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Das Leben im Reisfeld

Von Andreas Bohne, Handelsblatt
Die Biologen Ingo Potrykus und Peter Beyer wollen mit der grünen Gentechnik eine tödliche Mangelkrankheit bekämpfen. Ob die beide helfen dürfen entscheidet sich in dieser Woche. Dann berät der Vermittlungsausschuss des Bundestags die Vorlage des Gentechnikgesetzes.
DÜSSELDORF. Der eine wirkt wie ein zeitgeistiger Intellektueller aus den 70ern, Jeans, Jackett, offener Hemdkragen, die graue Mähne wie ein Helm über den Augen. Der andere kommt braun gebrannt daher, wie einer, der sein Leben lang auf dem Acker geschuftet hat, große Hände, von schwerer Arbeit geformt. Das Bild täuscht, nur das mit dem Acker haut ungefähr hin: Die beiden sind Forscher und haben ein Anliegen, das aktueller kaum sein könnte.Der Hagere heißt Peter Beyer und ist Molekularbiologe am Zentrum für angewandte Biowissenschaften der Universität Freiburg. Der andere ist Ingo Potrykus, emeritierter Professor an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich. Beide haben den ?goldenen Reis? entwickelt, den sie in den wichtigsten Reisländern in den kommenden Jahren mittellosen Subsistenzbauern zugänglich machen wollen ? wenn die EU-Kommission und die Bundesregierung sie lassen. Der gentechnisch erzeugte hohe Provitamin-A-Gehalt des goldenen Reises soll Schluss machen mit dem in Teilen der Dritten Welt verbreiteten Vitamin-A-Mangel, an dem jedes Jahr zwei Millionen Kleinkinder sterben und weitere 500 000 erblinden.

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Ob die beiden deutschen Gen-Forscher ihnen helfen dürfen, könnte sich in dieser Woche entscheiden: Dann berät der Vermittlungsausschuss des Bundestags die Vorlage des Gentechnikgesetzes. Die Volksvertreter haben es in der Hand, die grüne Gentechnik in Deutschland mit hohen Haftungshürden von jeder Weiterentwicklung abzuschneiden.Potrykus und Beyer genießen unter Kollegen hohes Ansehen. Doch obwohl ihr Projekt von der Rockefeller Foundation und der EU gefördert wurde, obwohl sie mit dem Internationale Reisinstitut und 15 Agrar- und Ernährungsorganisationen in sieben Reisländern kooperieren, droht es sich kurz vor dem Ziel in einem Gestrüpp von Widerständen zu verfangen.Denn der goldene Reis ist ein Produkt der grünen Gentechnik. Und deshalb macht Greenpeace, machen die Grünen und viele andere Umweltorganisationen seit Jahren gegen Potrykus und Beyer mobil. Zwar hat Benedikt Haerlin, langjähriger Antibiotech-Koordinator von Greenpeace, vor drei Jahren einräumen müssen, dass der goldene Reis einer guten Sachen diene: ?Der goldene Reis ist eine moralische Herausforderung unserer Position.?Aber die Gentech-Gegner verunsichert das nicht ? genauso wenig wie Statistiken und Forschungsergebnisse, die das Vorhaben der beiden Deutschen praktikabel erscheinen lassen. Potrykus und Beyer haben keine kommerziellen Interessen an dem goldenen Reis, ebenso wenig der Pflanzenschutzkonzern Syngenta, der allerdings die Rechte für eine geschäftliche Verwertung der Entwicklung hält.Die beiden Professoren gelten Umweltkämpfern und Dritte-Welt- Aktivisten als Scharlatane, ihre Versprechungen als Mogelpackung: Neun Kilo goldenen Reis müsste jedes Kind eines Bauern in Asien täglich essen, um genug Vitamin A zu bekommen, argumentierten sie. Seit einiger Zeit spricht Greenpeace nur noch von 3,2 Kilogramm. Dass wohl nur 200 Gramm nötig wären, ist Potrykus gern bereit zu erklären ? nur wolle das wohl niemand hören.Anderen