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Das große Knapsen

Wie gewonnen, so zerronnen - gewaltige Entlastungen sollte die Steuerreform 2004 bringen, übrig geblieben ist ein Mini-Reförmchen. Vielen Steuerzahlern bleibt unterm Strich kaum ein Plus im Geldbeutel. Denn um die Steuersenkung zu finanzieren, haben Bundesregierung und Opposition gleichzeitig zahlreiche Freibeträge gekürzt und Steuervergünstigungen kräftig abgespeckt.
Nicht nur die Steuersätze, auch Freibeträge und Vergünstigungen sind mit der Steuerreform heruntergefahren worden. Wer von den neuen Regelungen profitiert und wer draufzahlt.Wie gewonnen, so zerronnen - gewaltige Entlastungen sollte die Steuerreform 2004 bringen, übrig geblieben ist ein Mini-Reförmchen. Vielen Steuerzahlern bleibt unterm Strich kaum ein Plus im Geldbeutel. Denn um die Steuersenkung zu finanzieren, haben Bundesregierung und Opposition gleichzeitig zahlreiche Freibeträge gekürzt und Steuervergünstigungen kräftig abgespeckt.

Die besten Jobs von allen

Hier gegeben, dort genommenSeit Januar ist der Fiskus erst bei einem Einkommen von 7.664 Euro mit von der Partie. Zudem sinkt der Eingangssteuersatz von 19,9 auf 16 Prozent und der Spitzensteuersatz für Besserverdiener von 48,5 auf 45 Prozent. Mussten Ledige mit einem Einkommen von 50.000 Euro 2003 noch 14.440 Euro Steuern zahlen, sind es in diesem Jahr ganze 791 Euro weniger (siehe Tabelle).Die Kehrseite der Medaille: Zur Finanzierung der Steuergeschenke wurden Freibeträge und Pauschalen gekappt. So sinkt die Arbeitnehmerpauschale, die Berufstätige als Werbungskosten absetzen können, von 1.044 auf 920 Euro. Abfindungen können Arbeitnehmer nur noch bis 7.200 Euro (bisher 8.181 Euro) steuerfrei kassieren. Bei Belegschaftsrabatten wurde der Freibetrag von 1.224 auf 1.080 Euro gemindert. Geschenke und Gutscheine vom Chef sind nur noch bis zu einem Wert von 44 Euro im Monat abgabenfrei. Komplett gestrichen ist die Steuerfreiheit von Arbeitgeberzuschüssen zu Jobticket, Bahncard oder Fahrkarten für öffentliche Verkehrsmittel.Freibeträge auf der Streichliste > Der Haushaltsfreibetrag für Alleinerziehende in Höhe von 2.340 Euro fällt der vorgezogenen Steuerreform komplett zum Opfer. Als Ersatz gewährt das Finanzamt künftig Vätern und Müttern, die ohne Partner ihr Kind erziehen (so genannte "echte Alleinerziehende"), einen Freibetrag von 1.308 Euro pro Jahr. Der Entlastungsbeitrag wird nicht pauschal fürs ganze Jahr gewährt, sondern nur für jeden vollen Monat, in dem die Voraussetzungen erfüllt sind. Einkommensgrenzen gibt es nicht. Zur Gegenfinanzierung der vorgezogenen Steuerreform sinkt auch der Sparerfreibetrag um 180 auf 1.370 Euro. Dazu kommt eine Werbungskostenpauschale von unverändert 51 Euro, so dass Ledige ihrer Bank einen Freistellungsantrag von insgesamt 1.421 Euro und Verheiratete 2.842 Euro erteilen können. Wer bisher nur bei einer Bank eine Freistellung beantragt hat, braucht nichts zu unternehmen - die Summe wird automatisch umgestellt. Bei Verteilung auf mehrere Kreditinstitute muss der Freibetrag neu verteilt werden.Ob Spekulationsgewinne erzielt wurden, sieht das Finanzamt ab diesem Jahr noch einfacher. Denn Banken und Kreditinstitute müssen ihren Kunden eine Zusammenfassung aller Kapitalerträge und aller Spekulationsgeschäfte ausstellen. Wer einbehaltene Zinsabschlag- oder Kapitalertragsteuer vom Finanzamt zurückhaben will, muss diese Bescheinigung bei der Steuererklärung vorlegen.Fernpendler gekniffen > Auf einheitlich 30 Cent je Entfernungskilometer wurde die Entfernungspauschale für Fahrten zwischen Wohnung und Arbeitsstätte gekürzt. Absetzbar ist die Pauschale bis zu einem Gesamtbetrag von höchstens 4.500 Euro statt bisher 5.112 Euro im Jahr. Mehr kann nur absetzen, wer tatsächlich höhere Kosten für die Fahrt mit dem Auto oder öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit nachweisen kann. Dann müssen Tankbelege, Werkstattrechnungen oder die Fahrttickets bei der Steuererklärung vorgelegt werden. Entgegen der verbreiteten Meinung reißt die Kürzung jedoch nur bei wenigen Berufstätigen