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Das Karten-Haus des Schulabbrechers

Von Axel Postinett, Handelsblatt
Jeder Fußballfan kennt ab heute Klaus-Peter Schulenberg: Er verantwortet den Vorverkauf für die WM 2006.
BREMEN. In hanseatischen Kaufmannskreisen geht man traditionell nur Risiken ein, die man wirklich nicht vermeiden kann. Und deshalb hat Klaus-Peter Schulenberg vorgesorgt: mit 15 000 zusätzlichen Internetservern.Sie wird sein Unternehmen CTS Eventim in genau einer Woche vermutlich dringend brauchen. Denn Schulenberg ist der Herr der Karten für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland.

Die besten Jobs von allen

Heute wird das WM-Organisationskomitee die Details des Vorverkaufs bekannt geben und damit auch für Schulenberg und seine Leute endgültig die Vorgaben setzen, an denen sie gemessen werden.Am 1. Februar beginnt die erste Phase des Vorverkaufs, Millionen Fußballfans werden sich schon am frühen Morgen auf den Internetseiten der Fifa einloggen, ein Absturz würde dem Turnier die ersten bösen Schlagzeilen bescheren.Die neuen Server sind deshalb das digitale Überlaufbecken. Sie sammeln die Anfragen und leiten sie geordnet zur Abarbeitung an die Rechner von Schulenbergs Ticketvermarkter CTS-Eventim weiter.Funktioniert alles reibungslos, würde das den ehrgeizigen Studienabbrecher und Selfmademan ins internationale Rampenlicht rücken. In zäher Kleinarbeit hat Schulenberg aus seinem Hobby während der Schulzeit einen der erfolgreichsten Konzert- und Ticketvermarkter der Welt geschmiedet und an die Börse gebracht. Über 70 000 Veranstaltungen pro Jahr werden gemanagt. Jetzt tönt er: ?Das wird die erste Fußball-WM, bei der der Ticketverkauf auch funktioniert.? Der Mann hat sich eine Menge vorgenommen.?Das ist ein Mensch, der schnell Tacheles redet?, bestätigt Jens Michow vom Bundesverband für Veranstaltungswirtschaft. Er hat Schulenberg vor 35 Jahren kennen gelernt. Damals trafen sich die beiden Nachwuchsagenten auf der Insel Amrum, wo sie mit ihren Schlagersternchen an einem Sylvesterprogramm für Radio Bremen mitwirkten. An die äußerst ungemütliche, kalte und verregnete Sylvesteraktion mit ihren Künstlern Eva Maria (Michow) und Bernd Clüwer (Schulenberg) erinnert er sich nicht mehr ganz so gerne. Um so lieber an Schulenberg selber, dem er auch heute noch im Verband öfters begegnet. ?Schulenberg hat die Härte und Konsequenz, die manch anderem in der Branche fehlt?, sagt er.Michow erinnert sich an eine Geschichte aus dem Jahr 2003, als Schulenberg das Angebot für die Tournee eines internationalen Top-Acts zur Überraschung der Branche konsequent ausgeschlagen hat: ?Die Forderungen waren ihm einfach zu hoch, und wenn er erst einmal Nein gesagt hat, kann man ihn auch nicht mehr umstimmen.?Die Sturheit passt zu Schulenberg, den Weggefährten und Branchenkenner als unauffälligen, harten und manchmal extrem ungeduldigen Arbeiter beschreiben. Die Gemütlichkeit des eher kleinen, gesetzten Mannes hat Grenzen. Wenn jemand Fehler ?schönreden? wolle, könne er schon mal ?explodieren?, gibt er selber zu. Er will das Heft in der Hand behalten: ?Entscheiden muss zum Schluss einer.? Wer das sein soll, daran lässt er keinen Zweifel ? keine leichte Ausgangsbasis, um mit bürokratischen und schwerfälligen Großverbänden wie Fifa oder DFB auszukommen.Seine Nase für richtige Entscheidungen wird er beim Prestigeprojekt WM 2006 gut gebrauchen können. Noch gut im Gedächtnis sind die chaotischen Verhältnisse bei den Ticketverkäufen für die WM-Turniere in Frankreich und Japan/Südkorea. Diesmal muss es funktionieren, denn das Mammutereignis soll die Eintrittskarte für seine CTS-Eventim ins ganz große Sportgeschäft sein. Bei den Olympischen Spielen 2008 will er dabei sein, bei Welt- oder Europameisterschaften aller Art. Das kann Schulenberg vergessen, wenn sein innovatives, sechs Millionen Euro teures Internetbestellsystem als Toll Collect der Ticketbranche in die Annalen eingeht: Unregelmäßigkeiten bei der Ticketvergabe, Ausfälle des Bestellsystems, Probleme mit dem Versand der mit kleinen Mikrochips versehenen Karten ? all das könnte auf CTS-Eventim zurückfallen.Doch egal, wie das Abenteuer WM-Karten auch ausgehen wird: Selbst durch eine Niederlage würde sich der 53-Jährige, der mit Lebensgefährtin und zwei erwachsenen Kindern in einem reetgedeckten Haus in Bremen wohnt, nicht aus der Bahn werfen lassen.Denn Fehlschläge kennt er auch. Eine Beteiligung an der Betreibergesellschaft des gefloppten Musicals ?Hair? in Bremen gehört dazu. Nach einer öffentlichen Schlammschlacht mit der Lokalpolitik stieß er die Anteile ab. Der Bremer Senat habe Zusagen nicht eingehalten, wetterte er. Schulenberg wolle sich aus der Verantwortung stehlen, schimpften die Kritiker. Von Musicals hatte er danach die Nase voll.Kürzlich, erzählt der Kammermusikfan beiläufig, habe er nach 20 Jahren Frank Farian wiedergetroffen. Man habe über alte Zeiten geplaudert ? und über Boney M. Ein Musical über die in Deutschland eher verpönte, aber international extrem erfolgreiche Band, das könnten die beiden sich vorstellen. Fix sei das Ganze jetzt noch nicht, aber Ende 2005, Anfang 2006 könnte das Projekt realisiert werden. Irgendwann wird das eben auch mit den Musicals klappen.
Dieser Artikel ist erschienen am 24.01.2005