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Das Gesicht von Swarovski

Von Stefanie Bilen, Handelsblatt
Nadja Swarovski-Adams ist Ideengeberin, Motivatorin und oberste Verkäuferin des österreichischen Kristallherstellers. Für das US-Wirtschaftsmagazin ?Forbes? ist sie das Gesicht des 115 Jahre alten Familienunternehmens.
LONDON. Die 35-Jährige hat es geschafft, dem alten und verschlossenen Konzern ein neues junges Image zu geben. Swarovski, lange bekannt für seine kleinen ? manche sagen kitschigen ? Kristallfigürchen, steht heute auch für Strasssteinchen auf Designerroben, funkelnde Brillengestelle oder glitzernde Kronleuchter. Modern und ?cutting edge? nennt sie selbst die gewünschte Positionierung: in der Vorreiterrolle.Mitarbeiter und Geschäftspartner erzählen, dass die Tochter des Vorstandsvorsitzenden der Gruppe, Helmut Swarovski, gerne durch die Londoner Büroräume wirbelt und ihre Projekte mit Nachdruck vorantreibt. ?Ich mache meine Arbeit mit Leidenschaft?, sagt die etwa 1,80 große, schlanke Frau dazu. ?Es bedeutet für mich eine große Freiheit, das zu tun, was ich tun möchte.?

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Diese Freiheit suchte sie nicht in der Zentrale des Familienunternehmens im beschaulichen Örtchen Wattens nahe Innsbruck. Sie zog es mitten ins turbulente London in die Nähe von Oxford Circus, wo sie eine Geschäftsstelle aufgebaut hat.Dass sie mit ihren Wurzeln nichts zu tun haben will, weist die gelernte Kunsthistorikerin aber schnell von der Hand. ?Ich fahre gerne nach Wattens. Wer hat schon das Glück, nach Hause fahren zu können, wenn er auf Geschäftsreise geht??Trotzdem ist sie froh, nicht im familiären Klüngel arbeiten zu müssen. In London könne sie sich auf das Wesentliche konzentrieren, sagt sie. Möglich, dass die Bewohner ihrer Heimatstadt sie ohnehin als etwas abgehoben empfinden: Extrovertiert, zuweilen aufgeregt, eine lebhafte Erzählerin, die dabei mit Anglizismen um sich wirft und lebhaft gestikuliert. Die ?New York Times? nennt sie das ?hipste? Mitglied der Swarovski-Familie.In Großbritannien sei sie weit entfernt von den Spannungen, die es nun mal in jedem Familienunternehmen gebe, räumt sie ein. Dafür sorgen 60 Familiengesellschafter, davon sitzen 16 im Management. Der Gründer des Unternehmens, Daniel Swarovski, Nadjas Ur-Ur-Großvater, hatte verfügt, dass seine drei Söhne ihre Anteile nur innerhalb der Familie weitergeben dürfen. So gibt es noch heute drei weit verzweigte Stämme, die sich mal mit den engsten Verwandten, mal mit denen der anderen Gruppen in den Haaren liegen.Inzwischen hat die fünfte Generation das Ruder übernommen: Der 31-jährige Markus Langes-Swarovski repräsentiert den gesamten Konzern, der neben Kristallen auch Schleifmittel und Optik (Ferngläser, Teleskope) herstellt, als Vorstandssprecher nach außen. Er ist Vertreter des größten Anteilseigners. Nur Nadjas Vater, der als Vorstandsvorsitzender das operative Geschäft der Gruppe steuert, zählt noch zur älteren Garde.Ob Nadja automatisch nachrückt, wenn ihr 63-jähriger Vater sich zurückzieht, lässt sie offen. ?Mein Vater ist jung und gesund.? Man könne nicht sagen, wann und ob er überhaupt aufhöre.Dennoch zeigt die Tochter Ambitionen, in den Vorstand von derzeit acht Mitgliedern aufzurücken, in dem sechs ihrer Verwandten und zwei familienfremde Manager sitzen. In der ?Sunday Herald? war gar zu lesen, dass sie gerne der erste weibliche Swarovski-Chef sein würde. Später allerdings dementierte sie dies. Die Entscheidung, sie in den Vorstand zu holen, wurde von den Familienmitgliedern im Beirat diskutiert, aber ohne Ergebnis.Dass sie sich in der Rolle gefallen würde, klingt immer wieder durch. ?Viele der Erfolge, die wir in letzter Zeit erzielt haben, sind auf meine Arbeit zurückzuführen?, sagt sie stolz. Sie habe Swarovski in der Modeindustrie zu einer Zeit populär gemacht, als die Leute davon nichts wissen wollten. Sie hat weltweit Show-Rooms eröffnet, in denen sich Nachwuchskünstler und Topdesigner gleichermaßen einfinden. Sie hat die Produktpalette maßgeblich erweitert und dafür gesorgt, dass die richtigen Prominenten sich mit Swarovski-Designerroben von Armani oder Versace sehen lassen.Sie macht ihren Erfolg an Zahlen fest. Die 16 000 Mitarbeiter hätten den Umsatz im vorigen Jahr von 1,68 auf 1,8 Milliarden Euro gesteigert. Davon entfallen 1,2 Milliarden auf die Kristallsparte. Die durchschnittliche Nettorendite wird mit 15 Prozent beziffert.Nicht alle Verwandten sind so begeistert von ihr wie sie selbst. Ihr Cousin Daniel Cohen, Chef des USA-Geschäftes, sagte einer ?Forbes?-Reporterin: ?Der Luxusaspekt ist wichtig, unser Geld verdienen wir aber mit Produkten für den Alltag.? Also den Sammlerfiguren ? und nicht den edlen Haute-Couture-Stücken, die Nadja forciert. Dieser Streit sei Schnee von gestern, kommentiert sie und fügt hinzu, man habe sich auf die künftige Strategie geeinigt.Es kommt der verheirateten Mutter eines Sohnes zupass, dass sie einen guten Draht zum Vorstandssprecher Markus Langes-Swarovski hat. ?Wir verfolgen dasselbe Ziel?, sagt sie: Swarovski-Kristalle in fast alle Bereiche des Lebens zu bringen. Markus stärkt ihr denn auch den Rücken: Sie sei zwar noch kein Vorstandsmitglied. Aber: ?Der Vorstand kann kleiner oder auch größer werden. Die Spielregeln machen wir uns selbst?, sagt er und macht Nadja Swarovski-Adams Mut.Sie darf also weiter darauf hoffen, in absehbarer Zeit in den Vorstand aufzusteigen. Es könnte sein, dass sie dann häufiger von der quirligen Metropole London in die Zentrale im ruhigen Wattens reisen muss.
Dieser Artikel ist erschienen am 20.05.2005