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Das Volk schickt seinen Helden in Rente

Von Reinhold Vetter
Lech Walesa ? als Gewerkschafter wurde er vor 25 Jahren gefeiert, als Politiker hat er sich ins Abseits manövriert und als Privatmann teuer für seine Karriere bezahlt. Eine Handelsblatt-Reportage.
HB DANZIG. Eben noch hat er sich auf das Gespräch konzentriert, über die Umweltprobleme Polens doziert. Den deutschen Abfall, der dort abgeladen wird. Die Umweltsünden der Sowjetunion, die bis heute nachwirken. Doch plötzlich springt Lech Walesa auf. Sobald er das leise ?plink? seines Computers hört, geht er zu seinem Schreibtisch und prüft seine elektronische Post. Einige Minuten später wird sich das Prozedere wiederholen, wenn die nächste E-Mail ankommt.Polens legendärer Gewerkschafter und der Computer ? das ist eine besondere Beziehung. ?Der Computer hat mir klar gemacht, dass es mit dem Kommunismus zu Ende geht?, sagt er. Wer solche modernen und nützlichen Geräte nicht herstellen könne, der habe keine Zukunft.

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Mitte der 80er-Jahre kauft sich Walesa seinen ersten Computer, um das Archiv der oppositionellen Gewerkschaft ?Solidarität? zu pflegen. Heute besitzt er in seiner Privatvilla und in seinem Büro in der Danziger Altstadt die modernste Informationstechnik. Vor dem Computer verbringt er die meiste Arbeitszeit ? um Zeitungen im Internet zu lesen, Vorträge vorzubereiten, Briefe zu beantworten, sein Büro mit einer Hand voll Mitarbeitern zu kommandieren. Wenn er nicht gerade auf Reisen ist. Mal in Japan und Korea, zwischendurch im Vatikan und in den USA, zuletzt in Mexiko.Auch heute wollen sie ihn in der ganzen Welt sehen und hören, den ehemaligen Werftenarbeiter, der von dem Kommunistenregime die erste unabhängige Gewerkschaft abtrotzte, den Friedensnobelpreis erhielt und zum ersten frei gewählten Staatspräsidenten Polens wurde. Ende August werden sie zur Abwechslung mal ihn besuchen, nach Warschau und nach Danzig reisen, prominente Politiker wie EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, der ehemalige südafrikanische Staatspräsident Nelson Mandela, Deutschlands Bundespräsident Horst Köhler. Sie werden zu Walesa kommen und ihm zum 25-jährigen Bestehen der Solidarnosc gratulieren. An den Volkshelden von einst erinnern, den Streikführer, der Polen in die Demokratie führte. Die Bilder des dürren, schnauzbärtigen Mannes in einem viel zu weiten Anzug gingen damals um die Welt.Den Schnauzbart hat der heute 62-jährige Walesa noch immer, Haare und Bart sind aber grau geworden, der Bauch hat an Umfang zugenommen. Wie 1980 ist er engagiert, voller Energie und immer auf dem Sprung. ?Mein Chef muss auf seinen Blutdruck aufpassen?, sagt seine Sekretärin. Walesa spricht laut und schnell, gestikuliert, mitunter fasst er den Besucher am Arm. Seine Antworten auf Fragen, die ihm nicht passen, beginnen mit der Formel: ?Aber ich bitte Sie, Sie scherzen wohl.? Auch sein Ego ist so ausgeprägt wie damals. ?Ich habe euch die freien Gewerkschaften erkämpft?, rief er am 31. August 1980 zu den Massen am Tor der Lenin-Werft. Vor fünf Jahren tönte er: ?Ich muss erneut Präsident werden, um in Warschau aufzuräumen.? Mit dem Gedanken trug er sich dieses Jahr wieder. Er denkt noch immer, das Wohl Polens hänge von ihm ab ? obwohl er sich schon vor Jahren durch seinen autoritären Führungsstil als Staatspräsident ins politische Abseits manövrierte.Leise und langsam, selbstkritisch und nachdenklich spricht Walesa nur dann, wenn es um seine Familie geht. Er räumt ein, dass Frau und Kinder einen hohen Preis für seine Karriere bezahlt haben. ?Als Erzieher habe ich wohl die größten Defizite?, sagt er. Sein ältester Sohn Bogdan bringt die Sache so auf den Punkt: ?In den Jahren 1980 und 1981 gab es zu Hause keinen Vater.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Ich kann nicht anders, ich mache das für Polen?Walesa und seine Frau Danuta haben vier Söhne und vier Töchter, heute zwischen 20 und 35 Jahre alt. Sie versuchen, sich ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen als Mitarbeiter im Sicherheitsdienst, als Ladenbesitzer, als Aushilfe in Walesas Büro ? aber mit mäßigem Erfolg. Sie sind daher bis heute auf die finanzielle Unterstützung des Vaters angewiesen, der deshalb noch mehr Einladungen zu Vorträgen akzeptiert, noch mehr Reisen unternimmt, um Geld zu verdienen. Den meisten seiner Kinder hat er ein Haus gekauft ? ein Versuch, sie zu entschädigen für die verpassten Gelegenheiten, für sie Vater zu sein.Wiederholt berichtete die