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Das Vollzeit-Studium geht oft an der Realität vorbei

Klaus Landfried war von 1997 bis 2003 Präsident der Hochschulrektorenkonferenz. Im Unruhestand betätigt sich der emeritierte Politikprofessor als Wissenschaftsberater und Headhunter. Mit kritischem Blick kommentiert er für Junge Karriere monatlich die Hochschulszene.
Anstatt neben dem Studium zu jobben, sollte man besser neben dem Job studieren. Doch leider sind die deutschen Hochschulen noch nicht so weit. Bedauert Klaus Landfried.
Weltweit werden hoch qualifizierte Fachkräfte immer knapper, vor allem aber auch im kinderarmen Deutschland. Was tun? 40 Prozent und mehr eines Altersjahrgangs sollen studieren, verkünden Politiker, wie immer hoch über der Realität schwebend. Was sagt uns die Statistik? Dass die Studierneigung nicht zunimmt, sondern eher zurückgeht. Gründe dafür gibt es viele. Einer davon ist, dass Vollzeitstudium und Geld verdienen schlecht zusammenpassen. Gibt es einen Ausweg? Ja, einen, der nahe liegt: Studieren neben dem Beruf. In Großbritannien oder in den USA geht mehr als die Hälfte der Studenten diesen Weg. Schaut man in Deutschland genauer hin, klaffen Wirklichkeit und Anspruch auseinander: Zwei Drittel der Studenten arbeiten - aber leider oft "branchenfremd", zum Beispiel als Kellner.

Hochschulen organisieren die Lehre noch immer unter der falschen Annahme, das Vollzeitstudium sei die beste Lernform für alle. Für rund 15 bis 20 Prozent der Absolventen, die später in Wissenschaft und Forschung arbeiten wollen, ist das in Ordnung, wenn auch schwer zu realisieren. Aber für die anderen, die die Hochschulen als Lernort für Berufe in Wirtschaft und Gesellschaft verstehen, muss es auch anders gehen. Baden-Württemberg ist, soweit ich weiß, das einzige Bundesland, das per Gesetz ein Teilzeitstudium ermöglicht. Aber wo sind die dafür nötigen Angebote der Hochschulen an Wochenenden, am Abend? Wo gibt es die dafür nötigen neuen Lernformen wie Fernstudien oder E-Learning? Ja, es gibt sie natürlich, aber bisher als vergleichsweise zarte Pflänzchen: die Berufsakademien in Baden-Württemberg und einigen anderen Bundesländern, duale Studiengänge an manchen Fachhochschulen und spezielle berufsbegleitende Programme privater Hochschulen wie etwa der FOM. Studentenzahlen, die ins Gewicht fallen, werden aber damit noch nicht erreicht. Leider.

Die besten Jobs von allen


In Deutschland dauert vieles länger als es der internationale Wettbewerb erlaubt. Knapp 300000 Teilnehmer hatten alle deutschen Fernlehrprogramme, aber nur rund 60000 davon im Hochschulbereich. Bei der berufsbezogenen Weiterbildung gehören die Deutschen ohnehin unter die Schlusslichter der OECD-Länder. Dabei sind wissenschaftsbasierte Fort- und Weiterbildung, lebenslanges Lernen gerade heute unabdingbare Voraussetzung für einen krisenarmen Job. Das ist doch die Chance des gestuften Studienmodells: nach dem Bachelor in den Beruf, später neben dem Beruf den Master und weitere Bildungsstationen. EINE gründliche Ausbildung für EIN Berufsleben: Diese Weisheit einiger Professoren von vorgestern ist schon lange keine mehr. Unternehmen tun gut daran, gemeinsam mit Hochschulen das berufsbegleitende Studium gemeinsam weiterzuentwickeln und auch finanziell zu fördern.
Dieser Artikel ist erschienen am 28.01.2008