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Das große Spiel

Gero Lawecki. Mitarbeit: Kirstin von Elm und Stefani Hergert. Foto: Pixelio
Sport ist Lifestyle, Spaß und knallhartes Business. Agenturen, Unternehmen und Vereine setzen Milliarden um - und brauchen Nachwuchs.
Was für eine Aufregung! Und das alles nur wegen Werbung für einen Kräuterlikör. Vor 35 Jahren jedoch reichte das für einen Skandal in der Fußball-Bundesliga. Günter Mast, Geschäftsführer der Firma Jägermeister, versah damals die Trikotbrust der Spieler von Eintracht Braunschweig mit dem bekannten Hirschkopf. In der Frankfurter Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) sah man das Ende des sauberen, weil unkommerziellen Sports gekommen und protestierte scharf: Keine Werbung! Also gestaltete Mast den Löwen im Braunschweiger Wappen zum Hirsch um. Der DFB zog vor Gericht und musste sich dort endgültig dem cleveren Geschäftsmann geschlagen geben. Trikotwerbung war fortan nicht mehr nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht - als wichtige Einnahmequelle der Vereine.

Die Unternehmen lassen sich dies einiges kosten. Ab 1973 zahlte Jägermeister Eintracht Braunschweig 300000 Mark pro Saison. In der laufenden Spielzeit erhält Bayern München von seinem Hauptsponsor Telekom 20 Millionen Euro. Der Spitzensport ist längst auch Sportbusiness geworden. Die Vereine, Verbände und Unternehmen setzen Milliarden um. Laut Studie "Sponsor Visions 2008" der Hamburger Media-Agentur Pilot lassen deutsche Unternehmen in diesem Super-Sportjahr mit Fußball-EM und Olympischen Sommerspielen 2,9 Milliarden Euro ins Sport-Sponsoring fließen.

Die besten Jobs von allen


Absoluter Liebling der Geldgeber ist der Fußball. Doch andere Sportarten sind mittlerweile ebenfalls professionell aufgestellt und vermarktet. Die Athleten stehen im Mittelpunkt, doch der Apparat dahinter ist groß. So facettenreich wie die Branche sind auch die Karrierechancen: Hier geht es darum, die Sportler einzukleiden, ihre Auftritte den Sponsoren und Partnern in der Wirtschaft schmackhaft zu machen, die Veranstaltungen zu organisieren, in den Medien darüber zu berichten oder die juristischen Feinheiten von Verträgen zu klären. Ob Designer, Ingenieure, BWLer, Sportökonomen, Informatiker oder Juristen - im Sportbusiness finden sie ihren Platz. Solche Aussichten locken zahlreiche Bewerber an. Sport ist Hobby, Lifestyle und Spaß. "Damit kann sich fast jeder identifizieren", sagt Thomas Trümper, Mitglied der Geschäftsleitung des Beratungsunternehmens Sport + Markt. "Deshalb ist Sport für Unternehmen auch die ideale Plattform, um sich zu präsentieren."

Timo Röbbel kennt das Geschäft. Der 34-Jährige ist Projektleiter Sportsponsoring beim Automobilzulieferer Continental, einem der offiziellen Sponsoren der Fußball-Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz im Juni. Das Turnier ist die Bühne für das Unternehmen, und Röbbel und 13 seiner Kollegen in ganz Europa sorgen für die Geschäftspartner und VIP-Gäste. Sie organisieren die Anreise und den Aufenthalt und planen die Übergabe der Hospitality-Tickets. Etliche Fans werden Röbbel beneiden, denn wenn die deutsche Mannschaft ihre Vorrundenspiele bestreitet, ist er live im Stadion dabei. "Natürlich freue ich mich darauf, aber in erster Linie muss ich mich um unsere Gäste kümmern." Beim EM-Tipp bleibt Röbbel berufsbedingt neutral: "Wir sind Sponsor der Euro, nicht der DFB-Auswahl. Deshalb hoffe ich zunächst darauf, dass es ein großes europäisches Fest wird."

