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Das Gewissen von Siemens

Joachim Hofer und Sonia Shinde
Andreas Pohlmann ist der neue Chief Compliance Officer des Münchener Konzerns. Er will Siemens wieder auf die rechte Bahn bringen und weitere Korruptionsskandale verhindern. Der promovierte Jurist rechnet mit dem früheren Management rigoros ab
KÖLN. Der Mann ist kaum zu übersehen ? und das liegt nicht an seiner markanten, rötlich-braunen Hornbrille und auch nicht an der bunten Krawatte: Wenn sich Andreas Pohlmann mit anderen Managern unterhält, dann überragt der fast Zwei-Meter-Hüne die meisten Gesprächspartner um mindestens einen Kopf.Die Größe und das damit verbundene Stehvermögen kann der Jurist in diesen Tagen gut gebrauchen, denn der 50-Jährige hat einen der schwierigsten Jobs, die der Siemens-Konzern zu vergeben hat: Pohlmann ist Chief Compliance Officer und damit verantwortlich dafür, dass Bestechung und schwarze Kassen in dem Traditionsunternehmen der Vergangenheit angehören.

Die besten Jobs von allen

Wer Pohlmann zuhört, so wie gestern die Teilnehmer der Handelsblatt-Jahrestagung ?Unternehmensrisiko Korruption? in Köln, der kommt schnell zum Schluss: Da hat jemand eine Mission. Siemens soll weltweit zum Vorbild in Sachen gute Unternehmensführung werden.Und da lässt einer kein gutes Haar an denen, die Siemens in diesen Schlamassel hineingeritten haben. Siemens habe viele nützliche Regeln gehabt, aber diese seien vom Vorstand weder gelebt, noch kommuniziert worden.Kurz und gut: Pohlmann stellt der ehemaligen Führungscrew unter Vorstandschef Heinrich von Pierer ein denkbar schlechtes Zeugnis aus. ?Es ist kaum vorstellbar, dass so viel Geld verschwunden ist, ohne dass die Führung etwas davon wusste?, sagt der Chief Compliance Officer ? das neue Gewissen des Siemens-Konzerns.Seit 20. September vergangenen Jahres arbeitet der in Hanau geborene, promovierte Jurist in der Siemens-Zentrale am Wittelsbacher Platz im Herzen von München. Im Urlaub auf Sylt habe ihn der Anruf eines Personalberaters ereilt, ob er nicht zu Siemens gehen wolle, erinnert sich der Nordsee-Fan. Lange gezögert hat er nicht, weil er sich ohnehin neu orientieren wollte.Pohlmann folgte auf Daniel Noa. Der ehemalige Stuttgarter Staatsanwalt hatte sich als Fehlbesetzung für diesen Posten herausgestellt und Siemens Ende Juni nach nur einem halben Jahr verlassen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Er verliert kein Wort zu viel Mitarbeiter beschreiben Pohlmann als ?sehr umgänglichen? Manager, der auf die Menschen zugehe und die Dinge direkt anspreche. Personen, die oft mit ihm zu tun haben, charakterisieren den Fan von Eintracht Frankfurt als entschlossenen Menschen, der Probleme ohne Umschweife in Angriff nimmt. Laut wird er nicht. Er verliert kein Wort zu viel. Aber das, was er sagt, sitzt. Gern untermalt er das Gesagte mit meist sparsamen Gesten.Seit seinem Amtsantritt verbringt der Hobby-Motorradfahrer fast mehr Zeit im Flugzeug als auf festem Boden: Heute geht es nach Singapur, morgen nach Indien. Letzten Monat war er in China, Malaysia, Indonesien, den USA und Nigeria ? alles, um Siemens wieder jenes Fundament zu geben, welches das Unternehmen im November 2006 verloren hat. Damals stürmten Hundertschaften der Polizei den Konzern und brachten so den größten Bestechungsskandal der Nachkriegsgeschichte ins Rollen.Widerstände gegen seinen, den neuen Anti-Korruptionskurs, habe es nicht gegeben, behauptet er. ?Das, was 2006 passiert ist, war so einschüchternd für alle, da gab es keine Diskussion.?Doch die 400 000 Mitarbeiter sind tief verunsichert. Sie wissen nicht, ob sie Einladungen zum Essen überhaupt noch aussprechen dürfen und wo man für 40 Euro, gerüchteweise die Höchstgrenze für Essenseinladungen, in München überhaupt hingehen kann.Ein Kontrollfreak sei er nicht, sagt er von sich selber. Lieber setzt er auf Vertrauen. ?Ich brauch den selbstbewussten Mitarbeiter? ? aber man müsse die Toleranzschwelle deutlich machen, die nicht überschritten werden darf, auch in Ländern wie Indien, Russland, im arabischen Raum oder in China.?Wenn wir keine sauberen Geschäfte machen können, dann wollen wir in dem Land gar keine. Wir brauchen keine schmutzigen Geschäfte?, sagt Pohlmann klar, wo es langgeht.Gerade hat er in den 56 größten Siemens-Gesellschaften sein Anti-Korruptionsprogramm implementiert. Die Gesellschaften stehen für 80 Prozent des Siemens-Geschäfts. Bis zum Jahresende sollen die restlichen 1 000 Einheiten, die kleineren, genauso weit sein mit der Kontrolle der Agenten, Berater und dem Durchleuchten ihrer Geschäftspartner.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Im Mai steht der erste Beschuldigte in der Siemens-Affäre vor Gericht "Wenn jetzt in kritischen Gebieten Agenten eingesetzt werden, die Bestechung also ausgelagert wird, können wir das nicht dulden.?Er weiß genau, was Compliance heißt, hat Erfahrung in den USA gesammelt, wo er bei Celanese in Dallas im Vorstand saß. ?Da wurde Compliance gelebt?, sagt Andreas Pohlmann ? und fast ist in seinen Worten so etwas wie Emotion zu spüren.Aber bald muss er sich mit der Siemens-Vergangenheit befassen. Am 26. Mai steht der erste Beschuldigte in der Siemens-Schmiergeldaffäre wegen Untreue vor Gericht. Die Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts München I habe die Anklage zur Hauptverhandlung zugelassen, teilte das Oberlandesgericht München gestern mit. Der Beschuldigte war früher Manager bei der Siemens-Festnetzsparte ICN.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Er arbeitet lange in der Chemiebranche Andreas Pohlmann 1958Er wird am 24. Januar in Hanau am Main geboren. Nach einer Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann studiert Andreas Pohlmann Rechtswissenschaften in Frankfurt und promoviert später an der Universität Tübingen.1989Pohlmann startet seine Karriere bei Hoechst. Über Auslandseinsätze in New Jersey/USA und Lagos/Nigeria steigt er in den Vorstand der Hoechst Foundation auf.1999Er wird Vorstandsmitglied sowie Arbeitsdirektor beim Spezialchemiehersteller Celanese und zuletzt Vorstandsvorsitzender.2007Andreas Pohlmann wird im September neuer Chief Compliance Officer des Siemens-Konzerns.
Dieser Artikel ist erschienen am 10.04.2008