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Das Glück eines Zockers

Von Christoph Hardt
Erst rettete Georg Kofler Premiere, dann verpuffte mit dem Verlust der Bundesliga-Übertragungsrechte zwei Drittel des Börsenwerts. Nun ist Kofler wieder im Geschäft. Seine Freunde sagen, er sei am besten, wenn er aus der Defensive agiere. Dies ist derzeit der Fall.
Premiere-Geschäftsführer Georg Kofler ist ein Meister der Selbstinszenierung. Die Kooperation mit Arena verleiht dem Tiroler nun wieder Auftrieb. Foto: dpa
MÜNCHEN. Georg Kofler aber steht trotzdem mit dem Rücken zur Wand. Seit dem Verlust der Bundesliga-Übertragungsrechte hat sein Unternehmen an der Börse zwei Drittel seines Werts verloren, nun stellt er sein neues Preismodell vor. Ein wenig billiger, ein wenig anders, das mit der Bundesliga, sei kein Drama. Doch wer glaubt ihm das noch? Die Börse reagiert aufs neue Preismodell reagiert verschnupft, schon vor dem Spiel ist der Kurs erneut im Minus.Wenn Kofler hinter dem Rednerpult hintersinnig lächelt, dann ist es, als gehe ihn das alles nichts an. Dabei rumort es in ihm. Seine Freunde sagen, er sei am besten, wenn er aus der Defensive agiere. Kaum einer habe so viel Biss wie er, bekräftigt Helmut Thoma, der frühere RTL-Chef.

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Tatsächlich sieht man ihm selbst die Anspannung der vergangenen Monate nicht an, das ist seine Natur. Man muss in die Gesichter der direkten Umgebung schauen, um zu wissen, dass Premiere, dieses oft totgesagte Experiment, seit Monaten einen Überlebenskampf führt.?Ich bin Bergsteiger und finde auch in unwegsamem Gelände meinen Weg?, hat er oft und gerne von sich selbst gesagt, wohl wissend, wie sehr dergleichen Sprüche von der Medienzunft aufgesogen werden. Als Meister der Selbstinszenierung hat sich Kofler selbst zum Markenartikel gemacht, er und Premiere, das war am Ende fast eine untrennbare Einheit. Das mag einer der Gründe dafür sein, dass er fast gescheitert ist.Sicher, viele Medienmanager hier zu Lande sind für Sprüche gut, viele pflegen intensive Kontakte zu Journalisten. Wenn Kofler hier schon zu den Besten gehört, so ist er mit seinem Kampfeswillen und seiner zur Schau getragenen Dauerzuversicht, aber auch mit seinem trick- und fintenreichen Verhandlungsstil zu einer Ausnahmeerscheinung geworden.Am Donnerstag hat sich das einmal mehr bestätigt. Dank des Geschäfts mit dem unreifen Rivalen Arena ist Kofler zum ersten Mal seit einem halben Jahr wieder in der Offensive. Jetzt überträgt Premiere die ?Arena-Bundesliga? ? es gibt wieder Hoffnung. Für Georg Kofler ist das mehr als nur ein Geschäft, es dürfte ihm, für den Erfolg etwas Existenzielles hat, um die Ehre als Geschäftsmann gegangen sein. Da hatte er auch für sich selbst viel wieder gutzumachen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Es hat nur zwei Momente gegeben, in denen er wirklich aus der Fassung gerietIn seinem Berufsleben, erzählen gute Bekannte, hat es nur zwei Momente gegeben, in denen der Südtiroler wirklich aus der Fassung geriet: Als ihm bei Pro Sieben, seinem Fernsehbaby, der Stuhl mehr oder weniger vor die Tür gesetzt wurde; und als er am 21. Dezember 2005 die Bundesliga-Rechte an Arena verlor.Wahrscheinlich hat er damals zu viel gewollt, wahrscheinlich ist er Opfer des eigenen Erfolgs geworden. Kofler, der es vermochte, Premiere aus der Kirch-Insolvenz zu retten und zum ökonomischen Erfolg zu machen, hatte sich mit der Sportschau angelegt, die wollte er weghaben. Damit brachte er den öffentlich-rechtlichen Komplex gegen sich auf. Als die Aktie von Premiere nach der Bundesliga-Entscheidung stürzt, verliert er schätzungsweise 120 Millionen Euro. Kofler, der große Spieler, er hatte sich verzockt.Er kommt aus sehr kleinen Verhältnissen, der Vater Holzfäller, dann Gastarbeiter bei Mannesmann, die erste Generation, Ende der 50er. Kofler ist vier, als der Vater stirbt, die Mutter bringt die Familie als Fabrikarbeiterin durch ? von wegen Wirtschaftswunder. Georg Kofler aber schafft den Aufstieg, als Halbwaise bekommt er ein Stipendium an einem katholischen Gymnasium in Brixen, er verdient sich sein Taschengeld als Chefspüler im Hotel und als Skilehrer, macht sein Abitur. Er studiert in Wien Publizistik und Kommunikation, es folgt die Promotion.Dann beginnt die Karriere, bei der ihm zwei Lehrmeister zur Seite stehen. Gerd Bacher, der charismatische ORF-Intendant, und Leo Kirch, über den man nicht viel sagen muss.1987 wird Kofler Kirchs rechte Hand, er lernt Fernsehen von der Pike auf und bringt den noch jungen Sender Pro Sieben früh in schwarze Zahlen. 1997 legt der Kanal einen furiosen Börsengang hin. Dass er den Sender 2000 im Hader mit Kirch verlässt, stellt er bis heute als seine Entscheidung dar. Niederlagen hat er einfach nicht im Programm. Wenig Glück hat er danach mit den Einkaufkanälen, die er unter dem Dach seiner Hot Networks sammelt. Er scheitert 2002 mit seiner Expansionsstrategie, muss Hot verkaufen. Doch das schadet ihm nicht, weder finanziell noch unter Karrieregesichtspunkten.Denn wenig später schlägt Kofler bei Premiere auf, nach allgemeiner Einschätzung ein dem Tode geweihter Patient. Das Kirch-Imperium, geschwächt durch die Milliardenverluste aus dem Aufbau des Pay-TV, wackelt bedrohlich. Kofler zögert nicht einen Tag, wie er selbst erzählt, als Leo Kirch ihm die Führung des angeschlagenen Projekts anbietet. Am 1. Februar 2002 steigt Kofler bei Premiere ein und startet eine bemerkenswerte Sanierung. Operativ macht der Sender bereits 2004 Gewinn, am 9. März 2005 geht die AG an die Börse, die erste Notierung lautet 30,50 Euro, es ist der größte Börsengang der deutschen Mediengeschichte, Volumen: 1,2 Milliarden Euro.Erst am 21. Dezember 2005 kommt ihm das Glück des Tüchtigen ? und das Recht, die Bundesliga zu übertragen ? abhanden. Seither hat er in diversen Winkelzügen und Volten versucht, das Missgeschick zu reparieren. Kaum ein Tag, an dem Kofler nicht über Alternativszenarien sinnierte, neue Ideen ins Spiel brachte. Und fast wäre es schief gegangen. Und deshalb bleibt das Verwirrspiel nicht ohne Folgen für Kofler. ?Sein Gewinner-Image und die Reputation, die haben Kratzer bekommen?, sagte am Donnerstag einer, der ihn gut kennt.
Dieser Artikel ist erschienen am 14.07.2006