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Das Gleiche in Grün

Von Anne Grüttner
Er hat die Textilmarken North Face und Esprit gegründet. Jetzt steckt Multimillionär Douglas Tompkins sein Know-how in den Schutz der Umwelt. Er baut erfolgreich Nationalparks auf. Wollte man den Nordamerikaner in zwei Sätzen beschreiben, könnte das so klingen: Was er macht, das macht er gründlich. Und er denkt gern ?big?.
BUENOS AIRES. Wollte man den nordamerikanischen Multimillionär Douglas Tompkins in zwei Sätzen beschreiben, könnte das so klingen: Was er macht, das macht er gründlich. Und er denkt gern ?big? ? in großen Dimensionen. Das eigentlich Spannende aber an ihm ist, dass er eigentlich nur zufällig ein erfolgreicher Unternehmer wurde. Zuerst war er Umweltschützer und passionierter Bergsteiger, dann brauchte er Geld ? und gründete die beiden Textilmarken ?North Face? und ?Esprit?. Als er das Geld zusammen hatte, kehrte er zu seinen Wurzeln zurück.Umtriebig ist Tompkins (63) allerdings geblieben. Statt Textilmarken baut er nun mit seiner Ehefrau Nationalparks auf. Und anstatt die Marken anschließend zu verkaufen, werden sie an den Staat verschenkt.

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Der in New York geborene Sohn eines Kunsthändlers und einer Innenarchitektin war 17, als er mit dem Bergsteigen anfing und Mitglied der US- Umweltschutzvereinigung ?Sierra Club? wurde. Er sei ein ?light green? gewesen. Mit den Jahren habe sich das Grün dann intensiviert. Damals kam er auch nach Südamerika, bestieg den ?Fitz Roy? in Argentinien und besuchte Chile. ?Das ist die Region auf der Welt, die ich am besten kenne?, sagt Tompkins.Als er etwa 22 Jahre alt war, brauchte der junge Mann Geld ? und machte gleich Millionen. In einem Loft am North Beach in San Francisco gründete er mit einem Startkapital von 5 000 Dollar die Outdoor-Marke ?North Face?. Er baute das Unternehmen auf und verkaufte es nach einigen Jahren Gewinn bringend.Als Endzwanziger rief Tompkins dann zusammen mit seiner damaligen Frau Susie ?Esprit? ins Leben. Er kreierte Stil und Image der Kleiderlinie, er machte Esprit zur Weltmarke. Doch irgendwann hatte er auch darauf keine Lust mehr. ?Ich fand es nicht sehr befriedigend, Dinge herzustellen, die keiner braucht, und von denen es schon viel zu viel gibt.? 1990 verkaufte Tompkins auch Esprit und begann seine ?tiefgrüne? Lebensphase ? mit einem Vermögen von 125 Millionen Dollar in der Tasche.Im Grunde macht Tompkins seitdem etwas Ähnliches, diesmal im Team mit seiner zweiten Frau, Kristine, die eine ähnliche Geschichte hat wie Douglas: Sie war zwölf Jahre lang CEO der Outdoor-Marke ?Patagonia? und widmet sich jetzt nur noch dem Naturschutz. Über die letzten anderthalb Jahrzehnte kauften die Tompkins in Chile und in Argentinien insgesamt zwei Dutzend Ländereien oder knapp 9 000 Quadratkilometer Land ? ein Gebiet etwa so groß wie Zypern. Sie schafften eine Art internationalen ?Naturschutzkonzern?, nonprofit versteht sich, mit insgesamt rund 250 Mitarbeitern und Niederlassungen in den USA, Chile und Argentinien.