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Das Job-Hoch im Norden

Helmut Steuer | Martin Roos
Fotos: Alexander Ruas Jens Maier/Laif
Den Schweden geht es so gut wie kaum zuvor. Job-Chancen haben vor allem Informatiker, Ärzte und Lehrer. Zwar ist das Gehalt geringer als in Deutschland. Doch die Skandinavier locken die Spezialisten mit steuerlichen Vorteilen.
Den Schweden geht es so gut wie kaum zuvor. Job-Chancen haben vor allem Informatiker, Ärzte und Lehrer. Zwar ist das Gehalt geringer als in Deutschland. Doch die Skandinavier locken die Spezialisten mit steuerlichen Vorteilen.

Knäckebrot im Mund, Ericsson am Ohr, Volvo unterm Hintern, Astrid Lindgren im Herzen. Und das Ganze weich gebettet im Wohlfahrtsstaat. Das ist Schweden. Zumindest in den Augen der Nichtschweden. Die Idee, ein ganzes Land in ein Volksheim zu verwandeln, stammt aus den 30er-Jahren: Der Staat sollte von der Wiege bis zur Bahre für seine Bürger sorgen.

Die besten Jobs von allen


Und tatsächlich. Schweden wurde ein fürsorglicher Staat ohne soziale und wirtschaftliche Schranken. Davon ist heute noch vieles erhalten: der hohe Wohnstandard, das Erziehungs- und Ausbildungssystem, die umfassende medizinische Versorgung und die gleichen Beschäftigungschancen für Frauen und Männer.

Sozial abgespeckt

Nicht immer jedoch war dieses Volksheim zu finanzieren. Nach wirtschaftlichen Krisen in den 80er-Jahren bis Mitte der 90er-Jahre, in denen die hohen Steuern nicht weiter angezogen werden konnten und eine soziale Abspeckungskur die Folge war, geht es dem Land heute so gut wie nie zuvor. Das Wirtschaftswachstum liegt bei 2,3 Prozent, die Arbeitslosigkeit bei 3,5 Prozent.

Rund zwei Drittel der Schweden leben und arbeiten in den Großstadtregionen um Stockholm, Malmö und Göteborg. Hauptbranchen sind die Holz-, Papier-, Stahl- und Elektroindustrie, der Fahrzeug- und Maschinenbau und die Biotechnologie - diese vor allem in Malmö. In der Informationstechnologie und in der Telekommunikation gehört Schweden zu den führenden Nationen der Welt.

Zu den 15 europäischen Regionen, die von der EU wegen ihres Wachstums und ihrer innovativen Unternehmen im vergangenen Jahr ausgezeichnet wurden, zählen Linköping, Stockholm und Kista, ein trister Vorort der Hauptstadt ganz in der Nähe des größten Mobilfunk-Netzwerk-Herstellers der Welt: Ericsson. Und da viele der führenden Unternehmen der Branche am Erfolg dieses Riesens teilhaben wollen, haben sie sich auch gleich in der Stadt niedergelassen, darunter Apple, Compaq, IBM, Microsoft, Oracle.

Mobile Valley der Welt

Auch wenn seit einem Jahr die Börsenkurse dramatisch gesunken sind, IT-Startups in Schweden pleite gehen und selbst Europas größte Multimedia-Agentur Framfab innerhalb von zwölf Monaten über 90 Prozent ihres Börsenwerts verlor, ist Schweden als IT-Standort immer noch gefragt und zählt zu den Wachstumsmotoren Europas. Weltweit führend hinsichtlich IT-Entwicklung und Internet-Reife sind die Skandinavier zurzeit dem World Times Survey der Internationalen Data Corporation (IDC) zufolge. Über die Hälfte der fast 8,9 Millionen Schweden nutzen das Internet. Darüber hinaus besitzen mindestens zwei Drittel aller Schweden ein Handy. Ex-Microsoft-Chef Bill Gates kürte Stockholm sogar zum ?Mobile Valley", dem Zentrum für das mobile Internet.

?Es gibt in der Informationstechnologie immer noch großen Bedarf an Technikern und Ingenieuren“, sagt Thorbjörn Israelsson von der schwedischen Arbeitsmarktbehörde - eine Institution, die den Arbeitsämtern übergeordnet ist. Israelsson sucht aber genauso nach Ärzten - vor allem aus Deutschland.

