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Das Muskelspiel des Herrn Alessandri

Von Katharina Kort
Nerio Alessandri führt ein internationales Fitness-Imperium: Technogym heißt das Unternehmen des 45-jährigen Italieners, das heute europäischer Marktführer in Sachen Fitnessgeräte ist und das weltweit auf Platz zwei liegt. Angefangen hat alles ganz einfach.
GAMBETTOLA. Doch trotzdem ist der schmal gebaute 45-jährige Tüftler Herr eines Fitness-Imperiums: Technogym heißt sein Unternehmen, in Europa ist er Marktführer in Sachen Fitnessgeräte, weltweit liegt er auf Platz zwei. Seine Muskelquäler stehen in den Trainingsräumen von Real Madrid, im Luxushotel Burj Al Arab in Dubai und im legendären Equinox-Club im kalifornischen Santa Monica ? der Wiege der Fitness.Der Aufstieg des Technischen Zeichners aus der Provinz gleicht einer amerikanischen Tellerwäscher-Millionär-Erfolgsstory. Sie beginnt in der Garage von Alessandris Eltern in Gambettola bei Cesena, 25 Kilometer von der Adriastadt Rimini entfernt. Anfang 20 ist der Sohn der Familie. Natürlich geht er in ein Fitnessstudio, in das eines Freundes. Der klagt ihm sein Leid, erzählt, was die Maschinen mit den schweren Gewichten besser können sollten. Und Alessandri zeichnet.

Die besten Jobs von allen

?So sah meine erste Trainingsmaschine aus?, zeigt er mit seinen schlanken Fingern stolz das Foto von der Garage seiner Eltern, wo sich der Motorradfahrer eine kleine Werkstatt eingerichtet hatte.Es ist ein einfaches Gerät mit Metallrahmen, um in der Schräglage aus den Beinen heraus Gewichte zu stemmen. Der Besitzer des Studios kauft die Maschine und bestellt drei weitere. In wenigen Monaten kommen zwei neue Modelle für die Brust- und die Beinmuskulatur hinzu. Zunächst betreibt Alessandri das Geschäft in seiner Freizeit. Wochentags arbeitet er bei einer Verpackungsfirma. Doch als die Aufträge sich häufen und die Abende und Wochenenden nicht mehr genügen, reicht er ein Jahr später, im Mai 1984, die Kündigung ein: ?Meine Eltern haben einen Monat nicht mit mir geredet, weil ich einen sicheren Job aufgegeben habe.?Erste Heimstatt von Technogym sind 100 gemietete Quadratmeter im Industriegebiet von Gambettola. Heute belegt das Unternehmen das gesamte Gebäude ? und hat sich auf vier weitere ausgeweitet. Die meisten Angestellten, die hier arbeiten, sind jung, der Altersdurchschnitt liegt um die 30, sie tragen Jeans oder Kordhosen. Der in hellem Holz und Glas gehaltene Eingang ? einst die Werkstatt des Unternehmens ? gibt den Blick auf das hauseigene Fitnessstudio frei. Im Fahrrad-Outfit oder in Jogginghosen laufen, steppen, dehnen sich 20 junge und weniger junge Aktive.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Technogym gehört zu den beliebten Arbeitgebern Damit auch die Mitarbeiter die Einrichtung nutzen können, haben sie zwei Stunden Mittagspause ? vielleicht ein Grund, weshalb Technogym unter den Top Ten der ?Best Workplaces in Europe 2004? vom Great Place to Work Institute Europe landete.1 250 Mitarbeiter zählt Technogym, mehr als ein Drittel davon in den zwölf Auslandsfilialen, die neueste in China. Schon heute exportiert Technogym 82 Prozent der Produktion, knapp zehn Prozent davon nach Deutschland. Die Produktion ist dabei komplett in Italien geblieben.Das Geheimnis seines Erfolgs? ?Innovation und der richtige Riecher?, sagt Alessandri, der sich selbst noch immer als Techniker sieht: ?Wenn man sich nur auf Marktforschung stützt, haben alle das gleiche Produkt.? Schon früh hat Technogym Fernseher in Fahrräder und Stepper eingebaut. Und seit ein paar Jahren können Nutzer ihr gesamtes Trainingsprogramm auf einem elektronischen Schlüssel speichern, den sie von Gerät zu Gerät mitnehmen und der ihnen jeweils das genaue Gewicht und die Anzahl der Wiederholungen anzeigt.Das Wort Fitness hört Alessandri allerdings gar nicht gerne. Er spricht lieber von ?Wellness?, die nicht nur den Sport, sondern den gesamten Lebensstil umfasst. Dazu gehört nach seiner Ansicht auch ein schönes Design der Geräte: ?Die Trainingsmaschine im Keller ist Fitness, die Trainingsmaschine im Wohnzimmer ist Wellness.?Diese Kombination von Optik und Funktion lobt auch Marina Puricelli, Dozentin für Organisation von kleinen und mittelständischen Unternehmen an der renommierten Bocconi-Universität: ?Nerio Alessandri ist ein Visionär?, der regional tief verwurzelt, aber zugleich Weltbürger sei. ?Am Samstagabend geht er sicher in einer Trattoria in Gambettola essen, verkauft aber seine Geräte in den USA und an chinesische Millionäre.?Lesen Sie weiter auf Seite 3: Seine eigenen Maschinen benutzt er seltenSeine eigenen Sportmaschinen benutzt der Technogym-Macher dabei eher selten. Der überzeugte Nichtraucher hält sich mit Kinesis in Form, ebenfalls eine Erfindung der eigenen Firma: Seile mit Widerstand ermöglichen freie Bewegung im Raum und stärken dennoch die Muskeln. ?Meine 15-jährige Tochter Erica und ich trainieren zusammen?, sagt er, ?mein Sechsjähriger schaut sich das Ganze bisher nur neugierig an.? Er spiele lieber mit dem Ferrari-Modell in Papas Büro. Schließlich hat der Vater für Michael Schumacher eine Maschine entworfen, um dessen Halsmuskulatur zu stärken.Für die Zukunft hat sich Alessandri viel vorgenommen: ?2008 wollen wir die Nummer eins weltweit sein.? Dafür muss er den US-Rivalen Life Fitness überholen, der im vergangenen Jahr nach eigenen Angaben 551 Millionen Dollar umsetzte. Technogym kam auf 275 Millionen Euro, rund 330 Millionen Dollar, wächst aber rasant: plus 21 Prozent 2005, dieses Jahr sollen es 25 Prozent werden.Der steile Aufstieg des Nerio Alessandri scheint noch nicht am Ende. Doch was ist mit dem sicheren Job, den er sehr zum Ärger seiner Eltern einst aufgegeben hat? ?Die Verpackungsfirma von damals gibt es leider nicht mehr.?
Dieser Artikel ist erschienen am 11.04.2006