Bei diesem Fest spielen auch die Sportartikelhersteller eine wichtige Rolle. Die Unternehmen stehen gut da, locken mit attraktiven Angeboten. Nils Richter, Personalberater bei Michael Page, bestätigt: "Die großen Sportartikelhersteller sind sichere Arbeitgeber, global aufgestellt, und das Jahr 2008 wird für sie bestimmt erfolgreich verlaufen." In den kommenden Wochen und Monaten werden sich die Konzerne so richtig in Szene setzen. Vor allem Adidas drängt auf die große Bühne: In Peking rüstet das Unternehmen aus Herzogenaurach 40000 freiwillige Helfer und 18 Olympia-Teams aus. Die EM-Endrunde ist ohne Adidas ebenfalls kaum vorstellbar. Aber auch Puma inszeniert sich groß als Fußballmarke und hat insgesamt fünf der 16 Teams unter Vertrag, darunter die beiden Gastgeber. Beide fränkischen Unternehmen wollen in diesem Jahr jeweils 150 neue Mitarbeiter in Deutschland einstellen. Drei Viertel der Stellen werden von Akademikern besetzt. Bevorzugte Fachrichtungen: Wirtschaftswissenschaften, Wirtschaftsinformatik, Sport und Sportökonomie sowie (Mode-)Design. Gute Chancen hat, wer zuvor schon ein Praktikum beim Unternehmen absolviert hat. Adidas bot im vergangenen Jahr mehr als 400 Praktika an. "Unter anderem in den Bereichen Design, Marketing, Vertrieb, Produktentwicklung, Finanzen und IT", sagt Andreas Lämmlein, Leiter des Hochschulmarketings. Die bezahlten Praktika dauern fünf bis sechs Monate. "Uns ist es wichtig, dass die Leute das tägliche Geschäft kennenlernen und idealerweise auch ihr eigenes Projekt bearbeiten", sagt er.

Nach dem Praktikum bei Adidas ist Julia Messing, 24, im Unternehmen geblieben und durchläuft mittlerweile das Traineeprogramm. In ihrer Bachelorarbeit erstellte die studierte Textil-Managerin das Konzept für ein Produktarchiv, das alle Adidas-Artikel aufführt und auf das Designer, Entwicklungsingenieure und die Rechtsabteilung zurückgreifen können. "Trainingsanzüge, T-Shirts - alles ist virtuell, aber auch physisch archiviert", sagt Messing. Businesssprache bei Adidas ist Englisch. Mag der Dax-Konzern auch der Tradition verpflichtet sein und seine Zentrale im beschaulichen Herzogenaurach liegen, gedacht wird international. Kein Wunder, von den weltweit 31300 Mitarbeitern arbeiten lediglich 3200 in Deutschland. Dazu gehört auch, dass die Traineekandidaten eine Auslandsstation absolvieren. Julia Messing hat sich für Tokio entschieden.

Christian Kortmann, 29, ist bereits in Asien, genauer: in Schanghai. Dort sitzt er seit zwei Wochen im Büro der Münchener Agentur Avantgarde und plant Werbe- und Promotionveranstaltungen für Nike, den Weltmarktführer und schärfsten Rivalen von Adidas. Auch der US-Konzern will sich in Peking der Weltöffentlichkeit von seiner besten Seite präsentieren. Kortmann hat an der Deutschen Sporthochschule (DSHS) in Köln Sportwissenschaften mit Schwerpunkt Ökonomie und Management studiert und arbeitet seit vier Jahren für Avantgarde. "Im vergangenen Sommer habe ich mit meinen Chefs darüber gesprochen, dass ich mich beruflich verändern möchte", sagt Christian Kortmann. "Als dann das Angebot kam, nach China zu gehen, habe ich nicht lange gezögert." Beim Großereignis Olympia wollte er auf jeden Fall dabei sein. Dass der Job stressig und sehr zeitintensiv wird, kalkuliert er gerne ein.

