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Das späte Glück der Niederlage

Von Silke Kersting, Handelsblatt
Eigentlich wollte Rodrigo Rato Premier in Spanien werden. Jetzt soll der Architekt des spanischen Wirtschaftswunders den Internationalen Währungsfonds führen.
IWF-Kandidat Rodrigo Rato (r.) gemeinsam mit EU-Wirtschafts- und Währungskommissar Pedro Solbes im April in Madrid. Foto: dpa
HB Madrid. Damit ist es vorbei: Vor vier Wochen haben seine Konservativen unter dramatischen Umständen die Parlamentswahlen verloren, jetzt ist Machtwechsel, Amtsübergabe. Enttäuscht sieht Rato nicht aus. Warum auch? Für den 55 Jahre alten Politiker ist der Abschied von der Regierungsbank ein Karrieresprung: Rato gilt als Favorit für die Nachfolge von Horst Köhler als Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington.Daheim in Madrid wartet schon sein Nachfolger, Pedro Solbes, als Rato am schmucklosen Ministerium vorfährt. Solbes greift wenig später beherzt mit beiden Händen zu der schwarzen Aktentasche, die ihm Rato reicht und ihm noch wohl bekannt ist: Er selbst hatte sie Rato 1996 in die Hände gedrückt. Schließlich war der EU-Kommissar schon einmal Wirtschafts- und Finanzminister, damals unter Felipe González.

