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Das Spiel mit dem Feuer

Astrid Oldekop
Immer begeistert, immer einsatzbereit, immer erfolgreich. Wir brennen für unseren Job. Die Kehrseite: Die Zahl der Ausgebrannten steigt. In der Generation Praktikum droht ein Flächenbrand. Mindestens 300.000 Menschen in Deutschland leiden am Burnout.
Immer begeistert, immer einsatzbereit, immer erfolgreich. Wir brennen für unseren Job. Die Kehrseite: Die Zahl der Ausgebrannten steigt. In der Generation Praktikum droht ein Flächenbrand

Wenn schon Alpen, dann müssen es die Viertausender sein. Mit kleineren Bergen gibt sich Freizeit-Kletterer Andreas Huber* gar nicht erst ab. Auch in seinem Berufsalltag hält sich der smarte 36-Jährige nie mit Kleinigkeiten auf: MBA in Frankreich in zwei statt drei Jahren - neben dem Fulltime-Job in der Pharma-Branche. Wechsel in die Beratung nach München. Sofort in mehrmonatige internationale Projekte und gleichzeitige Promotion im Ausland.
Huber nennt sich gern "mobile intelligence worker". Einer jener schnellen, flexiblen Menschen, die kaum noch Grenzen kennen: zwischen Ländern, Zeitzonen sowie Arbeit und Privatem. Die sich durch hohes Engagement und hohe Erwartungen an sich selbst und ihre Umgebung auszeichnen. Seit April hat er für sich ein neues Wort: Burnouter.
Nach sieben Jahren des Schneller-Höher-Weiter war der Akku auf einmal leer. Der immer gut gelaunte Huber, der zuvor am Wochenende lässig nach New York gejettet war - nur um seinen Lufthansa-Senator-Status zu halten, war plötzlich müde, unkonzentriert und reizbar. Wenn er am Flughafen beim Einchecken fünf Minuten warten musste, machte er dem Service-Personal eine Szene. Seine Kreativität war weg, die Arbeitsergebnisse wurden schlechter. Die Gelenke schmerzten, der Extremsport brachte nicht die gewohnte Erholung, jeder Infekt warf ihn aus der Bahn.

Die besten Jobs von allen


Mit 23 am Ende
Mindestens 300.000 Menschen in Deutschland leiden wie Huber am Burnout. Nicht die Schwachen, Leisen oder Midlife-Crisis-Geplagten brennen aus. Es sind die Engagierten, Leistungsstarken, die der jähe Energieverlust trifft wie ein Schlag. Die, von denen man es nie gedacht hätte, obwohl es so folgerichtig erscheint: Nur wer für das, was er tut, brennt, kann auch ausbrennen.
Und das Alter der Burnout-Gefährdeten sinkt: Jung-Promis wie Oliver Kahn (36), Sven Hannawald (30), Sebastian Deisler (25) und Britney Spears (23) outen sich als Burnout-Opfer. Auch unter Nichtprominenten wächst der Druck enorm. Nach einer aktuellen Leserumfrage von karriere leidet mehr als ein Drittel unter extremer Arbeitsbelastung, jeder Fünfte fürchtet um seinen Job.

Feuermelder

Bin ich ein Burnouter? Psychologe Matthias Burisch nennt sieben typische Alarmsignale:

1. Ständig unter Strom: Hyperaktivismus, Gefühl der Unentbehrlichkeit, Zeitdruck, Verleugnung eigener Bedürfnisse, Beschränkung sozialer Kontakte auf den Job, chronische Müdigkeit
2. Hass auf den Job: Desillusionierung, innerer Rückzug, Zynismus, Widerwillen gegen das Büro und die Kollegen, Arbeiten fürs Geld - Leben für die Freizeit, Gefühl mangelnder Anerkennung
3. Gefühlschaos: Selbstmitleid, Humorverlust, unbestimmte Nervosität, abrupte Stimmungsschwankungen, Labilität, Ungeduld, innere Leere, Reizbarkeit, Misstrauen, Schuldzuweisung, Konflikthäufung
4. Leistungsabfall: Konzentrationsschwäche, Kapitulation vor komplexen Aufgaben, Unfähigkeit zu Entscheidungen und klaren Anweisungen, Antriebsarmut, verringerte Fantasie und Flexibilität, Widerstand gegen Veränderungen
5. Null Bock auf nichts: Desinteresse an der Umwelt, Eigenbrötlereien, Aufgeben von Hobbys
6. Körper-Streik: Anfälligkeit für Infekte, Schlafstörungen, Atembeschwerden, Herzklopfen, Verspannungen, Rücken- und Kopfschmerzen, Verdauungsstörungen, Übelkeit, Gewichtsveränderungen
7. Verzweiflung: negative Einstellung zum Leben, Hoffnungslosigkeit, Gefühl der Sinnlosigkeit, Selbstmordgedanken

