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Das große Geständnis

Von Christoph Schlautmann
Nur zwei Jahre ist es her, da stand Ex-Rewe-Chef Dieter Berninghaus auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Nun muss er sich vor Gericht wegen schwerer Untreue verantworten. Am Mittwoch brach der smarte Rheinländer erstmals sein Schweigen. ?Ich habe die mir angelasteten Zahlungen erhalten?, zeigte sich Berninghaus im Saal 112 des Kölner Landgerichts geständig.
KÖLN. Nur ein einziges Mal während seines fast zweieinhalbstündigen Vortrags werden seine Worte brüchig: ?Ich habe mit meinem Verhalten mein Leben zerstört?, sagt Ex-Rewe-Chef Ernst Dieter Berninghaus leise, ?und gleichzeitig die Zukunft meiner kleinen Familie.?Rein äußerlich ist dem 40-jährigen ehemaligen Spitzenmanager mit der schulterlangen Fußballer-Matte kaum anzumerken, welche Strapazen er in den vergangenen anderthalb Jahren durchgemacht hat, wie Bürodurchsuchungen und Klinikaufenthalte. Sein schwarzer Anzug sitzt wie immer erstklassig, modische Manschettenknöpfe unterstreichen den sportlichen Auftritt ebenso wie der geöffnete obere Knopf des weißen Designerhemds.

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Im vergangenen Sommer noch hatte die Öffentlichkeit vergeblich auf eine Erklärung des Jungmanagers gewartet, der seinem Kölner Arbeitgeber Rewe im Frühjahr 2000 die offenbar wertlose Internetfirma Nexum andrehte und dafür heimlich von den Verkäufern 6,5 Millionen Euro ?Provision? einstrich. Rewe konnte vor dem Landgericht zwar elf Millionen Euro Schadensersatz erstreiten, Berninghaus blieb der Verhandlung aber fern ? aus ?gesundheitlichen Gründen?, wie es damals hieß.Am Mittwoch aber brach der smarte Rheinländer erstmals sein Schweigen. ?Ich habe die mir angelasteten Zahlungen erhalten?, zeigte sich Berninghaus im Saal 112 des Kölner Landgerichts geständig. Dies sei ein ?schwerer Fehler? gewesen, dessen Konsequenzen er voll übernehmen wolle. ?Ich habe das in mich gesetzte Vertrauen enttäuscht?, sagte er, ?dafür entschuldige ich mich vor allem bei meinen Mitarbeitern.?Er selbst stellte sich am Mittwoch als Opfer des Schweizer Rechtsanwalts Aurelio Ferrari dar. Doch die Geschichte ist verworren: Als Partner einer Züricher Kanzlei hatte Ferrari im April 1999 über die Schweizer Parabola AG die Mehrheit von 51 Prozent an dem Hürther Internetdienstleister Nexum erworben, den diese nach nicht einmal einem Jahr weiterreichen wollte ? Gewinn bringend.Da kam den Schweizern Berninghaus offenbar wie gerufen. Der Studienfreund von Nexum-Gründer Jürgen Boden war zwischen Dezember 1998 und Juli 1999 Aufsichtsrat des Internetdienstleisters gewesen und hatte im September 1999 in der Geschäftsleitung der Kölner Rewe angefangen. Und dort machte sich Konzernlenker Hans Reischl schon seit geraumer Zeit Sorgen, den Anschluss an das Internetzeitalter zu verpassen. ?Weltkonzerne wie Wal-Mart, Home Depot, Carrefour oder Tesco investierten zu dieser Zeit hohe Beträge ins Onlinegeschäft?, führte Berninghaus am Mittwoch aus, ?da wollte Rewe nicht abseits stehen?.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Die drei Millionen haben mich erschlagen?.Zudem sei der Konzernchef selbst ein ?ausgezeichneter Kenner? der Szene gewesen. Rund 25 Millionen Euro habe er für den Kauf eines Internetdienstleisters ausgeben wollen. Finanziert werden sollte der Deal, indem Rewe ein Viertel des Neuerwerbs an der Börse platzierte ? ein Traum, der später zusammen mit der New-Economy-Blase platzen sollte.Doch zuvor hatte sich Berninghaus über den befreundeten Ex-Kollegen Ralf Bender, der für die Metro in den 90er-Jahren die Börsengänge der Konzerntöchter Praktiker und Hawesko als Investor-Relations-Leiter begleitet hatte, ein Wertgutachten über Nexum erstellen lassen, das er Konzernchef Reischl vorlegte. Es taxierte die Internetfirma auf 80 Millionen Euro ? und damit auf das Achtfache der Bewertung, die Parabola ein Jahr zuvor bei ihrem Einstieg zu Grunde gelegt hatte. Zwar einigte sich Rewe am Ende auf einen Kaufpreis von 23,5 Millionen Euro für 75,1 Prozent der Anteile, der Gewinn für Parabola blieb dennoch beachtlich.Erst im Nachhinein habe ihm Parabola-Treuhänder Ferrari für die Abwicklung des Geschäfts Bankkonten eingerichtet, auf denen er drei Millionen Euro einzahlen ließ. Später habe es Nachzahlungen gegeben. Die Gesellschafter der Parabola AG, die von dem Deal mit Rewe massiv profitierten, seien ?vermögende Privatleute? gewesen, sagte Berninghaus. Deren Identität sei ihm aber nicht bekannt.Dass er diese Zahlungen nicht zurückgewiesen habe, bezeichnete der Ex-Rewe-Chef am Mittwoch vor Gericht als ein Verhalten, für das es keine Entschuldigung gebe. ?Die drei Millionen haben mich erschlagen?, sagt er, ?es war alles so einfach.?Wie Berninghaus-Verteidiger Rainer Brüssow dem Handelsblatt sagte, wolle man für eine Bewährungsstrafe plädieren, die deutlich unter zwei Jahren liege. Dazu muss er aber das Gericht davon überzeugen, dass Rewe auch ohne Einwirkung von Berninghaus einen ähnlich hohen Kaufpreis für Nexum gezahlt hätte. Das Verfahren wird am Freitag fortgesetzt.
Dieser Artikel ist erschienen am 16.02.2006