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Das neue Leben des Klaus Kleinfeld

Von Christoph Hardt und Joachim Hofer
Die Korruptionsaffäre hat den Siemens-Chef den Job gekostet. Einen erfolgreichen Manager wie Klaus Kleinfeld abzusägen, halten viele Vorstandschef hinter vorgehaltener Hand für ungerechtfertig. Jetzt sucht der 49-jährige Tempomacher eine neue Aufgabe.
MÜNCHEN. Am Freitag ist alles vorbei, dann wird leer geräumt. Viel hat Klaus Kleinfeld ohnehin nicht zu packen. Sein Büro ist äußerst sparsam möbliert, so dass sich umso mehr die Frage stellt, was die Staatsanwälte hier eigentlich zu suchen hatten, als sie am 15. November vergangenen Jahres im Zuge der Korruptionsaffäre in Mannschaftsstärke anrückten.Abgehakt. Noch hängen die beiden großformatigen Fotografien von Axel Hütte an der Wand, die eine stürmische See zeigen, fast, als hätte der Mann mit dem bübisch-netten Gesicht geahnt, was da auf ihn zukommen würde in den nur zweieinhalb Jahren an der Spitze des Siemens-Konzerns.

Die besten Jobs von allen

Klaus Kleinfeld geht und macht Peter Löscher Platz. Die Affäre um schwarze Kassen, die das Unternehmen seit Monaten in Atem hält, hat Kleinfeld den Job gekostet. Egal, wo man ihn dieser Tage trifft, es ist kaum zu glauben, dass es das schon gewesen sein sollte. ?Dass wir im ganzen Konzern eine wirkliche Leistungskultur geschaffen haben, darauf bin ich super stolz?, sagte er bei einem seiner letzten Auftritte. Für ihn selbst galt diese Kultur vom ersten bis zum letzten Siemens-Tag. Sein für normale Menschen atemraubendes Tempo hält er bis zum bitteren Ende durch. Vielleicht ist auch das ein Grund, warum Klaus Kleinfeld, der Siemens 21 Jahre diente, es zum Schluss so schwer hatte im Haus der langen Wege, dem Siemens-Kosmos, diesem für Außenstehende fast undurchdringlichen Dickicht aus Kompetenz und Hierarchie.Wie es weitergeht? Kleinfeld schweigt dazu. In der Korruptionsaffäre liegt nichts gegen ihn vor. Schwer vorstellbar, dass dieser energiegeladene Mann sich auf einen Teilzeitjob an die Spitze eines Verwaltungsrates zurückzieht oder auf einen Honoratiorenposten in der Private-Equity-Branche wechselt.Die 30 Monate an der Siemens-Spitze markieren den Höhepunkt einer für deutsche Verhältnisse hoch beschleunigten Karriere. Unglaublich, was da alles passiert ist, auch der Rückblick hat etwas Atemraubendes. Der plötzliche Aufstieg eines fast Unbekannten, sein Amtsantritt, dem die Weltreise zu den großen Kunden folgte, der Großaufschlag von Lissabon im Mai 2005, als er sein Zweijahresprogramm mit den gewagten Profitabilitätszielen verkündete, das er, ein Held in normalen Zeiten, punktgenau zum Ziel brachte.Hartnäckig hält sich bis heute die Geschichte, diese Personalisierung von Konzernzielen sei der erste Bruch mit Heinrich von Pierer gewesen, seinem Vorgänger und mächtigen Aufsichtsratschef. In der Rückschau ist das wahrscheinlich egal, so vertrackt, wie diese Beziehung angelegt gewesen ist, hätte es immer einen ersten Knacks geben müssen.Kleinfelds Tempo ist sein Ehrgeiz, der Babyboomer kommt aus kleinen Verhältnissen, schon in der Jugend muss er hart arbeiten. Vielleicht ist das der Grund für seine Ungeduld, die ihn manchmal aufbrausen lässt. Wenn er etwas hasst, dann ?Gelaber?, da kann er böse werden.Im Juni 2005 verkauft Siemens seine Handysparte an BenQ, daraus wird das, was Kleinfeld heute einen ?Betriebsunfall? nennt. Tatsächlich steht der junge Siemens-Chef damals unter enormem Druck, die darbende Telekommunikationssparte belastet das gesamte Unternehmen. Ein Drittel des Konzerns habe er in marodem Zustand übernommen, das hat er in den vergangenen Monaten häufiger erzählt.Lesen Sie weiter auf Seite 2: In Kleinfelds Zeit fallen Milliardeninvestitionen Dass er das nicht früher so deutlich gesagt hat, mag zu seinen Fehlern zählen. Dass nicht alles besenrein war in der guten Stube Heinrich von Pierers, wird heute niemand mehr bestreiten. Schon allein wegen dieser schwierigen Begleitumstände ziehen viele Kollegen aus den Chefetagen heute den Hut vor Kleinfeld. Gerade in den USA erfährt der Manager viel Anerkennung. ?Er hat die Internationalisierung von Siemens mit aller Kraft vorangetrieben?, sagt Mark Templeton, CEO des amerikanischen Softwareherstellers Citrix. ?Im Rückblick werden viele erkennen, dass er für den Konzern wirklich Großes geleistet hat.?Diese Meinung teilen hinter vorgehaltener Hand viele Vorstandschefs. Die Ansicht ist weit verbreitet, dass die Korruptionsaffäre zwar schlimm sei. Einen erfolgreichen Manager wie Kleinfeld deshalb abzusägen, halten sie aber für ungerechtfertigt.In Kleinfelds Zeit fallen Milliardeninvestitionen und wegweisende strategische Entscheidungen. Er entwickelt die Geschichte mit den Mega-Trends, die neue Siemens-Story, die auch die seine sein soll. Mit seinen Gasturbinen, den Zügen, der Wasseraufbereitung und den Windrädern will Kleinfeld den riesigen Bedarf in den aufstrebenden Schwellenländern befriedigen und gleichzeitig den Trend zum Umweltschutz nutzen.Im vergangenen Sommer kann er glauben, er sei über den Berg: Er bringt die Netzwerksparte, den Kern des Telekombereichs, in ein Joint Venture mit Nokia ein. Wenig später folgen überraschend gute Geschäftszahlen und die erste große Attacke auf seine Glaubwürdigkeit: Es wird bekannt, dass der Aufsichtsrat dem Vorstand, der den Mitarbeitern der Krisensparten gerade deftige Opfer abverlangt, eine saftige Gehaltserhöhung zuerkannt hat.Dann das BenQ-Desaster, das Kleinfeld mit zwei missratenen TV-Auftritten noch verschärft. Einmal mehr stellt sich die Frage, wie so etwas passieren kann. Dass er den gerade in Krisen so wichtigen Draht zu den Meinungsmachern in Politik und Medien hatte, wird er selbst nicht behaupten. Er sei schon vor seinem Amtsantritt schlecht beraten, ja vielleicht sogar getäuscht worden, sagt er heute mit einem Blick zurück im Zorn.?Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit?, zitiert Kleinfeld gerne das Lebensmotto von Dieter Rickert, den Headhunter, den er sehr schätzt. In diesem Sinne spannt er Anfang Juli erst einmal im Münchener Umland aus. Er wird viel Zeit am Starnberger See verbringen und laufen, sein Rezept, um zu sich selbst zu finden. Im August geht es mit der Familie nach Nantucket, der herben Insel vor Neuengland. Sie ist eine Art zweite Heimat für ihn geworden, Amerika, das Land mancher Träume. Vielleicht zieht es ihn ja dorthin.
Dieser Artikel ist erschienen am 25.06.2007