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Das Kosmoskind

Von Helmut Kuhn, Handelsblatt
Der Coup, den Rudi-Marek Dutschke da in Berlin plante, hätte seinem Vater zur Ehre gereicht. Er hat hoch gepokert ? und er hat hoch verloren.
Der Sohn des 68er-Revolutionärs Rudi-Marek Dutschke.
HB BERLIN. Der hatte erst zwei Wochen zuvor ein EU-Praktikum in Brüssel abgebrochen, um über eine Kampfkandidatur zu einem Bundestagsmandat für die Grünen zu kommen.?Ich habe mehr erwartet. Aber es war eine gute Erfahrung, und man muss auch verlieren können?, sagt der 25-Jährige mit der schnarrenden Stimme, ausnahmsweise mal ganz bescheiden.

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Die Ähnlichkeit ist frappierend: Rudi-Marek Dutschke gleicht seinem Vater bis auf das fransig ins Gesicht hängende Haar. Er ist in Begleitung seines älteren Bruders Hosea Che Dutschke in das Berliner Lokal ?Aufsturz? gekommen.Und der Name passt, denn es war ja tatsächlich etwas zwischen Aufstand und Umsturz, was sich der jüngste Rebellenspross da ausgedacht hatte. Ein Dutschke versucht wieder, Deutschlands Establishment aufzumischen. Im Jahre 2005 erwischt es die Grünen.?Es ist schade, dass meine Partei nicht den Mut hatte, jemandem von außen eine Chance zu geben. Ich glaube, dass die Grünen dieses Potenzial immer noch haben?, sagt Marek Dutschke über seine Partei, die genauso alt ist wie er selbst.Und sofort haben wir die Stimme des Mannes im Ohr, der so lange Kopf der 68er-Studentenbewegung und Außerparlamentarischen Opposition (Apo) in Deutschland gewesen ist und 1979 in Aarhus in Dänemark an den Folgen des Attentats von 1968 starb.Lesen Sie weiter auf Seite 2:Aber dann passiert etwas Unerwartetes.Aber dann passiert etwas Unerwartetes: Mit seinem Bruder spricht Marek Dutschke plötzlich Englisch. Und zwar so amerikanisch und so selbstverständlich, dass das Bild des revolutionären Rudi, der Ho-Ho-Ho-Tschi-Minh skandierte und so vehement gegen Amerikas Krieg in Vietnam zu Felde zog, wieder bröckelt.Nein, da sitzt ein ganz anderer junger Mann. Einer, der erst vier Monate nach dem Tod seines Vaters in Dänemark zur Welt kam. Einer, der zuerst Dänisch, dann Englisch und dann Deutsch lernte. Der mit seiner amerikanischen Mutter in Aarhus, Boston und in Hamburg lebte.Ein Kosmokind, ein Weltsponti, einer, der sich anschickt, aus den Spuren seines berühmten Vaters hinauszutreten, diese Welt selbst zu erobern, um, wie er es selbst nennt, ??ne eigene Spur zu machen?.Dabei hat ihn die Partei aber vorerst ausgebremst. ?Es scheint Konsens in meiner Partei zu sein, dass ich erst mal Basisarbeit machen soll. Sie wollen nicht, dass jemand von außen vorbeizieht.? Da ist es wieder, dieses Wort ?von außen?. Und da ist sie wieder, die Geschichte des Vaters, dem er den Namen verdankt.Viele haben ihm vorgeworfen, er versuche, mit seinem Namen Karriere zu machen. Dagegen wehrt er sich. Der Name habe ihm bei der Kandidatur zwar geholfen, seine Chance aber gleichzeitig auch wieder zerstört. ?Ich kann nichts für meinen Namen. Wenn ich ihn nicht hätte, wäre ich ein ganz anderer geworden. Da ist die Offenheit nicht mehr vorhanden, mit diesem Namen umzugehen.?Aber so manchem der Grünen, die derzeit in vorgezogenen Wahlen nach einem neuen Profil suchen, dämmerte es schon: Jemand wie Marek Dutschke könnte linkes und junges Wählerpotenzial mobilisieren. Er könnte wildern bei