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Das große Sterben

Christoph Mohr
Leere Kassen, teure Unis - in der deutschen Hochschullandschaft geht der Sensenmann um. Auf dem Programm: Schließung von Studiengängen, Verlegungen und Fusionen.
Bedrohte Arten
Im Ruhrgebiet fiel der Hammer zuerst. Gegen den erbitterten Widerstand der Beteiligten fusionierte die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen Anfang des Jahres die Universität Duisburg mit der Gesamthochschule Essen. Grund: Das Land, in dem es Unis im Abstand von 25 Kilometern gibt, kann sich die große Hochschuldichte nicht mehr leisten

Kein Einzelfall: Die deutsche Hochschullandschaft steht vor einer Welle von Schließungen und Fusionen. Ganz im Sinne von Bundesbildungsministerin Edelgard Buhlmahn, die unlängst in Junge Karriere (05/2003) mehr "Profilschärfe der staatlichen Bildungsstätten" forderte: "Dafür müssen sie dann auch Fachbereiche schließen."

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Dramatisch sieht es in den nördlicheren, SPD- oder ehemals SPD-regierten, Bundesländern aus. Ganze Studiengänge werden verlagert, zusammengelegt, geschlossen. In Schleswig-Holstein wandert nach dem Willen der Landesregierung die Architektur nach Lübeck (Verlierer: Eckernförde), die FH Westküste verliert den Maschinenbau an die FH Flensburg, die FH Kiel wird wohl die Agrarwissenschaften an die benachbarte Uni abtreten. Fraglich auch, ob sich das Land in Zukunft noch seine zwei Medizinstandorte, Kiel und Lübeck, wird leisten können.

Spitzhacke statt Rasenmäher

Im CDU-geführten Niedersachsen will die Regierung allein im Haushalt 2004 rund 40 Millionen Euro bei den Hochschulen einsparen. "Ohne Schließung von Studiengängen werden wir das nicht hinbekommen", stellt Staatssekretär Josef Lange klar. In der Diskussion ist die Abschaffung ganzer Fachbereiche wie Wirtschaftswissenschaften in Lüneburg und Jura an der Uni Hannover. Lange: "Bei der finanziellen Notlage hat es auch keinen Sinn, nach der Rasenmähermethode zu kürzen.

Spezialproblem des Flächenstaates Niedersachsen: Viele Hochschulen haben hier Ableger, manchmal bis zu fünf Standorte; Hochschulpolitik vermischt sich mit Strukturförderung. Will das Land aber in derselben Größenordnung wie 2004 sparen, stehen in den nächsten Jahren Standorte von Elsfleth, Emden über Holzminden und Leer bis Salzgitter, Suderburg, Wolfenbüttel und Wolfsburg zur Disposition.

In Hamburg ist der Kahlschlag beschlossene Sache, seit der parteilose Wissenschaftssenator Jörg Dräger eine revolutionäre Neuordnung der Hochschullandschaft durchgebracht hat. Bislang leistete sich der Stadtstaat zwölf autonome Hochschulen. Damit ist es nun vorbei. Sämtliche bisherigen Lehrangebote werden zu 13 so genannten Sektionen zusammengefasst, um Doppelungen künftig zu vermeiden. Kein Fachbereich bleibt ungeschoren: Jura, Geistes-, Kultur- und Sprachwissenschaften, Naturwissenschaften, Erziehungswissenschaft, Lehrerbildung und Sport, Medizin, Wirtschaft und Sozialwissenschaften. Die Folge: Institute und ganze Hochschulen werden überflüssig

So kommt die Zusammenlegung der Studienangebote de facto einer Auflösung der Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik (HWP) gleich - jener Hochschule des zweiten Bildungsweges, deren prominentester Absolvent der ehemalige BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel ist. Heftig umkämpft ist auch die "Sektion Bauen" (Architektur), die entweder an die Hochschule für Bildende Künste oder an die Hochschule für Angewandte Wissenschaft (HAW) gehen soll.

