Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Das Hirn überlisten

Britta Domke
Ein gutes Gedächtnis zu haben - reiner genetischer Glücksfall? Zum Glück nicht. Memory-Techniken helfen, sich Kundennamen, Zahlenkolonnen und Reden in Rekordzeit einzuprägen. Je absurder die Assoziationen, desto leichter fürs Hirn: Ein Skelett auf der Arche Noah vergisst keiner.
So viele Gesichter, so viele Namen! Für Barbara Caspars Gedächtnis war die Genfer Uhrenmesse stets der Overkill. Dutzende neue Gesichter pro Tag - da tanzten die Namen am Abend Ringelreihen in ihrem Kopf. Für die Marketing-Assistentin von Cartier München eine unangenehme Situation: "Ich hab's dann lieber gelassen, die Kunden namentlich anzusprechen", erinnert sich die 29-Jährige. "Wenn ich im Gespräch nicht herausgefunden hatte, wer das ist, musste ich manchmal sogar unsere Außendienstmitarbeiter fragen.

Fünf Mal schneller lernen

Wenn Barbara Caspar heute auf die Uhrenmesse fährt, dann hat sie die Namen ihrer Kunden auf Anhieb parat. "Wie konnten Sie über so lange Zeit behalten, wie ich heiße?", staunen ihre Gesprächspartner oft und freuen sich über die Aufmerksamkeit der Marketing-Frau. Sie wissen nicht, dass Barbara Caspar kein geborenes Namensgenie ist. Erst durch ein Seminar beim Münchener Gedächtnistrainer Markus Hofmann verbesserte sich ihre Merkfähigkeit für Namen, Redemanuskripte und sogar Einkaufslisten dramatisch. Nahezu jeder Mensch kann sein Gedächtnis dauerhaft auf Turbogang schalten - vorausgesetzt, er beherrscht die richtigen Techniken. Das Geheimnis liegt in der Struktur unseres Gehirns, das Bilder besser speichern kann als Worte und Zahlen. Vor allem, wenn sie absurd, albern, erotisch oder schmerzhaft sind. "Wenn ich einer neuen Person gegenübertrete, versuche ich sofort, ihren Namen in ein Bild zu verwandeln", verrät Barbara Caspar. "Frau Ruskova zum Beispiel stelle ich mir als Russin vor, die sich auf einen Koffer setzt.

Die besten Jobs von allen


Solche Filme laufen in allen Köpfen ab, die so genannte Mnemo-Techniken (von griechisch mnemos = Erinnerung) anwenden. Sie sind das wichtigste Arbeitsmittel der Gedächtnismeister. Und sie funktionieren so gut, dass auch vergessliche Menschen in einem halben Tag die Grundlagen beherrschen. Weitere 20 bis 30 Stunden Übung reichen nach Auffassung von Trainer Markus Hofmann aus, um das Gedächtnis dauerhaft zu eichen. "Wenn Sie auf konventionelle Art pauken, brauchen Sie etwa fünf Mal so lange", versichert Hofmann, der nach eigener Aussage früher "ein durchschnittlicher Abiturient und fauler Hund" war. Heute bringt er Studenten bei, wie sie sich Vokabeln, medizinische Fachbegriffe oder die Grundlagen der Betriebswirtschaft fast mühelos einverleiben

Bei "Wetten, dass ...?" verblüffte zuletzt eine von Hofmanns Schülerinnen mit ihrer Gedächtnisleistung: Die elfjährige Julia aus Rosenheim wettete, dass sie sich 100 Kilt-Muster merken und den Namen der schottischen Clans zuordnen kann - und das, obwohl sich die Rockmuster oft nur in winzigen Nuancen unterscheiden. Beim "Kennedy"-Clan etwa dachte Julia an das rote Fadenkreuz, durch das John F. Kennedys Attentäter schaute - und musste dann nur noch nach dem entsprechenden Kreuzmuster Ausschau halten. Wette gewonnen

Elfstelliges Horror-Movie

Wie Trainer Hofmann arbeitet auch Christiane Stenger mit verknüpften Bildern. Dank der Mnemo-Techniken kommt die Politikstudentin viel schneller durchs Studium als ihre Kommilitonen. "Die fangen einen Monat vor der Klausur an zu lernen; ich brauche ein bis zwei Tage", erzählt die 17-Jährige. Mit neun Jahren entdeckte die hochbegabte Münchenerin das Gedächtnistraining und gewann seitdem vier Mal die Junioren-Weltmeisterschaft

Für die Zahlen von eins bis 99 hat Christiane Stenger ein besonderes Merksystem, in dem jeder Ziffer ein Substantiv zugeordnet ist (siehe "Erko-System"). "Damit kann sich jeder eine 100-stellige Zahl merken", beteuert sie. Eine einfache Telefonnummer wie die der karriere-Redaktion (0211.8871257) wird so in ihrem Kopf zum albernen Horror-Movie: "Auf der Arche Noah (02) steht ein Skelett (11) mit einer Waffe (88) in der Hand. Gleich will es eine Kette (71) rauben, die im Nil (25) von einer Kuh (7) gefunden wurde." Skeptikern versichert Stenger, mittlerweile Autorin des Gedächtnis-Buches "Warum fällt das Schaf vom Baum?", dass selbst komplizierteste Bilder viel leichter im Gedächtnis bleiben als unsinnliche Zahlen. Merken muss sie sich diese Kopf-Filmchen nicht, sie sieht sie einfach. Natürlich behält auch sie nicht jede Telefonnummer, die ihr über den Weg läuft. Aber weil das Gehirn wie ein Muskel funktioniert, der durch Training immer leistungsstärker wird, hat sich ihre Konzentrationsfähigkeit inzwischen deutlich verbessert

Und noch einen Vorteil bringt ein fittes Gedächtnis, finden Stenger und Hofmann: Der Geist werde flexibler, kreativer und aufnahmefähiger für Neues. So habe er sich die wichtigsten Maler und ihre Gemälde aus den letzten 1.100 Jahren gemerkt, berichtet Trainer Markus Hofmann. "Der Effekt: Auf einmal war meine Welt voller Gemälde und Künstler. Ich sah sie überall und hatte plötzlich einen Bezug dazu.

Dieser Artikel ist erschienen am 27.05.2005