Die besten Jobs von allen

Solbes und Rato grinsen breit. Die beiden kennen sich, die beiden verstehen sich. Eigentlich hält Rato nicht viel von den Sozialisten, weil er glaubt, sie würden ?den Markt durcheinander bringen?. Doch bei Solbes liegen die Dinge anders, der Mann hat in Brüssel auf Haushaltsdisziplin gesetzt ? wie Rato in Madrid. Und profitiert dieser nicht auch davon, dass der neue Premier, ein Sozialist, die IWF-Kandidatur des Konservativen unterstützt?Die beiden Kandidaten: Der Spanier Rato und der Franzose LemierreSchritt für Schritt hat Rato in den vergangenen Tagen auch international an Terrain gewonnen, gestern gelang ihm der Durchbruch. Frankreich zog die Unterstützung für den deutsch-französichen Favoriten, Jean Lemierre, zurück. Dass es auf Rato zuläuft, hat sich in der vorigen Woche abgezeichnet, als sich Spekulationen verdichten, auch die US-Regierung präferiere Rato. Die Briten schwenken auf diese Linie ein, einige Journalisten erhalten entsprechende Informationen. Damit ist klar, dass Lemierre isoliert ist.Als der Franzose am Sonntag zur Jahrestagung der Osteuropabank im Londoner Hilton Hotel vorfährt, taxieren Mitarbeiter dessen Chancen nur noch auf 20 Prozent. Der Franzose lächelt tapfer hinter seiner ovalen Brille, doch zum abendlichen Empfang der Osteuropabank im britischen Museum erscheint er gar nicht erst ? vielleicht auch, um im Umfeld der dort ausgestellten ägyptischen Mumien nicht die falschen Überschriften zu provozieren. Rato aber zeigt zur gleichen Zeit in Madrid beste Laune. Einen Tag später tritt die französische Regierung den Rückzug an. Jean Lemierre wird die Osteuropabank weitere vier Jahre leiten. Damit ist der Weg für den Spanier frei.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Führte ein Zufall Rato in die Politik?Einmal mehr hat sich Rato, der gewiefte Taktiker, durchgesetzt. Dem Jesuitenschüler, der Jura in Madrid studierte und ein MBA-Diplom der Universität Berkeley in der Tasche hat, ist es gelungen, als Begründer des spanischen Wirtschaftswunders durchzugehen. Die Unternehmer vertrauen ihm, die Opposition achtet ihn. Weite Teile in der Bevölkerung sehen in dem ruhigen, unaufgeregten Madrilenen eine Art Heilsbringer, der die Arbeitslosigkeit reduziert und vielen Menschen ein besseres Leben beschert hat. Außerdem genießt er international Ansehen. Und vor allem: Er hat die Unterstützung der US-Regierung, die damit auch ihren Dank für die Unterstützung der konservativen Regierung im Irak-Krieg abstattet.Ratos Meisterleistung war der Sprung über die Maastricht-Hürden. Lange Zeit musste der spanische Minister den Spott der Nordländer ertragen, die Spanien auf Grund der hohen Verschuldung keinerlei Chancen einräumten, beim Start des Euros mit dabei zu sein. Das hat er sich gemerkt. Im Stil für gewöhnlich zurückhaltend, verwunderte die Schärfe, mit der er vergangenes Jahr die Budgetsünder Deutschland und Frankreich ermahnte.Mit 33 Jahren zieht Rato ins spanische Parlament einVielleicht war es ein Zufall, der ihn in die Politik führte. War er als Sohn einer wohlhabenden Unternehmerfamilie nicht prädestiniert für eine Karriere in der Wirtschaft? 1975 kehrt Rato aus Kalifornien zurück. Die Atmosphäre in der Heimat ist gespannt. Spaniens Diktator Francisco Franco stirbt, dann macht sich Aufbruchstimmung breit. Ein guter Bekannter der Familie, Manuel Fraga Iribarne, ein ehemaliger Franco-Minister und noch heute als Ministerpräsident der Region Galicien aktiv, gründet die Alianza Popular, die Vorläuferpartei der heutigen Volkspartei Partido Popular. 1979 tritt Rato der AP bei, sein Aufstieg ist zügig. Schon bald ist er verantwortlich für das Wirtschaftsprogramm, arbeitet aber parallel für verschiedene familieneigene Unternehmen. 1982 wird er erstmals ins spanische Parlament gewählt, erst 33 Jahre alt. Später steigt er zum Fraktionssprecher auf.Mit dem Machtwechsel 1996 übernimmt Rato das Amt des Wirtschafts- und Finanzministers. Sein liberaler Kurs kommt gut an, mit der einsetzenden Niedrigzinsphase erlebt Spanien einen bislang unbekannten Wirtschaftsboom.Die Rato charakterisierende Verbindung aus ökonomischem Sachverstand und politischem Gespür beeindruckt Wirtschaftsexperten in Spanien, ebenso seine Fähigkeit, sich mit einem Team guter und ihm wohl gesinnter Leute zu umgeben.Eng sind seine Verbindungen in die Industrie, mancher Manager verdankt dem Minister seine Karriere ? und zittert jetzt, nach dem Regierungswechsel. Die Bekenntnisse dieser Bosse zur neuen sozialistischen Regierung sollen Rato angeblich vor Ärger ?die Wände hochtreiben?. Schließlich gehört die Familie Rato zu den einflussreichsten Unternehmerdynastien des Landes. Die Ratos halten eine Reihe von Aktienpaketen, Rodrigos Bruder bekleidet viele Aufsichtsämter in Unternehmen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Rato liebt die Arbeit.Rodrigo Rato selbst hat bereits 1993 alle Posten niedergelegt. Dennoch sehen Beobachter hier die Gefahr von Interessenverquickung: ?Es wäre wahrscheinlich leicht, irgendeine Verbindung zwischen seiner politischen Arbeit und einem hypothetischen Vorteil für ein Unternehmen der Rato-Familie zu finden?, sagt Elvira Martínez Chacón, Wirtschaftsexpertin an der Universidad Navarra. Ansonsten gibt es nur Lob: ?Seine Erfahrungen machen ihn zu einem geeigneten IWF-Chef?, ist Jordi Gual von der Business-Schule IESE in Barcelona überzeugt. Rato, der ein tadelloses Englisch spricht, wisse auch, mit welchen Schwierigkeiten Entwicklungsländer zu kämpfen hätten, habe aber bewiesen, dass er sie lösen könne.Rato gilt als diszipliniert und fleißig. Wenn er etwas möge, dann die Arbeit, soll er gesagt haben. Fest steht: Er arbeitet effizient, den Doktor der Ökonomie erwarb er neben seinem Job als Wirtschaftsminister.Vor einem Jahr wurde Rodrigo Rato auf der Zielgeraden abgebremst. Zu gern wäre er Nachfolger José María Aznars geworden, seines Regierungschefs. Doch der Premier gab Mariano Rajoy den Vorzug. Die Niederlage erweist sich heute als Glücksfall. Während Rato gen Washington aufbricht, muss Rajoy die Oppositionsbank drücken.Mitarbeit: M. Backfisch, F. Schönauer
Vita: Rodrigo Rato1949 kommt Rato in Madrid als Sohn einer Unternehmerfamilie auf die Welt.
1979 entscheidet er sich für eine politische Karriere. Er wird Mitglied des Exekutivkomitees der rechtskonservativen Alianza Popular, aus der die Partido Popular hervorgeht.
1982 erringt er erstmals in Madrid ein Parlamentsmandat, bereits zwei Jahre später wird er wirtschaftspolitischer Sprecher seiner Partei.
1988 Wahl zum Sprecher der Parlamentsfraktion.
1996 gewinnt die PP unter José María Aznar die nationalen Wahlen. Aznar ernennt Rato zum Superminister für Wirtschaft und Finanzen. Dessen Sparkurs, verbunden mit kräftigem Wirtschaftswachstum, ermöglicht Spanien den Beitritt zur Währungsunion.
2000 erzielt die PP bei den Wahlen die absolute Mehrheit, 2003 Aznar benennt seinen Stellvertreter Mariano Rajoy zum Wunschnachfolger.
2004 Zwei Tage nach den Attentaten in Madrid verliert die PP am 13. März die Parlamentswahl. Rato ist bald danach als IWF-Chef im Gespräch.
Dieser Artikel ist erschienen am 20.04.2004