Das ist, unabhängig von Olympischen Spielen, keine Seltenheit im Sportbusiness. "Wer mitspielen möchte, muss die teilweise gewöhnungsbedürftigen Arbeitszeiten akzeptieren. Die Veranstaltungen oder Spiele finden zumeist abends oder am Wochenende statt", sagt Till Kraemer von der Personalvermittlungsagentur Sport-Job. Rouven Kasper hat damit keine Probleme. Er betreut für den Sportrechtevermarkter Sportfive die Sponsoren beim Fußball-Zweitligisten FC Augsburg und ist bei jedem Heimspiel des Klubs im Einsatz - meist sonntags. Der 26-Jährige hat zudem das, was Marktexperte Kraemer Stallgeruch nennt: Er hat als Student viele Praktika absolviert und wichtige Kontakte geknüpft. Während er in der Marketingabteilung von Hertha BSC hospitierte, lernte er etwa Olaf Bauer kennen, der ihm wiederum zum Praktikum bei Sportfive, seinem heutigen Arbeitgeber, verhalf. Die Agentur, die 2001 aus einer Fusion von Ufa Sports mit zwei französischen Agenturen entstand, seit 2006 zum Konzern Lagardère gehört und sich am Markt mit Konkurrenten wie IMG und Infront misst, beschäftigt derzeit 250 Mitarbeiter in Deutschland. Aktuell vermarktet das Unternehmen acht Fußball-Erstligisten - darunter den Hamburger SV, Eintracht Frankfurt, Hertha BSC und Borussia Dortmund - sowie die Zweitliga-Teams in Kaiserslautern und Augsburg. Die Zeichen stehen auf Wachstum. Gesucht werden pro Jahr 30 bis 40 neue Mitarbeiter, nicht zuletzt deshalb, weil Sportfive sich neben dem Kerngeschäft Fußball verstärkt auch im Rugby und im Handball engagiert. Handball gilt spätestens seit dem WM-Triumph der deutschen Mannschaft Anfang 2007 als neues Schwergewicht in der Sportvermarktung.

Neben dem Marketing kümmert sich Sportfive auch um rechtliche Fragen. Hier kommt Till Johannsen, 31, ins Spiel. Der Jurist ist für die Verträge beim Ein- und Verkauf der Rechte zuständig. Eine spannendere Aufgabe kann sich HSV-Fan Johannsen gar nicht vorstellen. Dennoch, oder vielleicht gerade deswegen, bleibt der Job nicht ohne Folgen: "Ich gucke mir Bundesligaspiele in der Sportschau schon mit anderen Augen als früher an. Schließlich kenne ich viele Kunden und achte deshalb besonders darauf, wie deren Banden- oder Trikotwerbung zur Geltung kommt." Straf- oder Zivilrecht dagegen hat ihn nie interessiert. "Ich wollte immer in die Wirtschaft. Dass ich Job und private Interessen verknüpfen kann, ist ideal", sagt Johannsen.

Die Verbindung von Sport und Wirtschaft ist heute selbstverständlich. Tatsächlich aber sind Studiengänge wie Sportökonomie und Sportmanagement vergleichsweise jung. Als erste deutsche Universität bot Bayreuth Sportökonomie 1985 an. 70 Studenten setzten sich damals in die Vorlesungen, etwas unsicher, was auf sie zukommen würde. "Wir haben die Idee des Sportmanagement-Studiums aus den USA übernommen. In den 80er-Jahren wurde Sport endgültig zum Werbemedium für die Unternehmen. Das Bedürfnis nach einer adäquaten Ausbildung war groß, und darauf haben wir reagiert", erzählt Professor Herbert Woratschek. Das Studium in Bayreuth umfasst drei Bereiche: Wirtschaft, Sport und Recht. "Unser Drei-Säulen-Konzept ist hierzulande einzigartig", sagt Woratschek und verweist auf die große Nachfrage aus der Wirtschaft.

Die Absolventen aus Bayreuth stehen hoch im Kurs. Das Alumni-Netzwerk der "Spökos" tut sein Übriges, um Kontakte zu denUnternehmen, Vereinen und Verbänden herzustellen. 70 Studienplätze werden jährlich neu besetzt. Die Zahl der Bewerber, die neben guten Abi-Noten auch eine überzeugende Eignungsprüfung hinlegen sollten, liegt regelmäßig bei 400 bis 500.

Anders als in Bayreuth sind in Köln-Marsdorf vor allem technische Fähigkeiten gefragt. Toyota entwickelt hier seine Formel-1-Fahrzeuge und beschäftigt dazu 650 Mitarbeiter aus 30 Nationen. Neue Stellen sind geplant, vor allem Ingenieure haben gute Chancen, sagt Personalleiter Rob Leupen. "Es handelt sich um Aufgaben in der Fahrzeugentwicklung und Konstruktion sowie in der Aerodynamik. Im Vordergrund steht die Entwicklung von Hochleistungskomponenten für unser Formel-1-Fahrzeug." Zum Einsatz kommen die Ingenieure auch an den Teststrecken in Südeuropa. Jobs wie bei Toyota sind verlockend und scheinen Glamour zu versprechen. Doch den Traumjob findet nicht jeder Absolvent. "Man kann von einer Zweiklassengesellschaft sprechen", sagt Ulrich Semblat. Er ist Vorstandsvorsitzender des Verbandes für Sportökonomie und Sportmanagement in Deutschland (VSD) und beobachtet den Markt seit vielen Jahren. "Die Stellen bei den großen Unternehmen und Profi-Klubs sind natürlich heiß begehrt. Aber Positionen bei kleineren Vereinen bleiben schon mal länger unbesetzt", sagt Semblat. "Das erscheint vielen Sportmanagern nicht so attraktiv."

