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Das große Schlottern

Simone Fuchs
Krisen, Krankheiten, Kündigungsflut: Die Angst geht um - auch im Job. Sie lähmt die Leistung und schadet der Karriere. Wie Sie sich aus dem Teufelskreis von Furcht und Fehlschlägen befreien.
Das Ungeheuer kommt in der Nacht. Wenn die Straßenbahnen nicht mehr rattern und der letzte Freund längst schläft. Draußen legt sich Ruhe über das Pflaster, im Kopf drehen sich die Gedanken im Kreis. "Die Nächte von Sonntag auf Montag waren die schlimmsten", erinnert sich Harald Wandelin*. Lange vor Beginn der neuen Arbeitswoche, schon am sonntäglichen Kaffeetisch hatte der geschäftsführende Gesellschafter eines mittelständischen Unternehmens Magendruck. Bis zum Abend wurde der Druck zur "zentnerschweren Last".

Der 38-Jährige kam fast um vor Angst, die falschen Entscheidungen zu treffen und den elterlichen Betrieb ins Aus zu treiben. Dabei hatte er ihn gerade erst vergrößert, eine neue Produktionslinie eingeweiht und zwei Dutzend Leute eingestellt. Auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn steht auch Sebastian Zimmerer*. Mit gerade 23 Jahren ist er Leiter Systemadministration bei einer IT-Beratung. Und liegt seitdem alle drei Monate mit Grippe im Bett. "Ich stehe ständig unter Strom", sagt der ausgebildete Fachinformatiker. "Sobald beim Kunden etwas schief läuft, bin ich Schuld."

Die besten Jobs von allen


Was in Wandelin und Zimmerer vorgeht, hat Joachim Freimuth, Führungskräfte-Coach und Professor für Personalmanagement an der Hochschule Bremen, schon von vielen Managern gehört. Hinter der Drachentöter-Fassade verbirgt sich eine verängstigte Seele. "Leistungsträger sind besonders anfällig für Angst im Job", weiß Freimuth. Projekt um Projekt haben die scheinbar Starken auf ihren Lebenslauf gehäuft und kommen plötzlich mit der Verantwortung nicht klar. Ihr Unternehmen baut Mitarbeiter ab, und sofort wähnen sie sich auf der Abschussliste. MBA-gekrönt fliegen sie aus den USA zurück und zittern vor dem deutschen Arbeitsmarkt. Jeder Zweite betroffen

Die persönliche Furcht vorm Versagen wird durch gesellschaftliche Unsicherheiten noch verstärkt. Seit Mitte 2000 ist der Ifo-Geschäftsklima-Index, das Angstbarometer der Wirtschaft, fast kontinuierlich gesunken. Immer schlechter schätzen deutsche Unternehmen ihre Geschäftsaussichten ein. Verdüstert sich das Umfeld, wiegen Niederlagen doppelt schwer. 58 Prozent der Berufstätigen plagt die Angst - vor dem Chef, vor konkurrierenden Kollegen oder Jobverlust. Das ergab eine aktuelle Umfrage, die Junge Karriere in Kooperation mit der Jobbörse Monster durchführte

Der Wirtschaft kosten diese Ängste Milliarden. Nach einer Untersuchung der Kölner Ökonomen Winfried Panse und Wolfgang Stegmann gehen jährlich 75 Milliarden Euro durch die Auswirkungen beruflicher Panikattacken verloren. "Vor allem unter jüngeren Beschäftigten nimmt die Angst zu", beobachtet Wolfgang Stegmann. Zwei Drittel der Mitarbeiter unter 50 fürchten sich vor Konkurrenz, doppelt so viele wie unter den älteren Kollegen. Bei der Angst vor der Arbeitslosigkeit liegt die Quote noch um 20 Prozent höher, ermittelte Stegmann in einer Umfrage.

Das muss noch keine Katastrophe sein: "Gerade wenn man noch nicht etabliert ist, sind Ängste normal und gesund", sagt Wirtschaftsforscher Stegmann. Sie machen sensibel für Veränderungen, steigern Aufmerksamkeit und Produktivität. Gefährlich wird es, wenn sich der Körper nach dem Adrenalinstoß nicht erholen kann.

Denn Dauerängste verstärken sich gegenseitig. Mitarbeiter, die Angst haben, mobben einander und erteilen unklare Aufträge. Sie halten Informationen zurück oder geben sie nur an ausgewählte Kollegen weiter. Als letzte Alternative bleibt die Flucht. In die innere Kündigung, in Alkohol und Tabletten. Angst essen Seele auf

Sobald der Punkt, an dem das flaue Gefühl im Bauch in krankhafte Störungen umschlägt, sollte man handeln. "Wenn man schon Angst davor hat, dass die Angst gleich kommt, sollte man etwas tun", rät Stegmann. Denn das Ungeheuer hat scharfe Zähne. Es treibt sein Opfer in die Enge und ritzt die Haut, bis sie wund ist und dünn wie Pergament. Dann reißt sie. An den schwächsten Stellen. "Manchmal fühle ich mich wie ausgekotzt", erzählt Systemadministrator Sebastian Zimmerer. Die Arbeit hält ihn oft bis Mitternacht im Büro, noch mit 40 Grad Fieber ist er bis vor kurzem hingegangen. Vom aufmerksamen Zuhörer hat er sich zum Nervenbündel gewandelt, streitet wegen Kleinigkeiten mit Eltern und Freundin.