Quelle: Matthias Burischs neues Buch "Das Burnout-Syndrom. Theorie der inneren Erschöpfung" erscheint im Oktober im Springer-Verlag, Heidelberg
Private Probleme potenzieren die Belastung: Laut einer Emnid-Untersuchung befindet sich jeder Zweite dauerhaft im Stress. Besonders anfällig sind Manager der mittleren Ebene, die Druck von oben und unten erleben, ITler in ausufernden Projekten mit harten Deadlines, Selbstständige und Menschen aus helfenden Berufen mit hohen Idealen, die permanenten Frust erleben, wie Ärzte oder Lehrer.
Doch auch die Generation Praktikum findet sich unter den Ausgebrannten. Beispiel Hilmar Oertel*. Ein Semester vor dem Vordiplom hat der 23-jährige BWL-Student aus Erlangen das Gefühl, in die falsche Richtung zu laufen. Lähmende Sinnlosigkeit befällt ihn. Oertel starrt wochenlang ständig an die Decke, schottet sich ab, vernachlässigt alle Kontakte - Warnsignale für einen drohenden Burnout. Erst ein radikaler Kurswechsel reißt ihn aus seiner Apathie. Er bricht das Studium ab und wechselt zur Siemens Technik Akademie. "Es war, als wäre ich auf einen Schatz gestoßen. Plötzlich gab es wieder etwas, das mich interessierte", erinnert sich der Fast-Burnouter. Oertel musste nicht länger ungeliebte Ziele verfolgen oder überzogenen Erwartungen genügen.
Druck von allen Seiten > "Junge Leute, die Karriere machen wollen, sind perfekte Opfer", sagt Angelika Kallwass, Volkswirtin und Psychologin mit eigener TV-Sendung. "Sie bringen höchsten Einsatzwillen mit und die Bereitschaft, alles auf später zu verschieben: normale Arbeitszeiten, Familie, Freizeit. Die Mannheimer Psychologie-Dozentin Christiane Papastefanou fügt hinzu: "Wer jahrelang auf befristeten Stellen sitzt, lebt auf einem Pulverfass." Der Generation Praktikum droht ein Flächenbrand.
Burnout ist längst kein Topmanager-Privileg mehr, im Gegenteil. "Er entsteht an der Schnittstelle zwischen der Umwelt und der eigenen Person und kann die meisten Menschen treffen", weiß Burnout-Beraterin Stephanie Dann. Jesuitenpater und Managementtrainer Benno Kuppler macht vor allem Selbstausbeutung als Burnout-Ursache aus: Die oft unbegründete Angst, das Pensum nicht zu schaffen und vor dem Chef schlecht dazustehen, mache viele Menschen zum Workaholic. "Der vorauseilende Gehorsam setzt sie zusätzlich unter Stress."
TV-Psychologin Angelika Kallwass kennt die subtilen Stressfaktoren: "Es gibt unausgesprochene Normen in vielen Unternehmen, die in keinem Arbeitsvertrag stehen: Man muss immer gut drauf sein, alles geben und alle störenden Gefühle wegschieben. Und es steckt eine große Verführung in der Botschaft: ,Du bist unersetzbar! Wenn du zu uns gehörst, dich über uns definierst, geben wir dir die Möglichkeit, groß zu werden.' In gewisser Weise ist dies eine Form von moderner Leibeigenschaft."

Sabbatical als Sanatorical
Der 36-jährige Unternehmensberater Andreas Huber hatte Glück und fand einen Arzt als "Burnout-Mentor". Keine Selbstverständlichkeit, denn noch immer ist Burnout als Krankheit umstritten. Huber bekam drei Wochen lang starke Medikamente und nahm schließlich ein Sabbatical. Jetzt will er sich erholen und seine Doktorarbeit beenden. Damit liegt er im Trend, wie eine Studie von Bremer Sozialwissenschaftlern beweist: Die meisten Männer nutzen den Ausstieg auf Zeit, um sich zu regenerieren. In Deutschland sind Sabbaticals schon längst zum heimlichen Sanatorical avanciert.
Wie es nach dem Sabbatical weitergeht, weiß Huber noch nicht. Murphys "Think positive, tomorrow will be worse" ist zum Leitspruch des 36-Jährigen geworden. Vielleicht geht er Mitte nächsten Jahres zurück in die Beratung, vielleicht in die Selbstständigkeit. Fremdbestimmten Stress will er künftig vermeiden und auf Pseudo-Status-Symbole wie seine Lufthansa-Senator-Card lieber verzichten, die ihn nur zu unnötigen Reisen verführt habe. "Auch meine Einstellung: ,You can sleep, when you're dead' habe ich revidiert." "Ausbrennende müssen lernen, wieder ein Gefühl für sich selbst zu entwickeln und eigene Bedürfnisse zu sehen - unabhängig vom beruflichen Erfolg", sagt Managementtrainer Kuppler. Stressmanagement und Entspannungsübungen könnten da helfen. Burnout-Gefährdeten rät der Experte zur Pflege sozialer Bindungen: "Bitten Sie Ihre Freunde, sich zu melden, wenn Sie es selbst nicht mehr tun."
Auch Stephanie Dann ist für praktische Selbsthilfe und rät, das Burnout-Problem gleich bei der Wurzel zu packen. Leide man unter dem belasteten Verhältnis zum Vorgesetzten, könne das in einer ruhigen Minute durchaus thematisiert werden. Bei zu viel Arbeit müsse man mehr Unterstützung verlangen, auch mangelndes Feedback könne man einfordern.