So weit ist man in Berlin noch nicht. Dafür jagt an Deutschlands größtem Bildungsstandort ein Schließungsgerücht das nächste. Thilo Sarrazin, Finanzsenator der finanziell notorisch klammen Metropole, goß kürzlich zusätzlich Öl ins Feuer, als er erklärte, dass im Zuge der Sparpolitik nur noch " wirtschaftlich relevante" Fächer gefördert werden sollten. "Natur- und ingenieurwissenschaftliche Absolventen sind für Berlin erheblich wichtiger." Daher müsse es zu Verschiebungen zu Lasten von geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern kommen, die "nicht zu den produktiven gehören". Seitdem bangen die Geisteswissenschaften an der FU, die Musik- und die Kunsthochschulen um ihre Existenz.

Münchener Fusionitis

Aber selbst in den reichen Südländern Bayern und Baden-Württemberg machen sich die Sparzwänge bemerkbar. Zwar erklärt das Bayerische Wissenschaftsministerium offiziell, dass "die Zusammenfassung von Hochschulen oder Studiengängen in Bayern derzeit nicht geplant" sei. Angestrebt sei lediglich eine "noch engere Kooperation und Vernetzung". Doch hinter der Sprachregelung verbirgt sich nichts Geringeres als die Fusion des medizinischen Grundstudiums der beiden Münchener Großuniversitäten. Wissenschaftsminister Hans Zehetmair begrüßt, dass sich LMU und TU nach "intensiven Verhandlungen auf ein gemeinsames Konzept geeinigt" haben - im Klartext: nach massivem Druck. Absehbar, dass sich in einigen Jahren die Frage nach der Zusammenlegung des medizinischen Hauptstudiums stellen wird.

Keine Krise ohne Gewinnler, scheint man sich in Baden-Württemberg zu sagen. Bemerkenswert aggressiv verfolgt dort die Universität Stuttgart unter ihrem Rektor Dieter Fritsch Expansionsgelüste. Am liebsten möchte der Platzhirsch die benachbarte Uni Hohenheim und das private Stuttgart Institute of Management and Technology (SIMT) schlucken. Das SIMT soll so die Weiterbildungseinrichtung der Uni werden

Gewinner und Verlierer auch bei den Studenten. Praktisch überall protestieren Studentenvertretungen gegen die geplanten Maßnahmen. Erst die nächste Studentengeneration könnte von der behaupteten Fokussierung des Studienangebots profitieren. Konkurrenz belebt bekanntlich das Geschäft. Es sei denn, Sparen heißt ganz einfach: sterben.

Bedrohte Arten

Welche Hochschule und Studiengänge um ihre Existenz fürchten müssen

Schleswig-Holstein
Uni Flensburg: Wirtschaftswissenschaften
FH Kiel: Agrarwissenschaften
FH Westküste: Maschinenbau

Niedersachsen
Uni Hannover: Jura
FH Lüneburg: Wirtschaftswissenschaften
Hochschule Vechta
FH Braunschweig-Wolfenbüttel: Standorte Braunschweig, Wolfenbüttel, Salzgitter, Wolfsburg
FH Oldenburg/Ostfriesland/Wilhelmshaven: Standorte Oldenburg, Elsfleth, Emden, Leer, Wilhelmshaven
FH Hildesheim-Holzminden-Göttingen
FH Nordostniedersachsen: Standorte Buxtehude, Lüneburg, Suderburg

Hamburg
Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik (HWP)

Berlin
FU: Geisteswissenschaften
Kunsthochschulen Berlin-Weißensee, Ernst Busch und Hanns Eissler

Sachsen
FH Erfurt: Bautechnik, Gartenbau und Landschaftsarchitektur
TU Dresden: Landschaftsplanung

Baden-Württemberg
Uni Stuttgart: Geisteswissenschaftliche Lehramtsstudiengänge
Dieser Artikel ist erschienen am 25.09.2003