Elisabeth Knischewski* plagen ähnliche Symptome, wenn ihre Angst auch eine andere ist. Seitdem die Absolventin der Angewandten Kulturwissenschaften den schützenden Studentenstatus verlassen hat, hangelt sie sich von Zeitvertrag zu Zeitvertrag. "Ich habe wahnsinnig Angst, nie den Eintritt in ein geregeltes Berufsleben zu schaffen", sagt die 34-Jährige. Das schlägt sich aufs Privatleben nieder. Quälende Gedanken verderben die wenigen freien Tage. "Ich fühle mich allein gelassen und frage mich ständig, ob ich die richtigen Entscheidungen getroffen habe.

Doch sie gibt nicht auf. Versucht Unsicherheit und Unruhe mit langen Spaziergängen zu bekämpfen. Feilt an ihren Bewerbungsmappen, besucht Fortbildungsseminare zur Video- und Dokumentarfilmgestaltung. Aktiv geht auch Fachinformatiker Zimmerer gegen die Angst vor. Vier- bis fünfmal pro Woche trainiert er im Fitness-Studio. Versucht, den Druck der Chefs am Punchingball loszuwerden. Es hilft nur wenig. "Selbst im Sport hatte ich einen totalen Leistungseinbruch", erinnert er sich. Den Knoten im Kopf lösen

Das Ungeheuer ist hartnäckig. Wenn es Tag ist und die Konferenz gut läuft, lässt es sich in Schach halten. Doch nachts kommt es wieder. Wenn die Straßenbahnen nicht mehr rattern und der letzte Freund längst schläft. "Aktionismus hilft nur am Anfang", urteilt der Bremer Professor Joachim Freimuth. Kurzfristig verschaffen gezielte Atemtechniken, Sport und Bewegung angstgeplagten Berufstätigen Erleichterung. Mittelfristig sollten sie aber professionelle Hilfe bei Coachs und Karriereberatern suchen. Nachwuchsführungskräfte müssen sich ihre Ängste unbedingt eingestehen. Der Druck im Bauch signalisiert Gefahr, auch im Berufsalltag. Etwa dann, wenn eine Aufgabe droht, die eigenen Fähigkeiten zu übersteigen. "Wer die Blockade überwinden will, sollte erst einmal Innenschau betreiben", meint daher Freimuth. Wer bin ich, was will ich, was kann ich überhaupt? Ein Gesprächspartner, ein Kollege oder Mentor hilft bei der Selbstanalyse.

Nach der Bestandsaufnahme können sich Betroffene einen persönlichen Plan zum Abbau der Ängste zurechtlegen. Mit der Distanz eines Urlaubs lässt sich abschätzen, welche Probleme realistisch sind und welche grundlos. "Man sollte sich fragen, was das Schlimmste ist, das passieren kann", sagt Managerberater Freimuth. Oft genug fällt am Strand die Antwort harmloser aus als im stressigen Alltag.

Diese Taktik hat auch Harald Wandelin genutzt. Der Unternehmer, dessen Angst vor Montagmorgen ihn schon am Wochenende lähmte, erstellte eine Liste der positiven Punkte in seinem Leben. "Mir ist klar geworden, dass es mir sehr gut geht", erzählt er. Schließlich ist er finanziell unabhängig, lebt in einer glücklichen Beziehung und liebt seinen Job. Stimmt die Selbsteinschätzung, ist der letzte Schritt aus der Angstfalle nicht mehr groß: die Desensibilisierung. Mitarbeitergespräche kann man üben, Präsentationen vor Kunden auch. Hat sich ein Angst-Knoten erst gelöst, flutscht es auch anderswo wieder besser.

Zusammen mit einem Coach spielte Harald Wandelin schwierige Szenen durch und fand Bilder als Symbole für seine Angst. Die dunkle Mauer der Panikattacken schrumpfte in der Fantasie zu einem Mäuerchen, niedrig genug, um es zu überspringen. Steht trotzdem ein Projekt wieder wie ein schwarzer Berg vor dem inneren Auge, konzentriert Wandelin sich von Beginn an auf die kleinen Erfolge. Denn niemand, weiß der Unternehmer aus Erfahrung, macht nur Fehler. Wer konzentriert einen Schritt nach dem anderen geht, erreicht irgendwann den Gipfel.

Sebastian Zimmerer dagegen hat seine eigenen Konsequenzen aus Angst und Druck im Job gezogen. Im Sommer beginnt der Informatiker mit einer Ausbildung zum Schornsteinfeger. Das, findet er, sei ein sicherer Job. Und Höhenangst hat er zum Glück keine. Angstkiller von Prominenten

George Clooney: Angstkiller Kampfgeist
"Angst, dass bald alles vorbei sein könnte", hat der Hollywood-Schauspieler. Er fürchtet sich vor Mitbewerbern um eine Rolle und vor dem Versagen, wenn er sie bekommen hat. Schlaflose Nächte bereitete ihm auch die Angst, sein Regiedebüt "Confessions of a Dangerous Mind" zu vermasseln. Seine Befürchtungen bekämpft er offensiv, indem er es nochmals und nochmals versucht. "Schließlich gibt es für alles eine zweite Chance."

