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Das Orakel vom Bodensee

Von Hans-Peter Siebenhaar
Ihr Denken ist gefragt. Renate Köcher leitet das einflussreiche Institut für Demoskopie in Allensbach am Bodensee. Die gebürtige Frankfurterin, Tochter eines Bayer-Managers, berät Unternehmen und Politiker; darüber hinaus hat sie großen Einfluss in der Wirtschaft. Wie Renate Köcher, Chefin des Allensbacher Instituts, zur wichtigsten Demoskopin aufstieg.
Renate Köcher leitet das einflussreiche Institut für Demoskopie in Allensbach. Foto: bachmann-illustration.de
KONSTANZ. Silbern glänzt der Bodensee in der spätwinterlichen Nachmittagssonne. Dahinter ist im lichten Nebel die Silhouette der Schweizer Berge schemenhaft erkennbar. Schnurgerade durchpflügt der Katamaran ?Fridolin? das Schwäbische Meer auf dem Weg nach Friedrichshafen. Renate Köcher mag den Ausblick aus dem weitläufigen Salon ihrer Konstanzer Villa. ?Der Bodensee ist ein Ort, wo man gut nachdenken kann?, sagt die 55-Jährige mit ruhiger Stimme.Die Ergebnisse ihres Nachdenkens sind gefragt, bei Unternehmen und in der Politik. Die gebürtige Frankfurterin leitet seit 1988 das einflussreiche Institut für Demoskopie in Allensbach am Bodensee. Mittlerweile ist die Tochter eines Bayer-Managers Alleinherrscherin über das Meinungsforschungsinstitut. Die 91-jährige Gründerin Elisabeth Noelle-Neumann, bekannt als Pythia vom Bodensee, hat sich vor drei Jahren zurückgezogen.

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Renate Köcher hat auch darüber hinaus Einfluss in der Wirtschaft. Mit Ausnahme der BMW-Milliardärin Susanne Klatten ist keine Frau in Deutschland Mitglied in mehr Aufsichtsräten als Renate Köcher. Derzeit gehört sie dem Kontrollgremium des Versicherungsriesen Allianz, des Chipherstellers Infineon und des LKW-Konzerns MAN an. Bis vor kurzem mischte sie auch im Aufsichtsrat des Ludwigshafener Chemie-Giganten BASF mit.Das Orakel vom Bodensee wird gerne und oft befragt. Denn die Globalisierung stellt die Unternehmen vor neue Herausforderungen. ?Die Bedeutung des gesellschaftlichen Umfeldes wird für die Konzerne zunehmend wichtiger. Das ist einer der Aspekte, zu denen ich einiges beitragen kann?, sagt die Volkswirtin.Die Demoskopin vom Bodensee betont bei ihren Treffen mit den Mächtigen in Politik und Wirtschaft durchaus das Feminine. ?Frauen sollten nicht zu ,vermännlichen?, um beruflich ihren Weg zu gehen?, rät Köcher. Sie selbst legt auf elegante Kleidung wert. Und ihre Hände schmücken zahlreiche Ringe. Auch die Einrichtung der eleganten Räume in der Konstanzer Villa tragen ihre Handschrift. Hier gibt es nicht das übliche schwarze Business-Leder mit kalten Stahlrahmen, sondern ein hellbraunes Ledersofa mit Holzlehnen. Der Kaffee wird in China-Porzellan samt versilberten Löffeln serviert.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Exotin.Um ihre Aufgaben kümmert sich die Wahl-Badenerin leidenschaftlich. Konzerne wie Infineon seien ihr sogar ans Herz gewachsen, sagt sie. Dabei befindet sich der einstige Börsenliebling in einer Dauerkrise. Erst vor wenigen Tagen musste Köchers Kollege, Max Dietrich Kley, Aufsichtsratsvorsitzender des Chipherstellers, die angeblich bevorstehende Ablösung des Vorstandschefs Wolfgang Ziebart dementieren. Im Aufsichtsrat gab es wegen der anhaltend schwierigen Lage des Konzerns offenbar massive Kritik. Die unerwartet schlechte Geschäftslage bei der Infineon-Tochter Qimonda sorgt nicht gerade für mehr Vertrauen in die Konzernführung. Doch dazu äußerst sich Köcher nicht. Diskretion war und ist eine wichtige Tugend in den Netzwerken der Macht.Im Grunde genommen ist die Wirtschaftswissenschaftlerin in den Kontrollgremien eine Exotin: Sie hat keine Erfolgsbilanz als Managerin eines Milliarden-Unternehmens, denn das Institut für Demoskopie ist eine überschaubare Veranstaltung. Ein schmuckes Fachwerkhäuschen am Rande des historischen Ortskerns im Ferienort Allensbach dient seit Jahrzehnten als Zentrale. Die übrigen Mitarbeiter sind in einer Hand voll Nachbarhäusern untergebracht. Zum Ort Allensbach hält sie im Gegensatz zu ihrer Mentorin Distanz. ?Frau Noelle hat früher noch bei der Frauenfasnacht Büttenreden gehalten. Frau Köcher tut so etwas nicht?, sagt ein Bewohner des Bodensee-Dorfes.Doch das Institut ist wichtig für den Ort. Dabei ist der Umsatz mit gerade einmal 8,5 Millionen Euro mehr als überschaubar. Und