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Das Tal der Tränen ist durchschritten

Von Christoph Hus, Handelsblatt
Kaum haben Unternehmen die Konjunkturkrise überwunden, können sich deutsche Manager wieder auf breiter Front über steigende Gehälter freuen. Im internationalen Vergleich fällt die Steigerung für deutsche Führungskräfte dennoch bescheiden aus.
HB DÜSSELDORF.Im internationalen Vergleich fällt die Steigerung für deutsche Führungskräfte dennoch bescheiden aus. In mehreren europäischen Nachbarländern ist der Zuwachs weitaus höher als hier zu Lande. Das sind die Ergebnisse der Studie ?Global Compensation Planning Report? der Unternehmensberatung Towers Perrin, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt.Die Berater von Towers Perrin haben Kunden in 65 Ländern befragt, wie sich die Vergütung der Führungskräfte entwickelt. Insgesamt haben 2 800 Unternehmen geantwortet.

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Das Ergebnis für Deutschland: Sowohl Top-Manager als auch Führungskräfte der nachfolgenden Hierarchieebenen können sich über steigende Gehälter freuen. Im laufenden Jahr betrug der Anstieg bei den obersten Unternehmenslenkern im Durchschnitt 2,9 Prozent. Für 2005 erwartet Towers Perrin einen Anstieg von 3,1 Prozent. Ein ähnliches Bild ergibt sich für Positionen im mittleren und unteren Management. Hier stiegen die Gehälter im laufenden Jahr um 2,8 Prozent ? nur etwas langsamer als bei den Top-Positionen. Im kommenden Jahr soll das Plus 3 Prozent betragen. ?Die Zahlen belegen, dass das Tal der Tränen endgültig durchschritten ist?, urteilt Towers- Perrin-Berater Dirk Ewert, der die Deutschland-Daten erhoben hat.In den großen Ländern Europas können sich Führungskräfte über wesentlich kräftigere Gehaltssprünge freuen als in Deutschland. Besonders hoch fiel die Steigerung der Top-Manager-Gehälter mit 4,3 Prozent in Italien aus. Es folgen Spanien mit 3,8 Prozent, Großbritannien mit 3,4 Prozent und Frankreich mit 3,1 Prozent.Dennoch haben deutsche Top-Manager keinen Grund zur Sorge: Vorstände verdienen hier zu lande im Schnitt 30 Prozent mehr als ihre Kollegen in Frankreich, den Niederlanden, Italien oder Großbritannien. Wenn auch immer noch rund ein Drittel weniger als Unternehmenslenker in den USA. Das ergab eine Untersuchung der Hay Group (Handelsblatt vom 26.11.2004).Obwohl die Managergehälter in Deutschland 2005 im Schnitt noch schneller wachsen sollen, ist die Zeit regelmäßiger Steigerungen vorbei. Statt auf das Gießkannen-Prinzip setzt die Mehrheit der Unternehmen inzwischen auf individuell unterschiedliche Gehaltszuwächse. ?Entscheidend ist allein die Leistung eines Managers?, betont Berater Ewert von Towers Perrin. ?Die Schere geht immer weiter auseinander. Es gibt alles, von Nullrunden bis zu Zehn-Prozent-Steigerungen.?Lesen Sie weiter auf Seite 2:Wo das Geschäft brummt, zeigen sich Unternehmen gegenüber guten Managern zunehmend generösKnauserig zeigen sich solche Unternehmen, bei denen keine hohen Gewinne sprudeln. Deshalb ergibt sich nicht einmal innerhalb einzelner Branchen ein einheitliches Bild.Wo das Geschäft brummt, zeigen sich Unternehmen gegenüber guten Managern zunehmend generös. ?In vielen Branchen ist schon wieder ein Kampf um die besten Köpfe entbrannt?, berichtet Ewert. Deshalb steigen die Gehälter der Unternehmenslenker schneller als die der zweiten Führungsebene. ?Viele Unternehmen sind wieder stärker bereit, Bestleistungen ihrer Top-Manager mit herausragenden Gehältern zu belohnen?, unterstreicht Ewert.Die Manager hegen dabei vor allem einen Wunsch: Statt nach Aktienoptionen und Boni verlangen sie nach einem hohen Festgehalt. Hintergrund sind schlechte Erfahrungen mit flexiblen Gehaltsanteilen und das Bedürfnis nach Sicherheit. Aktienoptionen entpuppten sich häufig als Nullnummer, weil der Kurs der Unternehmensanteile abstürzte. ?Jetzt wollen auch Führungskräfte genau planen können, wie viel Geld sie wann auf ihr Konto bekommen?, sagt Ewert. Das funktioniert am besten, wenn der Arbeitsvertrag ein hohes Fixgehalt und einen Erfolgsbonus vorsieht.Der Wunsch der Angestellten nach mehr Sicherheit kollidiert aber oft mit Interessen der Anteilseigner. ?Unternehmen versuchen immer öfter, eine variable Vergütung durchzusetzen?, berichtet der Kölner Personalberater Klaus Leciejewski. ?Großkonzerne schrauben die variable Manager-Vergütung eher zurück als kleinere Unternehmen ? die bleiben länger standhaft?, so Leciejewski.Beispiel Technologieunternehmen: Hier haben viele Führungskräfte besonders schlechte Erfahrungen mit Optionsprogrammen gemacht und drücken jetzt erfolgreich höhere Festgehälter durch. Die Manager der Branche sind in einer vergleichsweise luxuriösen Position ? der Kampf um die besten Köpfe stärkt ihr Gewicht gegenüber den Arbeitgebern. Das belegt auch ein Gehaltsplus, das deutlich über dem anderer Branchen liegt. Top-Manager und Führungskräfte der nachfolgenden Ebenen strichen im laufenden Jahr 3,7 Prozent mehr Geld ein als im Jahr zuvor. Auch 2005 übertrifft das Wachstum mit je 3,3 Prozent das anderer Branchen.Für Verunsicherung in Managerkreisen sorgt eine aktuelle Diskussion: Sollen Vorstandsgehälter einzeln veröffentlicht werden, wie es der Corporate-Governance- Kodex fordert? Towers-Perrin-Berater Ewert gibt Entwarnung: Wer die Gehälter der Vorstände einzeln ausweise, müsse keine Abwärtsspirale fürchten. ?Der Aufsichtsrat wird bei der Entscheidung über Vorstandsgehälter auch weiterhin rationalen Argumenten folgen.? Und dass die Gehälter sinken, nur weil sie veröffentlicht sind, das erwarten die Gehaltsexperten von Towers Perrin nicht.
Dieser Artikel ist erschienen am 10.12.2004