÖLN. Im Jahr 2000 hatte Berninghaus ? damals als Mitglied der Rewe-Geschäftsleitung ? für seinen Arbeitgeber den Kauf der Internetfirma Nexum eingefädelt und dabei heimlich vom Verkäufer 6,5 Millionen Euro Provision kassiert. Die Zahlungen enthielt er nicht nur dem Finanzamt vor, in der Folgezeit erwies sich Rewes Neuerwerb, für den der Handelskonzern rund 25 Millionen Euro zahlte, zudem als weitgehend wertlos. Nun fordert Staatsanwalt Norbert Reifferscheidt für Berninghaus eine zweijährige Haftstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt werden soll.Die Geschichte seines Lebens, die Berninghaus unmittelbar vor dem Plädoyer des Staatsanwalts am Mittwochabend erzählte, lässt den unter dem Vorwurf des schweren Betrugs stehenden Spitzenmanager in einem anderen Licht erscheinen als bisher. Hinter der Fassade des skrupellosen Tausendsassas, der seinem Arbeitgeber mit windigen Tricks Millionen aus der Tasche zog, zeigte sich im Gerichtssaal für einen Moment das zweite Gesicht des Angeklagten: das eines aufopfernden Vaters zweier Söhne, der sich bis an die Grenzen des Unerträglichen gegen den Zerfall seiner Familie stemmte.

Die besten Jobs von allen

Gesprochen hat der 41-Jährige darüber in der Vergangenheit nie. Nicht einmal der Familienstand war dem Anfang 2004 zum Rewe-Vorstandssprecher ernannten Kölner zu entlocken. ?Nur Aufsichtsratschef Klaus Burghard und wenige enge Mitarbeiter haben davon gewusst?, sagt Berninghaus vor Gericht.Dann spricht er von der schweren psychischen Krankheit seiner Schweizer Lebensgefährtin, einem Leiden, das in ihrer Familie weit verbreitet sei. Den Bruder habe es bereits zu einem stationären Pflegefall gemacht, und auch Berninghaus? Lebensgefährtin traf die Krankheit, ehe der erste Sohn 2001 zur Welt kam.Ihr gesundheitlicher Zustand verschlechterte sich zunehmend. ?Manchmal bin ich nachts von Mailand nach Köln gefahren, um am nächsten Morgen unser Kind zu versorgen?, erinnert sich Berninghaus, der zu dieser Zeit für Rewes Auslandsexpansion verantwortlich war und eben erst eine schwere Lungenoperation überstanden hatte.Mit der Geburt des zweiten Sohnes 2003 verschlimmert sich die Situation. Er habe mit dem Gedanken gespielt, den Job bei Rewe an den Nagel zu hängen, sagt Berninghaus rückblickend. Doch sein Ehrgeiz war größer. ?Ende 2003 deutete sich an, dass ich die Nachfolge von Rewe-Chef Hans Reischl antreten müsste.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Kurz zuvor trennt sich seine Partnerin von ihm. Kurz zuvor trennt sich Berninghaus? Partnerin von ihm und den Kindern. ?Sie sagte, dass sie nicht mehr mit uns leben könne?, berichtet der Ex-Rewe-Chef mit belegter Stimme. Er setzt nach eigenen Angaben alle Hebel in Bewegung, um die Familie zu retten. Der Mutter seiner Kinder besorgt er ein Haus in der Kölner Lortzingstraße. Die Gelder stammen, wie sich später herausstellt, indirekt aus den illegalen Provisionszahlungen.Für über eine halbe Million Euro kauft er seinem Bruder Klaus-Dieter dessen verlustreichen Restaurantbetrieb BBS Gastro Management in Münchens Hans-Sachs-Straße ab und überredet ihn und dessen Lebenspartner, in ein gemeinsames Haus in der Kölner Lindenallee zu ziehen. Dort sollen die beiden hauptberuflich die Kinder betreuen. Auch die Summen, die Berninghaus in die Restaurantfirma pumpt, kommen von geheimen Konten, die ihm die Nexum-Verkäufer für die Hilfe beim Rewe-Deal eingerichtet haben.Als die Steuerfahndung Anfang Oktober 2004 Berninghaus? Provisionskonten aufdeckt, verliert er nicht nur den Spitzenjob bei Rewe. In einem Schadensersatzprozess fordert der Handelskonzern auch die Gelder zurück, die ihm der Schweizer Nexum-Verkäufer Parabola zugesteckt hat. Am Ende bleibt Berninghaus nur noch die private Insolvenz. Mit 3,5 Millionen Euro steht er bei Rewe in der Kreide. 3,1 Millionen ist er dem Finanzamt schuldig.?Wo ist das viele Geld geblieben?? fragt Richter Klaus-Dieter Bieber. Immerhin habe Berninghaus illegal Provisionen von 6,5 Millionen Euro und legal rund 1,5 Millionen Euro als Vergütung für seine Arbeit als Vorstandssprecher der Rewe im Jahr 2004 eingestrichen. Hinzu kamen rund 450 000 Euro Komplementärvergütung bei der Rewe-Filialtochter Deutscher Supermarkt KGaA.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Glück könnte er auch dieses Mal haben.Berninghaus führt wieder die Familie an: Seinen Cousins habe er das Studium und Autos finanziert, erzählt er. Über 5 000 Euro habe er monatlich an die Eltern verteilt. Auch andere Verwandte habe er bedacht. Sogar zu einem Zeitpunkt, als er mit hohen Rückzahlungen rechnen musste, habe er seiner Ex-Lebensgefährtin 500 000 Euro überwiesen. ?Ich hatte viel Glück im Leben, da sollte es den anderen auch gut gehen.?Glück könnte er auch dieses Mal haben. Denn üblicherweise droht bei einem solch hohen Schaden und derart schweren Pflichtverletzungen eine Höchststrafe von zehn Jahren. Dass der Strafantrag weit darunter bleibt, begründet der Kölner Staatsanwalt ? neben dem Engagement für die Familie ? vor allem mit Berninghaus? Kooperationsbereitschaft.Der allerdings gestand seinen Fehltritt erst, nachdem die Steuerfahndung Büroräume der Kölner Rewe-Zentrale durchsucht hatte. Und auch einen möglicherweise verräterischen Sachverhalt konnte er bis zuletzt nicht klären: Im April 2002 hatte Parabola mit seiner heimlichen Hilfe von Rewe einen Nachschlag für den Nexum-Verkauf erhalten. Die anschließenden Dankeszahlungen Parabolas an ihn sowie an seine Helfer fielen höher aus als die vom Kölner Handelskonzern gezahlte Summe.Die Schlussfolgerung einiger Zeugen, womöglich sei Berninghaus selbst an der Verkaufsgesellschaft Parabola beteiligt gewesen, wies Verteidiger Rainer Brüssow zurück. Aktionär der Parabola sei ein ?Schweizer Herr Schäppi? gewesen. Der lebe in Brasilien und stehe für eine Zeugenaussage nicht bereit. ?Bestimmt hat ein Aligator am Amazonas den Postboten mit der Vorladung verspeist?, lästerte ein Rewe-Jurist.
Dieser Artikel ist erschienen am 03.03.2006