Und wer angesichts der Millionengehälter der prominenten Profis auf überdurchschnittliche Gehälter hofft, wird enttäuscht. Denn im Sportbusiness wird - im besten Fall- nur durchschnittlich gezahlt. Experte Till Kraemer schätzt, dass Berufseinsteiger verglichen mit anderen Branchen zehn bis 15 Prozent weniger Gehalt bekommen. Personalberater Nils Richter von Michael Page: "Ein BWLer verdient anfangs in der Sportartikelindustrie zwischen 2500 und 3000 Euro brutto im Monat. Bei Banken, in der Pharma- oder Automobilbranche wird sicher besser bezahlt. Aber die angesagten Arbeitgeber wie Adidas und Puma müssen sich darüber keine Gedanken machen. Es gibt genug Bewerber für die offenen Stellen."

Conny Mütze, 34, und Stefan Knopp, 29, (Porträt S.32) haben sich, wenngleich nicht in Bayreuth, ebenfalls für Sportökonomie entschieden. Allerdings erst im zweiten Versuch. Die gebürtige Dresdenerin brach ihr BWL-Studium 1997 ab, weil es mit ihrer Arbeit beim Aachener Reitturnier nicht mehr zu vereinbaren war. "Dafür fehlte mir einfach die Zeit." So ganz ohne Abschluss wollte Mütze dann aber doch nicht bleiben. Deshalb absolvierte sie das berufsbegleitende Intensivstudium Sportökonomie an der European Business School in Oestrich-Winkel - eine anstrengende Zeit: "Studium und Beruf unter einen Hut zu bringen, war hart. Mein Arbeitstag hatte manchmal 18 Stunden", sagt Mütze. "Ohne die Unterstützung meines Arbeitgebers hätte ich das nicht geschafft." Auch finanziell war das Studium eine Herausforderung, es kostete rund 10000 Euro. Doch Mütze bereut die Investition nicht. "So habe ich mir ein solides Fundament geschaffen."

Ihr Arbeitskollege Stefan Knopp schmiss sein VWL-Studium an der Universität Bonn und wechselte nach Köln an die DSHS. "Ich wollte auf jeden Fall ins Sportmarketing. Das Studium in Köln erschien mir da sinnvoller." Eine Hoffnung, die nicht enttäuscht wurde. Seit drei Jahren nun hilft er mit, das größte Reitturnier der Welt zu organisieren. Wo auch immer junge Absolventen im Sportbusiness landen, fast alle schwärmen vom kollegialen und entspannten Miteinander.

Das sehen auch die beiden Münchener Mirko Janetzke und Lars Grundmeier so. Und während der Medien-Informatiker Janetzke, 26, für die Impire AG neue Fußball-Software entwickelt (siehe S.30), arbeitet Grundmeier nach einem Praktikum seit April 2007 als Volontär beim Deutschen Sport Fernsehen (DSF). "Die Atmosphäre hier ist super, und man erlebt viele Sportler hautnah", sagt Grundmeier, der in Paderborn Medienwissenschaften studiert und im Juni seine Diplomarbeit abgibt. Wenn die Themen für die Sendungen "DSF Aktuell" und "Bundesliga Aktuell" besprochen werden, ist er immer hautnah dabei. Eine seiner Aufgaben: Er erstellt die Teaser, also die Einspielfilme, die dem Zuschauer vor und nach den Werbeblöcken Appetit auf die Sendungen machen sollen. "Dafür muss man knackig texten können." Auch als Reporter bei BundesligaSpielen war er schon im Einsatz. "Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht", sagt Grundmeier. "Besser konnte es nicht laufen."
Dieser Artikel ist erschienen am 05.05.2008