polnische Presse genüsslich über Eskapaden der Kinder, beispielsweise Autounfälle im volltrunkenen Zustand. Die Kinder haben sie nicht verarbeitet, ihre Erfahrungen als Söhne und Töchter einer Legende. Innerhalb eines Jahrzehnts machten die Walesas den Sprung von der kargen Arbeiterexistenz zum komfortablen Leben eines Staatspräsidenten, tauschten eine Zwei-Zimmer-Wohnung in Danzigs grauem Arbeiterviertel Stogi gegen eine Villa mit Park in bester Lage in Oliwa. ?Das Geld des Staatspräsidenten hat ihnen den Charakter verdorben?, sagt eine alte Danzigerin, die die Familie schon lange kennt. Die Kinder hätten die Bodenhaftung verloren, seien arrogant geworden, teilweise auch aggressiv.Kein Wunder angesichts ihrer Erfahrungen. Zwischen 1978, als Walesa seine oppositionelle Tätigkeit begann, und 1989 erlebte die Familie beinahe täglich die Repressionen des kommunistischen Staates. Immer standen Sicherheitsbeamte vor der Haustür. Wiederholt wurde der Vater verhaftet, einmal auch für ein Jahr interniert. Mehrmals baten die älteren Kinder den Vater, seine politische Arbeit zu beenden, weil sie ein Attentat fürchteten. ?Ich kann nicht anders, ich mache das für Polen?, lautete stets seine Antwort.Immer war die Wohnung der Walesas zugleich privates Domizil, Organisationszentrale der ?Solidarität? und Interviewstudio. Den Spagat zwischen Unterdrückung und Freiheit, kommunistischer Mangelwirtschaft und kapitalistischem Überfluss haben Walesas Kinder bis heute nicht richtig geschafft.Es war immer wieder seine Frau Danuta, die alle zusammenhielt, die ein Familienleben aufrechtzuerhalten versuchte. ?Sie ist die Familien-Chefin, damals wie heute?, sagt Walesa. Seine Frau nahm 1983 in Oslo für ihren Mann den Friedensnobelpreis entgegen, weil Walesa eine Auslandsreise nicht riskieren wollte. ?Erst damals, mit 13 Jahren, habe ich begriffen, welche politische Rolle mein Vater spielte?, sagt Sohn Bogdan, der in Oslo dabei war. In den Ärger und die Enttäuschung über seinen Vater mischte sich von da an auch so etwas wie Stolz.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Walesa und seine Familie ? das ist nicht gerade das Lieblingsthema des Politrentners.Walesa und seine Familie ? das ist nicht gerade das Lieblingsthema des Politrentners. Sicher, räumt er ein, habe er zwanzig Jahre lang unter totalem Stress gestanden, immer im Fokus der Öffentlichkeit. Oft habe er sich überfordert gefühlt, schreibt er in seinen Erinnerungen. Er ist daher dagegen, dass seine Kinder in die Politik gehen. ?Sie sehen ja, was aus mir geworden ist?, sagt er.Polnische Historiker wie Jerzy Holzer sehen Walesas entscheidende Rolle darin, dass er die Massenbewegung gegen das kommunistische System angeführt habe. Er sei ?eine Mischung aus Falstaff und Volkstribun?, sagt Holzer. Walesa war die Seele, nicht aber der Stratege des Streiks. Dafür brauchte er intellektuelle Berater wie Bronislaw Geremek und Tadeusz Mazowiecki. Die haben laut Holzer die Rezepte für den Aufbau einer parlamentarischen Demokratie und einer sozialen Marktwirtschaft geliefert.Walesas Lebensphilosophie ist bis heute ganz anders als die von Wissenschaftlern und politischen Theoretikern, die ihre Konzepte aus einer systematischen Analyse der Wirklichkeit ableiten. Walesa ist ein Mann, dessen Meinungen allein aus seinen persönlichen Erfahrungen resultieren. Das Leben sei die beste Schule, meint er. ?Bücher habe ich nur gelesen, um einige Wissenslücken aufzufüllen?, sagt er eher verächtlich. ?Für mich sind nur der liebe Gott und ich wichtig.?So klingen auch seine Ratschläge, die er jungen Leuten gibt, wie ein Reflex auf sein eigenes Leben. ?Ihr müsst lernen, lernen, lernen und vor allem hart arbeiten?, sagt er den Studenten bei einer Versammlung im Polytechnikum von Danzig. Jeder sei sein eigener Kaufmann, der sich vermarkten müsse. Statt Massenbewegungen wie vor 25 Jahren seien kleine, kluge Gruppen für den Fortschritt der Gesellschaft entscheidend. Die Epoche der ?Solidarität? sei lange vorbei, heute lebe man in der Epoche der Globalisierung.Deshalb hat Walesa auch Mitte August offiziell eröffnet, seine Solidarnosc-Ära bald zu beenden und aus der Gewerkschaft auszutreten ? vorher will er aber noch mitfeiern bei den Gedenkveranstaltungen rund um den 31. August. Ob er danach seine Ankündigung wahr macht? Die meisten Polen glauben es nicht, zu häufig hat Walesa etwas gesagt und es nie verwirklicht. Vor einigen Wochen gaben Bergarbeiter in Gleiwitz Walesa den Rat: ?Es ist Zeit, in Rente zu gehen.? Das gilt auch für Legenden.
Dieser Artikel ist erschienen am 26.08.2005