tiefe Löcher in den Geldbeutel: Laut einer Studie des Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle legt die Hälfte der Erwerbstätigen maximal zehn Kilometer zur Arbeit zurück - entsprechend gering sind die absetzbaren Beträge.Teuer wird die Neuregelung für die rund 15 Prozent Fernpendler, die mehr als 25 Kilometer täglich zur Arbeit fahren. Bei ihnen wird die Steuersenkung durch die Kürzung der Entfernungspauschale zum größten Teil aufgefressen. So bleibt einem Single, der täglich mit dem eigenen Auto 60 Kilometer zum Job fährt, nur eine Steuerentlastung von 400 Euro. Mit der alten Pauschale wären es 1.087 Euro gewesen.Kräftig Steuern sparen können ab diesem Jahr Wochenend-Pendler, die aus beruflichen Gründen eine Zweitwohnung anmieten müssen: Sie dürfen Kosten der doppelten Haushaltsführung wie Miete, Ausstattung und Fahrtkosten rückwirkend zum 1. Januar 2003 zeitlich uneingeschränkt absetzen. Nach einer aktuellen Stellungnahme des Bundesfinanzministeriums besteht sogar für die Jahre vor 2003 Hoffnung auf Rückerstattung, wenn die Steuerbescheide hinsichtlich der Zweitwohnung noch unter dem Vorbehalt der Nachprüfung stehen.Studenten im VorteilStudenten mit Nebenjob profitieren gleich doppelt von den Steueränderungen. Sie dürfen aufgrund des höheren Grundfreibetrags mehr steuerfrei verdienen und ihren Eltern wird das Kindergeld erst später gestrichen. Die Einkommensgrenze fürs Kindergeld ist von 7.188 auf 7.680 Euro gestiegen; hinzu kommt die Werbungskostenpauschale, die auch jeder jobbende Student abziehen darf. Ein Verdienst von 8.600 Euro im Jahr - rund 716 Euro im Monat - ist also drin, ohne dass Eltern aufs Kindergeld verzichten müssen.Weniger Geld für Häuslebauer > Gekürzt, aber doch nicht komplett abgeschafft wurde die Eigenheimzulage. Wer sich jetzt für die eigenen vier Wände entscheidet, muss mindestens 125.000 Euro ausgeben, um die volle Förderung vom Staat zu erhalten. Diese wurde kräftig gekürzt und beträgt ab 2004 für Neu- und Altbauten acht Jahre lang jeweils ein Prozent der Anschaffungs- oder Herstellungskosten, also maximal 1.250 Euro pro Jahr. Die Kinderzulage erhöht sich dagegen von 767 Euro auf 800 Euro. Wer eine Neubauwohnung für 75.000 Euro kauft, bekommt eine Zulage von 750 Euro pro Jahr, im vergangenen Jahr wären es noch 2.556 Euro gewesen. Bei Ausbauten und Erweiterungen gehen Eigenheimbesitzer jetzt komplett leer aus.Um überhaupt in den Genuss der Eigenheimzulage zu kommen, dürfen die Einkünfte im Jahr des Antrags und im Vorjahr nicht höher als 70.000 Euro für Singles (früher 81.800 Euro) und 140.000 Euro für Verheiratete (früher 163.600 Euro) liegen. Diese Grenzen erhöhen sich für jedes Kind, für das man Kindergeld erhält, um jeweils 30.000 Euro. Verluste werden nicht mehr anerkannt.Selbstständige zahlen drauf > Unternehmer und Freiberufler dürfen Geschenke an Kunden und Geschäftspartner seit Jahresbeginn nur noch dann als Betriebsausgaben abziehen, wenn der Wert des Geschenks nicht über 35 Euro liegt. Bewirtungskosten dürfen nur noch zu 70 Prozent Gewinn mindernd verbucht werden. Und auch die Vorsteuer wird nur noch in dieser Höhe erstattet.
Steuern runter und Freibeträge gekappt - das war die Steuerreform 2004. Doch sie ist erst der erste Streich. Weitere Reformen werden folgen, die Steuersätze weiter sinken und noch mehr Sondervergünstigungen wegfallen - so viel ist sicher. Welches der zig Reformkonzepte sich letztlich durchsetzen wird, steht allerdings noch in den Sternen?
Bernhard Köstler

Mehr Cash - Das bringen die Steuersenkungen
Zu versteuerndes Einkommen* 20 30 50 70 90 100
Ledige
Steuer 2003 in Euro 3,412 6,418 14,44 24,078 33,786 38,623
Steuer 2004 in Euro 3,061 5,946 13,649 22,638 31,638 36,138
Spareffekt in Euro 351 472 791 1,44 2,148 2,485
Verheiratete
Steuer 2003 in Euro 1,222 3,706 9,514 16,436 24,476 28,88
Steuer 2004 in Euro 834 3,138 8,707 15,344 23,046 27,298
Spareffekt in Euro 388 568 806 1,092 1,43 1,582
* Angaben in Euro. Alle Daten ohne Solidaritätszuschlag und Kirchensteuer. Quelle: eigene Berechnungen
Dieser Artikel ist erschienen am 29.03.2004