Männliches Tabu
Leicht gesagt. Hubers zaghafte Versuche, mit Kollegen über seine Situation zu sprechen, brachten null Feedback. "Man spricht nicht darüber. Wir sind doch alle toll, schön und erfolgreich. Leute, die ihr eigenes Image ankratzen, bekommen keine guten Projekte mehr. Dann ist es aus mit dem Traumjob." Mit dem Tabu-Wort Burnout tun sich vor allem erfolgsorientierte Männer wie Huber schwer. "Sie überhören häufig die Anfangssymptome. Selbst mit einem hohen Grad an Burnout funktioniert ein Mann noch", weiß Managertrainer Benno Kuppler. "Frauen holen sich da rechtzeitiger Hilfe.

Experten-Chat

Wie merke ich einen Burnout? Wann muss ich die Notbremse ziehen? Wie reagiere ich, wenn ein Kollege geradewegs auf die Flamme zusteuert? Woran erkennen Bewerber einen gesunden, stressarmen Arbeitsplatz? Fragen rund um das Ausgebranntsein beantwortet Burnout-Beraterin Stephanie Dann (www.ichkannsonichtarbeiten.net) online unter www.karriere.de/VIP.

Chat-Termin: Donnerstag, 15. September, von 18 bis 19 Uhr

Die Mitgliedschaft im Online-Netzwerk karriere VIP-Lounge kostet ab zwölf Euro für ein halbes Jahr.
Ruth Heimersdorf* arbeitete bei einem mittelständischen IT-Unternehmen, als sie der Burnout überfiel: Ständige Auslandsreisen, Vertretungen des erkrankten Projektleiters und fehlende Kontakte am bayerischen Wohnort hatten die 31-Jährige mürbe gemacht. Als sie spürte, dass sie geradewegs auf einen Burnout zusteuerte, ging sie in die Offensive und suchte das Gespräch mit ihrem Chef. Der zeigte sich auch verständig, sorgte für kurzzeitige Entlastung, gewährte zwei Wochen Urlaub und wähnte alles wieder im Lot. Strukturelle Veränderungen wie die nötige Unterstützung durch zusätzliche Kollegen blieben jedoch aus.
Im Januar 2005 hatte sie 26 Tage Resturlaub und 300 Überstunden angehäuft, Heimersdorf saß in der Arbeitsfalle. "Ich wurde nervös und aggressiv, hatte keine Zeit, Lust und Muße mehr, irgendetwas zu tun, und wollte mit niemandem mehr sprechen." Die Wochenenden reichten nicht mehr, um Energie nachzutanken, Verspannungsschmerzen raubten ihr den Schlaf. Schließlich zog Heimersdorf die Reißleine und kündigte: "Ich hatte genug. Ich wollte wieder Ich sein."

Gesunder Arbeitsplatz
In ihren Vorstellungsgesprächen checkt Heimersdorf nun, wie gesund ihr potenzieller Arbeitsplatz ist. "Im Jobinterview kann man gut beobachten, wie Führungskräfte miteinander umgehen", erklärt Beraterin Dann. "Bewerber sollten nach der Meeting- und Arbeitszeitkultur fragen. Wenn Manager der mittleren Ebene acht Stunden in Meetings sind und kaum Zeit haben, ihre eigentliche Aufgabe wahrzunehmen, stimmt etwas nicht."
Wenn in der Jobbeschreibung gleichzeitig Teamfähigkeit und Durchsetzungsvermögen gefordert sind, sollten Bewerber hellhörig werden: "Beides geht selten." Psychologin Angelika Kallwass rät, im Gespräch auf den eigenen Bauch zu hören: "Habe ich das Gefühl, da saugt ein Blutegel an mir, oder ist in dem Unternehmen auch menschliches Lachen möglich?"
Ruth Heimersdorf sucht im Jobinterview nicht nach Ausflüchten, wenn sie gefragt wird, warum sie gekündigt habe, ohne Aussicht auf eine neue Stelle. Das sei zwar manchmal heikel, doch einige Chefs haben sie verstanden und haben mit ihr über die Unternehmenskultur diskutiert. "Ich habe kein Problem damit, Überstunden zu machen, es geht mir nicht um die Quantität der Arbeit", sagt Heimersdorf dann. "Aber ich erwarte Unterstützung vom Unternehmen in schwierigen Situationen und bin nicht mehr bereit zum Windmühlenkampf." Zwei Stellenangebote hat die ITlerin inzwischen in der Tasche. Manchmal wird Mut eben auch belohnt.?

*Name von der Redaktion geändert
Dieser Artikel ist erschienen am 29.08.2005