?Deutschland hat einen Ärzte-Überschuss und wir eine Riesennachfrage - in den Ballungsgebieten Stockholm, Göteborg und Malmö, aber auch in den ländlichen Regionen im Norden des Landes“, meint Anki Lennartsson-Ståhl, die beim Arbeitsamt für den European Employment Services der EU (Eures) - das europäische Arbeitsamt in Schweden - verantwortlich ist. ?Auch brauchen wir dringend Lehrer", sagt Lennartsson-Ståhl. Viele Schulen haben bereits ehemaligen Schülern und Berufsfremden Zeitverträge gegeben, damit regelmäßiger Unterricht überhaupt noch stattfinden kann.

Land für Bescheidene

EU-Bürger bekommen in Schweden problemlos eine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung. Die Einkommen sind jedoch niedrig - verglichen mit anderen EU-Staaten. Hinzu kommen die hohen Einkommensteuern, die den schwedischen Bund der Steuerzahler zu der Kampagne ?Die Hälfte muss übrig bleiben“ veranlasst haben. Ein Ingenieur bei Ericsson würde nach Berechnungen der Wirtschaftszeitung ?Dagens Industri" durch einen Umzug von Stockholm nach München sein Einkommen verdoppeln.

?Wir wissen, dass in Schweden nicht so viel bezahlt wird wie beispielsweise in Deutschland“, gibt Anki Lennartsson-Ståhl zu. ?Doch wir werben mit anderen Vorzügen wie mit unserem schönen Land, der unberührten Natur oder auch den Chancen, besser als in anderen EU-Ländern auf Entscheidungsprozesse im Unternehmen Einfluss zu nehmen.“

Experten kriegen mehr

Dass für viele Arbeitswillige nicht nur die Liebe zum Land, sondern vor allem die Knete zählt, hat nun auch die Regierung eingesehen. Anfang 2001 hat sie eine so genannte Expertensteuer eingeführt. Bei ?Schlüsselpersonen“ werden 25 Prozent des Gehalts von der Einkommensbesteuerung und von den Sozialversicherungsabgaben freigestellt.

Allerdings darf man sich in den vergangenen fünf Jahren nicht in Schweden aufgehalten haben, und der Arbeitsvertrag muss zeitlich begrenzt sein - zunächst auf drei Jahre. Wer zu den Schlüsselpersonen zählt, entscheidet die Steuerbehörde.

Doch auch wenn der Geldregen im hohen Norden nicht so üppig ausfällt, hält das Steuersystem einige Trostpflaster bereit: 30 Prozent der Schuldzinsen, die beispielsweise durch einen Immobilienkauf, der für Ausländer ohne Probleme möglich ist, anfallen, können vom zu versteuernden Einkommen abgezogen werden.

Wer in Schweden arbeiten will, aber fürchtet, nicht genügend qualifiziert zu sein - dem muss nicht bange sein. ?Wir schauen uns natürlich das Ausbildungsniveau genau an, aber bisher hat die Qualität der europäischen Ausländer fast immer gestimmt“, sagt Lennartsson-Ståhl.

Von Vorteil kann es jedoch sein, wenn ein Bewerber ein in Schweden verbrachtes Studiensemester oder -jahr vorweisen kann. ?Wer in Schweden was werden will, sollte schon während seines Studiums mal hier gewesen sein“, meint Markus Adler, stellvertretender Leiter der Deutsch-Schwedischen Handelskammer in Stockholm. Das gelte besonders für Juristen und Wirtschaftsprüfer, ?bei denen möglicherweise noch eine Zusatzausbildung in Schweden notwendig ist“.

Statt Piercing lieber Frack

50 Universitäten gibt es in Schweden, die größten haben über 20.000 Studenten. Die Universität von Lund in der Nähe von Malmö gilt als die zurzeit beste im Land. Die Universität von Uppsala ist die älteste Nordeuropas und das ?Cambridge Skandinaviens“. Acht Nobelpreisträger hat Uppsala bisher hervorgebracht.

Für deutsche Verhältnisse ungewöhnlich: Die meisten der 30.000 Studenten Uppsalas sind Mitglied einer der 13 Verbindungen und Landsmannschaften in der Stadt. Studentenverbindungen und das Leben in den Verbindungen werden sehr wichtig genommen - vor allem als Netzwerke für spätere Jobs.

Auch wenn die Studenten wilde Partys lieben und ein bisschen als Gauditruppen gelten - grundsätzlich legen sie auf Sitte und Anstand viel wert. Vielleicht ist auch das der Grund, warum es in der ganzen Stadt so gut wie kein Piercing-Studio gibt, dafür aber vier Frackverleiher. Abendgarderobe ist nämlich ein studentisches Muss. Da ist es kein Wunder, dass sich selbst im Secondhand-Laden der Heilsarmee schwarze Anzüge am besten verkaufen.
Dieser Artikel ist erschienen am 23.07.2001