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Das Geheimnis hinter der Kamelhaardecke

Von Christoph Hardt, Handelsblatt
Rik Reinking betreut Künstler, sucht Objekte für andere Sammler und kauft selbst junge Kunst sowie Ideen. Der 29-Jährige lebt in Hamburg, hat Kunstgeschichte und Jura studiert und sammelt seit seinem 16. Lebensjahr Kunst.
Sammler Rik Reinking
HAMBURG. Der weiße Regalboden könnte in einem anderen Leben Billy geheißen haben. Der Fahrradschlauch ist zweifellos vom taiwanischen Hersteller Cheng Shin und hat die Produktionsnummer 32/457-406/451. Mittig spannt sich der Schlauch quer über das weiße Brett. Auf den ersten Blick ist es Fahrradschlauch auf Regalboden.Dann aber, mit einer Idee Geduld, verändert sich die Wahrnehmung, Weite erscheint im Schwarz des Gummis vor nacktem Weiß, wird tief wie ein Horizont, der, sich an den Rändern sanft erweiternd, Blicke fesselt. Wenn es noch immer das Wesen eines Kunstwerks sein sollte, die Sinne zu bewegen, um für Momente nur schön zu sein, dann ist ?Cheng Shin Tube?, die Arbeit des 1971 in Cochem an der Mosel geborenen Künstlers Johannes Esper, zweifellos ein Stück Kunst.

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?Cheng Shin Tube? hängt an einer Wand im Neuen Museum Weserburg in Bremen. Das Objekt ist Teil der Ausstellung ?66-03 ? Dialog zwischen den Sammlungen Lafrenz/ Reinking? und gehört Rik Reinking. Der ist 29 Jahre alt, lebt in Hamburg, hat Kunstgeschichte und Jura studiert, sich dabei auch mit Fragen des Urheberrechts beschäftigt und geht, sofern man landläufigen Veröffentlichungen Glauben schenken darf, ausgesprochen selten in die Disko. Denn Reinking, so heißt es und so erzählt er es, ist seit seinem 16. Lebensjahr vor allem mit einem beschäftigt: aktuelle und weitgehend unbekannte Kunst zu sammeln.?Ich glaube an Qualität?, sagt er in seiner Hamburger Wohnung. Er trägt eine abgewetzte Jeans, einen Ralph-Lauren-Strickpulli aus der Saison 2000/2001, Puma-Turnschuhe und sieht genauso aus, wie man sich einen Hamburger Jurastudenten am Monatsende vorstellt. Aber die Zwei-Zimmer-Bude, die ist anders, Kunst an Wänden und in Ecken, darunter Werke guter alter Bekannter, Paeffgen, Franz West.Kunst ist überall Teil des Alltags hier. Nur nicht hinter der ollen braunen Kamelhaardecke, die den Blick ins Spind verdeckt. Das ist der Ort der wahren Geheimnisse. Wenn Reinking die Decke beiseite schiebt, im Kabuff verschwindet und dann mit einem seiner besonderen Stücke in der Hand wieder hervorkommt, dann lächelt er ein unschuldiges Kinderlächeln. Kunst, das ist das Glück, immer wieder etwas Neues zu entdecken.Rik Reinking hat seine Geschichte schon ein paar Mal erzählt, sie handelt von dem 16 Jahre alten Gymnasiasten aus gutem, aber nicht übertrieben vermögendem Hause. Auf seinem Schulweg in Oldenburg läuft der junge Mann stets an einem Selbstbildnis des Malers Horst Janssen vorbei. Irgendwann verguckt er sich in dieses Bild, irgendwann hat er 250 Mark beisammen. Er geht hinein in die Galerie und kauft. Als Horst Janssen an der Wand seines Schlafzimmers hängt, da ist ihm klar: ?Es muss ein zweites hin.? Und es ward nicht mehr lange, und der Sammler Reinking war geboren.Es ist eine schöne Geschichte, fast zu schön, um wahr zu sein. Aber der schöne Schein ist das Wesen dieses Genres, zum Sammler gehört auch immer eine Story. Der Jüngling also investiert sein Taschengeld nicht in Bier und Mädchen, sondern in Fluxus und Informel, statt in der Disko treibt sich Rik Reinking auf den Debütanten-Ausstellungen diverser Kunsthochschulen herum. Dann, keine 23, organisiert er im alten Elbtunnel seine erste Aktion mit Künstlern, die noch heute ?zur Familie? gehören, wie er sagt.Seither hat er in Hamburg einen Namen, er befreundet sich mit dem fast gleichaltrigen Björn Lafrenz, der die schon renommierte Sammlung seines Vaters betreut und ausbaut. 