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Das Spiel ist aus

Von Axel Postinett, Handelsblatt
John Riccitiello, President und Chief Operating Officer des Weltmarktführers bei Video- und Computerspielen Electronic Arts, verlässt überraschend und auf dem Höhepunkt seiner Karriere das Unternehmen.
Zusammen mit dem Silicon Valley Investor Roger McNamee, Mitgründer der Private Equity Firmen Integral Capital Partners and Silver Lake Partners, will er in Zukunft in Fimen-Buy-Outs und Start-Ups im Bereich Medien- und Unterhaltungsindustrie investieren. Mit Hinweis auf rechtliche Restriktionen lehnten beide bislang detailliertere Kommentare zu ihrem neuen Fonds ab, der nach unbestätigten Medieninformationen eine Milliarde Dollar einsammeln will.Als Riccitiello 1997 bei Electronic Arts, kurz ?EA? genannt, anheuerte, machte das kalifornische Unternehmen mit PC- und Videospielen einem Umsatz von rund 670 Mill.$. Die Börsenkapitalisierung lag bei rund 2,3 Mrd.$. Als er letzte Woche mit sofortiger Wirkung von seinen Ämtern zurücktrat, dürfte der Umsatz im gerade zuende gegangenen Finanzjahr die 3 Mrd.$-Marke überschritten haben. Die Börsenkapitalisierung liegt bei über 16 Mrd.$ und die EA-Aktie notierte nahe ihres Rekordhochs.

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EA wurde unter seiner Führung zum ?Microsoft der Videospieleindustrie?, wie auch Wettbewerber neidlos einräumen. Er machte endgültig Schluss mit der Mär vom pickligen, Pizza-essenden Spieleprogrammierer, der im Halbdunkel seines Jugendzimmers auf der Tastatur rumhackt. Spiele entwickeln bei EA ist heute Industriearbeit für Profis, die Budgets gehen in die Millionen und Lizenzgeber wie die großen Hollywood-Studios erwarten absolute Termintreue. Ist das Spiel nicht rechtzeitig zum Filmstart fertig, kostet das alle Beteiligte viel Geld.Hatte EA im Jahr 2000 noch 13 Spiele, die jeweils mehr als 1 Mill. mal im ersten Jahr verkauft wurden, waren es 2003 schon 27. Gerade wurde ein neues Entwicklerzentrum in der Filmmetroploe Los Angeles eröffnet. Spieleserien wie das Footballgame ?Madden NFL?, Fifa Soccer und ?The Sims? - haben bereits je über 1 Mrd.$ eingespielt. Die ?Sims? brauchten dafür gerade einmal vier Jahre. Und Electronic Arts ist siegen gewohnt: Bei der Videokonsole PS2 von Sony etwa haben EA-Spiele in den USA einen Marktanteil von 30%. Sony selber kam im Kalenderjahr 2003 gerade auf 12%, hat der Branchendienst NPD ermitelt. Bei Microsofts X-Box hält EA 23% der Softwareumsätze, Microsoft 16%.Besonders EA-Sportspiele genießen in der Szene einen legendären Ruf. Der polyglotte Markenartikler Riccitiello, der 1983 in Deutschland bei Henkel arbeitete, weitete die Lizenzpolitik bei EA über den Sport hinaus in den Hollywood-Bereich hinein. Ob EA für ein Produkt Spiele anbietet oder nicht, kann heute kriegsentscheidend sein: Als der Riese aus Redwood City etwa durchblicken ließ, dass man nicht für Segas ?Dreamcast? entwickeln werde, war für viele Beobachter das Schicksal der - mittlerweile verschwundenen - Spielekonsole schon halb besiegelt.Entsprechend aufmerksam wurde der latente Konfrontationskurs des Managers mit dem allzeit gewinnenden Lächeln mit dem Branchenneuling Microsoft beobachtet. Bis heute ist EA nicht beim Online-Service ?X-Box Live? vertreten, wohl aber bei der Konkurrenzplattform von Sonys PS2. Microsofts Geschäftsmodell passt EA nicht. Verantwortlich im Vorstand für das Onlinegeschäft: John Riccitiello. Für Microsoft ist Onlinegaming ein zentraler Angriffspunkt, um irgendwann noch einmal an Sonys Marktführerschaft bei Videokonsolen kratzen zu können.Der ?Kampf um die Wohnzimmer? wird hart werden, wenn 2006 die neue Konsolengeneration der beiden Streithähne mit fast kinoreifer Grafik und verbesserter Onlinefähigkeit kommen dürfte. Und Electronic Arts hält die Lizenzen für die großen Umsatzbbringer im Sportgeschäft, von Formel 1 bis Tiger Woods. Bis dahin, so die Meinung vieler Branchenbeobachter, wird das ?X-Box-Live?-Problem gelöst sein - wie auch immer. ?Vielleicht wird EA ja ohne ihn Microsoft-kompatibler?, spekuliert ein Manager eines Wettbewerbers. Wenige Tage vor Riccitiellos Rücktritt meldete der Branchen-Onlinedienst www.ign.com jedenfalls, dass Microsoft für 2004 erst einmal die weitere Entwicklung von Sportspielen gestoppt hat. Kevin Brown, Manager des Studios XSN machte auch Qualitätsdefizite gegenüber den EA-Spielen dafür verantwortlich.Seitdem rätselt die Branche, wie und wo sich Microsoft die wichtigen Sportspiele beschaffen wird. Riccitiello Nachfolger wird da mitreden wollen. Aber noch steht nicht fest, wer es sein wird. Chairman Larry Probst hat erst einmal die Aufgaben vorübergehend übernommen. EA, so ein Sprecher, sucht ?innerhalb und außerhalb des Unternehmens? nach einem neuen COO. Wer immer es sein mag: Ein Problem hat im John Riccitiello jedenfalls noch zurückgelassen: Während EA in Amerika und Europa immer neue Triumpfe feiert, liegt Asien brach. Im Weihnachtsquartal 2003 kamen von 1,475 Mrd.$ Umsatz ganze 64 Mill.$ aus Asien-Pazifik einschließlich Japan, dem zweitwichtigsten Videospielmarkt der Welt. Da sanken die Umsätze sogar um 29%. Und das, obwohl Baseball in Nippon nun wirklich populär ist.
Dieser Artikel ist erschienen am 12.04.2004