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Das Konzept ist immer das gleicheDas Konzept ist immer das gleiche: Die Tompkins kaufen über ihre Stiftungen Land auf und versetzen die von Abholzung, Überweidung und Erosion ausgelaugte Natur nach und nach wieder in ihren Urzustand. Ziel ist, das Land nach vollendeter Arbeit dem jeweiligen Staat unter bestimmten Auflagen zu übergeben, damit dieser es in einen Nationalpark umwandelt. Einige Randgebiete bleiben im Privatbesitz des US-Ehepaars, dort produzieren sie organische Produkte wie Honig, Wolle oder Fleisch.Als Erstes erstand Tompkins 1991 für 60 Millionen Dollar ein 3 050 Quadratkilometer großes Stück ?kalten Regenwald? im Süden von Chile. Das Kerngebiet wurde nach einem seinen Bewohner, dem Puma, auf den Namen ?Pumalín? getauft. Tompkins und seine Leute zahlten Siedlerfamilien aus, rissen Gebäude und Zäune ab und restaurierten die Flächen mit viel technischem Aufwand.Die chilenische Regierung war zunächst nicht sehr erbaut, denn Pumalín teilt das schmale Land in zwei Stücke. Doch 2003 wurde ein Kompromiss gefunden. Die Regierung gab dem Gebiet offiziell den Status eines Naturschutzgebietes, das irgendwann in einen Nationalpark verwandelt werden soll. Bis dahin wird der Park von der chilenischen ?Stiftung Pumalín? verwaltet und finanziert, die Tompkins gegründet hat. Außerdem erklärte sich Tompkins bereit, dass irgendwann eine Straße durch den Park gebaut werden darf.Jetzt gibt es erneut Streit, denn Tompkins will den Verlauf der Straße durch das Gebiet verständlicherweise mitbestimmen, außerdem stünde seiner Stiftung eine Entschädigung zu, da für die Straße Teilgebiete enteignet werden müssen.Eine ?ungeheure Dreistigkeit?, schimpfte unlängst der chilenische Senatspräsident Eduardo Frei Ruiz-Tagle, ?jetzt erlaubt er nicht einmal, dass in Chile Straßen gebaut werden, dieser Señor meint, er sei Besitzer dieses Landes. Aber Chile ist ein souveränes Land.?Auch im Nachbarland Argentinien ist das US-Naturschützerpaar ständigen Anfeindungen ausgesetzt. Dort brachten im August 2006 eine Gruppe von Linksaktivisten ein Gesetz in den argentinischen Kongress ein, dass die Enteignung des Tompkins-Besitzes beinhaltete. Der Nordamerikaner wolle sich als Strohmann einer internationalen Weltverschwörung die argentinischen Wasservorräte unter den Nagel reißen, sagen die Tompkins-Feinde.Solche Anfeindungen erscheinen besonders absurd, denn Tompkins ist in seiner Kritik am kapitalistischen System und in seinen ökologischen Ansichten im Zweifel ?linker? als die meisten dieser Verschwörungstheoretiker. Im Gegensatz zu ihnen weiß er auch ziemlich genau, wovon er spricht. Er war schließlich selbst Kapitalist. ?Jeder Kapitalist muss im tiefsten Innern seines Herzens wissen, dass der Kapitalismus die Welt zerstört?, sagt Tompkins. ?Das System nährt sich aus ständigem Wachstum, und Wachstum auf einem endlichen Planeten ist ein Problem.?Dabei verliert Tompkins nicht den Blick für die großen Dimensionen. Er schaut den BBC-Auslandssender im Fernsehen, mag die ?New York Times? ebenso wie ?Le Monde Diplomatique?, liest Bücher über Wirtschaftswissenschaft, alternative Landwirtschaft oder Nahrungssicherung. Die Nachfrage nach organischer Nahrung werde ebenso wachsen wie die Antiglobalisierungsbewegung, da ist Tompkins sicher. ?Das sind Megabewegungen, die erst ganz am Anfang stehen.?Zusammen mit seiner Frau lebt er heute die Hälfte des Jahres auf seiner argentinischen Farm, die andere Hälfte verbringt er in Chile. Der hagere Grauhaarige wacht in der Regel um fünf Uhr morgens auf, bleibt dann noch eine Stunde im Bett ? ?das ist die Zeit, in der ich nachdenke? ? und beginnt dann seinen Arbeitstag. Im Grunde hat sich nicht viel geändert zu früher. ?Er kümmert sich um jedes Detail?, weiß der Deutsche Wolfram Heise, ein Mitarbeiter von Tompkins, ?bis zum Design der Klobrille.?
Dieser Artikel ist erschienen am 25.01.2007