Kritikern gilt der goldene Reis als Trojanisches Pferd, das der Machtergreifung der Gentech- Industrie den Weg bereiten solle. ?Der einzige Weg, dies zu stoppen, ist eine Vorneverteidigung an zwei Fronten?, schreibt der Umweltaktivist Ronnie Cummins in einem Artikel für die Organisation Genfood Alert. ?Während wir mit noch mehr Widerstand die erste Welle von Frankenstein-Food vom Markt fegen, müssen wir zugleich schon die weltweite Basisbewegung gegen die kommende zweite Welle genveränderter Organismen mobilisieren.?Potrykus legt die Hand über die Augen. Er ist es müde, gegen diese Szenarien mit nüchternen Zahlen anzugehen. Es ist erst ein paar Wochen her, da hat er Verbraucherministerin Renate Künast einen verwunderten Brief geschrieben, wie oberflächlich über grüne Gentechnik im Bundestag debattiert werde. Als Antwort kam immerhin eine Einladung, vor der Fraktion der Grünen zu sprechen. Potrykus fuhr hin. Aber als er seine Argumente auspackte, sah er die Ministerin den Raum verlassen. Ein dringender Anruf? Der volle Terminkalender? Oder der Überdruss, sich auseinander setzen zu müssen? Potrykus weiß es nicht.Schon 1970 versuchte er in den Labors der Universität Stuttgart-Hohenheim, Gene in Pflanzen einzufügen. In diese Jahre fiel der Höhepunkt der so genannten grünen Revolution, die durch Düngung und Pflanzenschutz die Erträge der Landwirtschaft weltweit steigern half. Aber die Not der Kleinbauern in der Dritten Welt nahm nicht ab, und so kam Potrykus schon damals die Idee, grüne Gentechnik in den Dienst der Armen zu stellen.In einer Forschungsgruppe der Max-Planck-Gesellschaft für Pflanzengenetik in Ladenburg versuchte er, Weizen, Mais und andere Getreidesorten aus beliebigen Zellen dieser Pflanzen zu rekonstruieren. Das fiel dem Schweizer Pharmakonzern Ciba-Geigy auf, der Potrykus in die Schweiz holte. Aber erst als er 1986 ordentlicher Professor in Zürich wurde, nahm die Idee eines gentechnisch modifizierten Reises als Vitamin-A-Lieferant Formen an.Anstoß war eine Einladung der Rockefeller Foundation zu einem Brainstorming über die Zukunft von Reis. Im Flugzeug traf er den Molekularbiologen Peter Beyer, der dasselbe Ziel hatte: ?Daraus hat sich eine perfekte Partnerschaft entwickelt.?Beyer forschte in Freiburg an den inneren Mechanismen, die eine Pflanze wachsen lassen. Heute sieht er sich in Freiburg, seit jeher eine Hochburg von Umweltaktivisten, als Miterfinder des goldenen Reises nur mehr toleriert. Ähnliches gilt für Potrykus in Zürich.Dabei haben die Forscher die erste gentechnisch veränderte Pflanze hergestellt, deren Eigenschaften nicht dem Farmer oder der Nahrungsmittelindustrie nützen ? sondern den Verbrauchern. Zehn Jahre brauchten sie dafür. Doch erst heute, weitere fünf Jahre später, haben die beiden genug goldenen Reis, um das Internationale Reisinstitut und andere Partner in Reisländern mit der Basis für eine Einkreuzung in lokale Reissorten zu beliefern: Feldversuche in den USA brachten einige Zentner Reis.Doch die Partner im Ausland zögern. Denn die Reisländer exportieren ? auch nach Europa. Doch die reiche Alte Welt ist dabei, sich gegen Gentech-Getreide rigoros abzuschotten. Schon Spuren von goldenem Reis in der Exportware könnten die Devisenquelle Reisausfuhr zum Versiegen bringen. Trotzdem geben Potrykus und Beyer die Hoffnung nicht auf. Potrykus: ?Die Regulierung muss endlich nicht nur die Risiken, sondern auch den Nutzen der grünen Gentechnik berücksichtigen.?
Dieser Artikel ist erschienen am 27.10.2004