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Das Sinken des Sterns

Von Frank Bachner
Die Silberpfeile treffen nicht mehr ins Ziel und setzen so den Motorsport-Chef von McLaren Mercedes, Norbert Haug, unter Druck. Jeder weitere Misserfolg könnte ihn den Job kosten - schließlich geht es um mehr als eine Rennsaison.
Norbert Haug hat derzeit alles andere als einen einfachen Job. Foto: dpa
BERLIN. Oder wenn es wenigstens zu einem Platz auf dem Siegespodest gereicht hat. In schlechten Momenten aber ist der Motorsport-Chef von Mercedes ein übellauniger leitender Angestellter, der Journalisten anblafft und im kleinen Kreis reichlich laut werden kann.Seit Beginn dieser Formel-1-Saison gibt es vor allem schlechte Momente. Denn McLaren-Mercedes leistet sich seit Wochen peinliche Pannen, die Haug nicht mehr hinter schönfärberischen Floskeln verschanzen kann. Stattdessen sagt er: ?Wir wollten einen großen Sprung schaffen, vielleicht fällt man dabei auf die Nase.?

Die besten Jobs von allen

Beim Saisonauftakt in Melbourne stellte Kimi Räikkönen seinen Wagen nach zehn Runden mit einem Kühlwasserdefekt ab. Teamkollege David Coulthard wurde, demütigend überrundet, Achter. Nach dem Großen Preis von Bahrain knurrte der 51-jährige Haug: ?Wir wollen sicher nicht fortsetzen, was wir jetzt haben.? In Bahrain hatten sie zwei McLaren- Mercedes, die nicht ins Ziel gekommen waren.Seit dem Osterwochenende gibt es neue Spekulationen: Der Motor soll bei hoher Belastung Risse bekommen, will ?Bild am Sonntag? erfahren haben. Deren Experte und Ex-Rennpilot Hans-Joachim Stuck prophezeit: ?Auch in den nächsten Rennen werden sie nur hinterherfahren.?Der Druck auf Haug steigt. Schließlich geht es um mehr als eine Rennsaison. Es geht um das Image einer Edelmarke, um um viele Hundert Millionen Euro ? und um Haugs Position.Denn er ist verantwortlich für alle Motorsport-Aktivitäten von Mercedes. Wichtigstes Gebiet: die Formel 1. Sie dient als gigantisches PR-Programm für die Marke mit dem Stern.Deshalb pumpt Daimler-Chrysler in dieser Saison geschätzt mehr als 300 Millionen Euro in das Projekt, beschäftigt 1 100 Leute. In Stuttgart läuft die Entwicklungsarbeit, im mittelenglischen Brixworth baut Ilmor (an der Mercedes 55 Prozent der Anteile hält) die Motoren. Und südwestlich von London, in Woking, werden im modernsten Formel-1-Werk der Welt die Autos zusammengesetzt. Hier befindet sich der Firmensitz von McLaren, auch hier hält Mercedes 40 Prozent. Geld spielt nur bedingt eine Rolle, wenn es um Erfolge geht. Das Team verfügt über einen 50 Millionen Euro teuren Windkanal, zwei weitere werden nach Bedarf wochenlang angemietet. Tagesmiete: 15 000 Euro. Und ein Tag, an dem ein Auto auf der Strecke getestet wird, kostete 350 000 Euro. Räikkönen und Coulthard kassieren jeweils ein geschätztes Jahresgehalt von acht Millionen Euro.Haug verdient erheblich weniger. Er hat ?da keinen Diskussionsbedarf. Ich bin am Limit dessen, was unterhalb der Vorstandsebene möglich ist.? Der Schwabe ist auch Idealist, ein Motorsport-Verrückter. Deshalb ging er von einer Lokalzeitung zur Bibel der Autofans, ?Auto Motor und Sport?. Nach nur einem Jahr übernahm er das Sportressort.1990 dann der Wechsel zu Mercedes. Hier ist er der Stratege, nicht der Techniker. Haug legt zusammen mit McLaren-Chef Ron Dennis die große Linie fest, er kümmert sich darum, dass die vermeintlich besten Leute zu seinem Team kommen. Im Konzern ist er nur gegenüber Jürgen Hubbert verantwortlich, dem zuständigen Daimler-Chrysler-Vorstand ? und seinem Förderer.Hubbert überlässt Haug auch die Auftritte in der Öffentlichkeit, egal wie es läuft. Und seit drei Jahren läuft es nicht gut: Haug beschwichtigt, erklärt, wiegelt ab. Die Titel bleiben aus, Ferrari bestimmt das Geschehen. McLaren-Mercedes geriet 2003 zur Lachnummer, weil sein neuer Silberpfeil durch alle Tests fiel und kein einziges Rennen bestritt. Räikkönen gelang das Kunststück, in einem alten Wagen Vize-Weltmeister zu werden. 2004 sieht es noch schlimmer aus.?Mercedes steht für Zuverlässigkeit und höchste Qualität, dieser Eindruck wird durch die Pannen allmählich in Frage gestellt?, sagt Marketing-Experte Joachim Lange von der Kölner PR-Firma Prism.Haug sieht das natürlich anders. ?Wir waren die Einzigen, welche die WM 2003 bis zum letzten Rennen offen gehalten haben. Das rechnen uns die Leute hoch an. Die Sympathiewerte für uns sind höher als nach einem Titelgewinn?, sagte er in einem Interview. Solche Sätze gehören zu seinem Job. Solange es geht, ist er diplomatisch bis zur Selbstverleugnung. Auch Leute, die seine poltrige Art nicht mögen, gestehen ihm zu, dass er sich nicht selber produziert und sich als Teamplayer versteht. Eine eigene Internetseite hat er nicht, seine Visitenkarte ist schnörkellos.Vielleicht aber steht auf seiner Visitenkarte bald nicht mehr ?Leitung Motorsport?. An einen Rücktritt aber denkt Haug nicht: ?Ich gebe auf keinen Fall auf?, sagte er nach dem Rennen in Bahrein. Doch vielleicht wird er ja aufgegeben: Angeblich will Daimler-Chrysler sogar sein millionenschweres Formel-1-Engagement überdenken.
Dieser Artikel ist erschienen am 14.04.2004