Franziska van Almsick: Angstkiller Gelassenheit
Bei den Olympischen Sommerspielen in Atlanta 1996 reichte es nicht für Gold, 1997 verfehlte sie um ein Haar die Qualifikation für die Weltmeisterschaften. Panische Angst vor Niederlagen plagte die Star-Schwimmerin nach ihren ersten Überraschungssiegen. "Viele Jahre habe ich geglaubt, ich sei nur ein halber Mensch, wenn ich nicht ganz oben stehe", erinnert sie sich. Heute kennt sie ihren Wert - und bereitet sich mit mehr Gelassenheit auf Olympia in Athen vor.

Claudia Roth: Angstkiller Aktionismus
"Wie ein Berg" liegen politische Auseinandersetzungen vor der ehemaligen Parteichefin der Grünen. Seit Beginn ihrer Karriere hat sie Angst vor dem Alleinsein. Und davor, dass sie auf dem nächsten Parteitag nicht überzeugen kann. Abends zappt sie durch die Kanäle und schläft trotzdem schlecht. Vor wichtigen Reden schlottern ihr die Knie. Ihr Gegenmittel: Aktionismus. Jeder Kreisverband, der um einen Besuch bittet, bekommt ihn auch. Das Anti-Angst-Programm für jeden Tag

Professionelle Hilfe ersetzen einfache tägliche Übungen selbstverständlich nicht. Doch sie können dazu beitragen, die Job-Angst in Schach zu halten.

Luft
Beginnen Sie den Tag, indem Sie fünf Atemzüge lang mit aller Kraft so viel Luft einatmen wie möglich. Das lindert das ungute Gefühl beim Aufstehen.

Wasser
Einen ähnlichen Effekt hat klares Leitungswasser. Trinken Sie vor einem wichtigen Gespräch in der Teeküche mehrere Schlucke langsam und bewusst.

Nein sagen
Wer die Angst im Nacken spürt, kann zu Arbeitsaufträgen schlecht Nein sagen. Tun Sie es trotzdem, wenn Sie sich überfordert fühlen. Mit der Übung steigt der Mut.

Prioritätenlisten
Pläne machen Aufgaben überschaubar und somit harmloser.

Körpersprache
Frauen neigen zu entschuldigendem Lachen, Männer zu hängenden Schultern und ausweichenden Blicken. Nutzen Sie die Wechselwirkung von innerer Befindlichkeit und äußerer Erscheinung. Wenn der Körper Selbstbewusstsein ausdrückt, verlieren sich auch innerlich die Ängste.

Bewegung
Sportarten wie Joggen, Rudern, Kampfsport oder Krafttraining fördern Körpergefühl und eine selbstbewusste Haltung.

Freiraum
Stressen Sie sich nicht unnötig. Jeder Berufstätige braucht pro Tag ein bis zwei Stunden Zeit für sich selbst - ohne Leistungsdruck.

Beruhigungsmittel
Alkohol und Medikamente zum Einschlafen sind verboten, Johanniskraut ist erlaubt. In sehr unruhigen und angstvollen Phasen helfen die natürlichen Tropfen oder kleinen Pillen, lähmende Panik zu vermeiden.

Rituale
Lieb gewonnene Rituale haben eine ähnlich beruhigende Wirkung. Gehen Sie ein letztes Mal durch die Wohnung, räumen Sie Ihre Kleider sorgfältig in den Schrank, trinken Sie einen beruhigenden Tee. Egal was es ist: Hauptsache, es hilft Ihnen, den Tag und seine Probleme abzuschließen.

Abstand
Liegengebliebene Aufgaben zu Hause erledigen macht nervös, nicht müde. Bleiben Sie lieber länger im Büro, wenn es nötig ist. Lassen Sie danach den Papierkram aber auf dem Schreibtisch liegen. Hilfe im Internet

www.panik-attacken.de
Homepage der Deutschen Angstselbsthilfe (DASH) mit Linklisten, Erfahrungsberichten und Diskussionsforen. Angst im Job ist nur ein Thema unter vielen anderen.

www.angst-auskunft.de
Private Webseite zum Thema Angst. Gibt einen guten Überblick über aktuelle Bücher, Selbsthilfegruppen und Anti-Angst-Trainings.

www.eca-coach-finder.de
Die Coach-Suchmaschine des Europäischen Coachingverbandes.

www.arzt.de/Anbieter/index.html
Verzeichnis der Kassentherapeuten, nach Bundesland geordnet.

www.sozphobie.org
Selbsthilfe-Seite mit Chat und Kontakteinträgen zum Thema Soziale Phobie - also Angst im Kontakt mit Menschen, in der Öffentlichkeit oder beim Auftreten in Gruppen.

Dieser Artikel ist erschienen am 24.06.2003