2001 wagen die beiden ihre erste große Ausstellung, die sie ?Anstiftung zu einer neuen Wahrnehmung? nennen. Sie findet im Neuen Museum Weserburg in Bremen statt, Reinking hat es da schon fast geschafft.Denn die Schau macht Furore. Das Konzept, schon etablierte Werke aus der Lafrenz-Sammlung mit Arbeiten oft noch wenig bekannter Künstler aus Reinkings Fundus zu konfrontieren, erweist sich als Erfolgsmodell. Mit dabei ist ein Stück des in Deutschland bis dahin unbekannten Japaners Toshiya Kobayashi, den Reinking über einen Freund kennen gelernt hat. Sein ?Landscape in the Mist? sind vier nebeneinander hängende, scheinbar nackte weiße Quadrate auf Leinwand. Es waren einmal Landschaftszeichnungen in weißer Farbe darauf gepinselt. Sie jedoch hat der Künstler abgeschliffen. Das, was bleibt, soll Erinnerung sein.Werke von 150 Künstlern hat er gesammelt, von einigen exemplarische Arbeiten, anderen folgt er kontinuierlich. Woher er das Geld nimmt? Reinking erzählt nicht viel: ?Wer früh kommt, der kauft günstig?, sagt er. Manchmal hat er Objekte gekauft, die unter 1 000 Mark kosten. Heute sind sie hundertmal so viel wert. Er arbeite zwischendurch als ?Läufer?, sagt er. Er suche und finde Kunst und Antiquitäten im Auftrag bekannter Sammler. Außerdem hat er im Kulturzentrum Kampnagel in Hamburg eine Halle angemietet. Dort macht er Ausstellungen mit jungen Künstlern. Wer will, kann hier kaufen.?Man wird ganz Auge?, sagt der Mann mit den schönen blauen Augen über seine Leidenschaft. Er kann aber auch erzählen wie der Teufel, kann mit Worten für die Kunst und vor allem ?seine? Künstler begeistern. So sammelt und erzählt Reinking, als wolle es kein Ende nehmen. Worte für Bilder und umgekehrt, womit sich ein Kreis schließt. Er verschwindet hinter dem Vorhang, kommt mit einer Unterschriftenmappe zurück. ?Das ist mein Archiv der Ideen.? Er zieht ein Papier heraus, die Beschreibung einer Aktion des Karlsruhers Johannes Wald, der Tontauben per Maschine gegen eine Wand geschleudert hat. Reinking kauft auch Ideen.?Rik Reinking beweist, dass man auch mit kleinem Einsatz ein richtig guter Sammler werden kann?, urteilt sein Hamburger Kollege Harald Falckenberg, von Haus aus Fabrikant und Großsammler aus Leidenschaft. Der junge Hamburger habe ?alles richtig gemacht?, sagt er anerkennend und rühmt dessen Vermittlungstalent. Das ist die andere Seite des 29-Jährigen: Er lebt für die Kunst, mit und auch von ihr, mal als Partner, mal als Konkurrent der Galeristen. ?Manchmal hole ich die Künstler vor der Galerie ab?, sagt er.So hat er es geschafft, in der Szene zum Trendscout zu werden. Er spielt mit diesem Ruf, arbeitet aber auch dafür, manchmal Tag und Nacht. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. ?Ich selbst bin gar nicht selbstsicher. Aber ich bin sicher in meinem Urteil über Kunst.?
Dieser Artikel ist erschienen am 19.04.2005