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Das traditionelle Korea vor Gericht

Von Finn Mayer-Kuckuk
Die Verurteilung von Hyundai-Chef Chung spiegelt einen Kulturkampf in Koreas Wirtschaftswelt wider. Korea wurde so rasend schnell reich ? da kamen die Werte nicht mit dem Wachstum der Konzerne mit. Jetzt stand im Gerichtssaal das alte Wirtschaftswunderland einem Korea gegenüber, das moderner werden will und der Bestechung den Kampf ansagt. Doch mit Traditionen zu brechen, ist nicht einfach.
TOKIO. Die Geschichte der Verurteilung des Hyundai-Präsidenten Chung Mong-koo ist ebenso die Geschichte des armen Agrarlandes Südkorea, das sich in nur 30 Jahren auf den Stand eines Industrielandes katapultierte. Gegenseitige Kontrolle, Transparez, Kritik an den Mächtigen ? das musste erst einmal hinter dem Ziel zurückstehen, die Industrieländer einzuholen. Jetzt stand im Gerichtssaal auf der einen Seite Patriarch Chung, auf der anderen Seite die Staatsanwälte, die im Auftrag der Regierung internationale Standards bei der Kontrolle der Unternehmen durchsetzen sollen.Chung ist 68 Jahre alt. Bezirksrichter Kim Dong-o hat ihn schuldig befunden, Firmengeld beseite geschafft und Beamte bestochen zu haben. ?Der Angeklagte hat seine Position als Präsident der Hyundai Motor Group ausgenutzt, um heimlich sehr große Summen umzuleiten und das Geld für eigene Zwecke zu nutzen?, befand der Richter. ?Dieses Verhalten verletzt die Verlässlichkeit des Managements und der Selbstkontrolle. Falsche Praktiken müssen ausgemerzt werden, um die südkoreanische Wirtschaft fortschrittlich zu machen.? Chung selbst hat Fehler eingestanden, doch immer wieder hinzugefügt, er habe nichts wirklich Unrechtes getan.

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Der Hyundai-Chef hat gemacht, was in Korea schon immer üblich war. Er wollte für seine Familie das sichern, was ihr seiner Ansicht nach zusteht. Er hat Personen, die wichtig für seine Ziele waren, mit Geld beschenkt. Als Geldquelle hat er den Hyundai-Konzern genutzt ? und den halten die Chungs für ihr Eigentum. Chung Vater Ju-yung hat das Unternehmen 1947 gegründet. ?Hyundai? bedeutet ?modern? - ein ehrgeiziger Name, schließlich bestand das Startkapital nur aus einer Handvoll Won. Doch Hyundai machte diesem Namen Ehre. Unter der Führung Chung Ju-yungs wuchs die Firma in den folgenden Jahrzehnten zum Milliardenkonzern heran. Den Anfang machte eine Baufirma, dann kamen Dienstleistungen, Handel und Industrie dazu.Zunächst stellte das Unternehmen Fahrräder her, dann auch Radios, später Schiffe. 1967 gründete Chung eine Autosparte, die zunächst keine eigenständigen Modelle anbot, sondern mit westlichen Firmen zusammen produzierte. Erst 1975 brachte Hyundai Motors das erste komplett selbst enwickelte Auto auf den Markt. Tatsächlich verdankt Korea dem älteren Chung einen Weltkonzern ? während es das Verdienst von Chung Mong-koo ist, aus der Billigmarke einen Autobauer zu machen, der heute auch für Design und Qualität bekannt ist.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Eine Hoffnung bleibt ChungDer koreanische Industrieverband sprach sich dafür aus, Chung freizusprechen, damit Hyundai seine derzeit zahlreichen Probleme in den Griff bekommen kann ? ein gültiges Argument in einem Land, das seit 40 Jahren die Priorität klar auf Wirtschaftswachstum setzt. Hyundai heißt zwar nach wie vor ?modern?, doch vielen jungen Koreanern zufolge gehört er in eine Zeit, wo kodifiziertes Recht und die Bedürfnisse des Einzelnen sich dem großen Ziel unterzuordnen hatten, zu den Ländern des Westens und vor allem dem Rivalen Japan aufzuschließen. Das bisschen Industrie, das Korea unter der japanischen Kolonialherrschaft aufgebaut hatte, wurde im Koreakrieg bis 1953 völlig zerstört.Das Land fing bei Null an ? noch wesentlich unter dem Stand Deutschlands nach dem zweiten Weltkrieg, weil es kaum eigenständige Industrie besessen hatte und beispielsweise nicht über Ingenieure und Naturwissenschaftler verfügte. Aus Bauern wurden sowohl Arbeiter als auch Industrielle. Das Wirtschaftswunder entstand in den Strukturen ostasiatischen Familiendenkens.Chung Mong-koo hat die Macht bei der Hyundai Motor Group erst 1999 von seinem Vater übernommen. Doch in den dreißig Jahren davor hat er sich darauf vorbereitet, die Rolle seines Vaters einzunehmen ? und der wiederum hat trotz allen Familienstreits den Konzern darauf vorbereitet, von seinen Söhnen regiert zu werden. Direkt nach der Uni trat Chung in die Autosparte des Konglomerats ein. Damals gehörten die Unternehmen, die unter dem Namen Hyundai laufen, noch alle zu einer Gruppe. Zwischendurch sah es so aus, als ob sein ebenfalls sehr umtriebiger jüngerer Bruder Mong-hun ihm den Chefposten der Motorsparte wegschnappen würde. Doch Mong-hun stürzte sich wegen eines Bestechungsskandals vom Hochhaus.Die koreanische Regierung versucht das Land derzeit attraktiver für Investoren zu machen und will den Aktionärsnutzen vor die Familienbande stellen. Als die Staatsanwaltschaft Wind von den schwarzen Kassen bei Glovis bekam, musste Chung Mong-koo im April 2006 für zwei Monate in Untersuchungshaft. Derzeit ist auf Kaution frei ? und wird es vorerst auch bleiben, denn Bezirksrichter Kim hat keine Verhaftung angeordnet, solange Chungs Anwälte in Berufung gehen. Für das laufende Jahr hat sich Hyundai wieder ehrgeizige Wachstumsziele gesetzt. Doch zu harter internationaler Konkurrenz, einer weiteren Aufwertung der Landeswährung Won und weiter drohender Streiks der Belegschaft kommt nun die Belastung des Chefs durch immer neue Gerichtsverfahren. Die Zeit im Gerichtssaal ist für ein Unternehmen verloren, das ohne Entscheidungen der Familie Chung nicht handlungsfähig ist.Doch eine Hoffnung bleibt Chung. Im Dezember stehen Präsidentenwahlen an, und der derzeitige Amtsinhaber Roh Moo-hyun darf nicht wieder antreten. Aus dem Hyundai-Konzern ist bereits zu hören, dass das Berufungsverfahren in eine Zeit fallen könnte, in der ein neuer Präsident die Staatsanwaltschäft wieder auf Nachgiebigkeit gegebenüber den Konglomeraten in Familienbesitz anhält.
Dieser Artikel ist erschienen am 05.02.2007