die Rendite des Instituts ist nicht der Rede wert. ?Wir sind ein Institut, kein Unternehmen, das auf Wachstum ausgerichtet ist?, sagt Köcher ? und meint es ernst. Denn sie nimmt nicht alle Aufträge an. Ein Privileg.Auch zur Politik hält sie im Gegensatz zu ihrer Förderin Noelle-Neumann Distanz. Diese hingegen schätzte und nutzte die Beziehung zum damaligen Kanzler Helmut Kohl. Bei mancher Wahlprognose wurde ihr Voreingenommenheit vorgeworfen. Das brachte Allensbach dann den Ruf ein, konservativ zu sein.Ursprünglich wollte Renate Köcher Wirtschaftsjournalistin werden. Doch die Begegnung mit Noelle-Neumann veränderte ihr Leben. Die erkannte die Stärke der damaligen Studentin, einer Sache wirklich auf den Grund zu gehen. ?Die Zusammenarbeit mit Frau Noelle war für mich sehr inspirierend. Sie war stets leidenschaftlich der Sache, den Themen zugewandt und von ungewöhnlicher Kreativität und sehr willensstark?, sagt Köcher. Aber sie hält Distanz. ?Wir haben uns immer gegenseitig respektiert und ja sehr lange zusammengearbeitet, mit unterschiedlichen Arbeitsschwerpunkten.?Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die Karriere hat ihren Preis.Heute spinnt sie ihre Netzwerke allein. Die 1996 gegründete Stiftung der Allensbacher ist dafür ein wichtiger Rahmen. Sie residiert in einer Villa mit Park am Stadtrand von Konstanz. Im Erdgeschoss des Prachtgebäudes, erbaut vom Vater des berühmten Nazi-Architekten Albert Speer, trifft sich das Kuratorium. Ihm gehören einflussreiche Manager wie der frühere Nestlé-Chef Helmut Maurer oder Ex-BMW-Chef Joachim Milberg an. Ein Stockwerk darüber wohnt Renate Köcher privat.Doch die Karriere hat ihren Preis. ?Die Mehrzahl der Frauen in Führungspositionen in Deutschland hat keine Kinder ? auch ich?, sagt die Unverheiratete nachdenklich.An ihrer eigenen Karriere hat Köcher über Jahrzehnte konsequent gearbeitet. ?Sie ist zielstrebig und hartnäckig?, sagt ein Kollege, der sie aus langer Gremientätigkeit kennt. Weshalb schaffen es nur wenige Frauen wie sie in Spitzenpositionen der Wirtschaft? Köcher ist nicht mit schnellen Schuldzuweisungen bei der Hand. ?Frauen sollten heute nicht mehr davon ausgehen, dass sie bei der Karriere benachteiligt werden?, sagt sie deutlich.Im Gegensatz zu ihrer Förderin Noelle denkt die 55-Jährige bereits früh über ihre Nachfolge nach ? und sorgt für eine Überraschung: ?Das Matriarchat in Allensbach wird eines Tages enden. Die Frage ist zwar noch nicht aktuell, aber auf dem jetzigen Stand gehe ich davon aus, dass mein Nachfolger ein Mann sein wird?, sagt Köcher. Den Namen behält sie aber vorerst für sich. Denn noch ist es nicht so weit.
AllensbachDie Managerin1952 Renate Köcher (Foto) wird am 17. Juli in Frankfurt am Main geboren. Sie wächst in Leverkusen und Bombay auf.1976 Sie studiert Volkswirtschaft, Publizistik und Soziologie. Die Diplom-Volkswirtin promoviert 1985 in München über die Berufsethik von Journalisten.1977 Elisabeth Noelle-Neumann, Gründerin und Leiterin des Instituts für Demoskopie, holt sie nach Allensbach zur Meinungsforschung.1998 Renate Köcher steigt neben Noelle-Neumann zur Geschäftsführerin des Instituts auf. Die Volkswirtin gehört außerdem den Aufsichtsräten von Allianz, Infineon und MAN an. Bis vor kurzem war sie auch Mitglied im Kontrollgremium der BASF.Das UnternehmenDas bereits 1947 gegründete Institut für Demoskopie in Allensbach am Bodensee gilt als eines der wichtigsten Meinungsforschungsinstitute im deutschsprachigen Raum. Vor allem in der Wahlforschung machte sich Allensbach einen Namen. Das Institut, das der Allensbach Stiftung gehört, kam im vergangenen Jahr mit 100 festen Mitarbeitern (davon sind 25 Wissenschaftler) und 2 000 nebenberuflichen Interviewern auf einen Umsatz von 8,5 Millionen Euro. Die Rendite gilt als gering. Das Unternehmen betreibt Außenstellen in Berlin und Bonn.Allensbach fertigt Studien für Wirtschaft und Politik an: für den Wuppertaler Staubsaugerhersteller Vorwerk zum Stellenwert von Familie und Hausarbeit, für das Bundesfamilienministerium zu Elternzeit und Erziehung oder für den Verlegerverband VDZ zur internationalen Zeitschriftennutzung.Die Kunden des Instituts kommen aus zahlreichen Branchen: In den vergangenen Jahren forschten die Allensbacher u.a. für den Grünen Punkt, den Energiekonzern RWE, den Medienkonzern Axel Springer und die katholische Kirche.
Dieser Artikel ist erschienen am 27.02.2008