Attac wie bei der PDS.Lesen Sie weiter auf Seite 3:Diese Chance ist vertan.Diese Chance ist vertan. Die Partei hat altbewährte Kämpen wie den früheren Berliner Justizsenator Wolfgang Wieland auf die als sicher geltenden Listenplätze gewählt. Da könnte ja jeder kommen, wäre ja noch schöner.Sein älterer Bruder Hosea Che war extra aus Aarhus gekommen, um ihn bei seinem Vorhaben zu unterstützen. Jetzt muss er ihm in der ersten großen Niederlage seiner jungen Laufbahn beistehen.Hosea Che war zwölf Jahre alt, als Rudi Dutschke starb, und er hat seinen Vater gut gekannt. Rudi-Marek dagegen kam mit 21 Jahren aus den USA nach Berlin, ?gerade weil ich meinen Vater ja nicht gekannt hatte. Hier konnte ich die Leute treffen, die ihn begleitet hatten, die mir etwas über ihn erzählen konnten.?Trotz seiner herben Niederlage will Marek Dutschke die Erneuerung der Partei. Er will wie so viele enttäuschte Junggrüne weg vom Image der Pfründeschieberei und der Kompromisse. ?Und zwar wie Kollege Daniel Cohn-Bendit sagt: mit Volldampf in die Opposition.?Er selbst komme aus dem linken Spektrum, hat gegen Castor-Transporte demonstriert und war im letzten Jahr auch beim europäischen Sozialistenforum in Paris dabei. ?Ich bin sehr interessiert an außerparlamentarischen Oppositionsbewegungen, aber dort habe ich mich letztendlich nicht zu Hause gefühlt. Meine Heimat ist die basisdemokratische Ausrichtung der Grünen. Die ist in den letzten Jahren eben stark vernachlässigt worden.??Den Dany?, den mag er. Daniel Cohn-Bendit ? ?Dany le Rouge?, weil er 1968 Paris in Aufruhr versetzte ? und sein Vater hätten sich damals gut verstanden. ?Die waren beide auch ein bisschen sportlich, spielten Fußball, und sie konnten mit den Kommunen und den K-Gruppen nichts anfangen.?Über den Bundesaußenminister und Zeitgenossen seines Vaters hat Marek Dutschke dagegen nur wenig Schmeichelhaftes zu sagen. Geradezu ?widerlich? finde er den Siegelring, mit dem Joschka Fischer ein Familienwappen zur Schau trägt, das er selbst entwerfen ließ.Lesen Sie weiter auf Seite 4:Ich glaube, der ist einfach abgehoben.?Ich glaube, der ist einfach abgehoben. Er respektiert die Partei nicht mehr. Und er gibt mir das Gefühl, dass er die ganzen Privilegien, die Dienstwagen, die Kofferträger zu sehr verinnerlicht hat. Dass er irgendwie vergessen hat, was der Durchschnittsbürger verdient.?Fischer höre einfach nicht mehr zu, sagt Rudi junior ganz selbstbewusst. ?Das passiert eben manchmal, wenn Herrschaften etwas älter werden.?Der Coup des jungen Wilden ist geplatzt. Dennoch. Er werde jetzt von seinem Kreisverband Zehlendorf nach Mitte wechseln, wo er wohnt. Und eine Spur suchen, ?auf der ich mir treu bleiben kann?.VitaRudi-Marek Dutschke, der jüngste Sohn des legendären Studentenführers, wurde am 16. April 1980 in Aarhus/Dänemark geboren, wo sein Vater am 24. Dezember 1979 an den Spätfolgen des Attentats von 1968 gestorben war.Bis zu seinem fünften Lebensjahr wuchs Dutschke in Dänemark zusammen mit seinem älteren Bruder Hosea Che auf. Dann zog die Mutter Gretchen Dutschke-Klotz mit den beiden Söhnen nach Boston, wo Marek auf die High School ging. Nach einigen Jahren in Hamburg studierte Marek Politik und Germanistik an der University of Massachusetts, später einige Semester in Berlin und Tübingen.Seit 2001 ist er Mitglied der Grünen. Er lebt heute in Berlin.
Dieser Artikel ist erschienen am 04.07.2005