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Das Finanzamt kleinkriegen

Constanze Hacke | Ulrike Heitze
Foto: Bob Heinemann
Wer im Urlaub Sprachen lernt, einen MBA macht oder einfach nur studiert, sollte seine Weiterbildung genau planen, um alle Steuervorteile richtig zu nutzen. Nur wer gut informiert ist, kann dem Finanzamt ein Schnippchen schlagen.
"Bildung ist das, was übrig bleibt, wenn der letzte Dollar weg ist", stellte Mark Twain vor 150 Jahren fest. Ein weiser Satz ? und so schön doppeldeutig. Denn in der Tat kostet Bildung so manchen Euro. 29 Euro für den neuen Marketing-Wälzer, 750 Euro für den Spanisch-Sprachkurs, 2 600 Euro, um in zwei Jahren nebenberuflich zum Bilanzbuchhalter zu reifen, oder stolze 56 000 Dollar für den schicken MBA an der London Business School. Lebenslanges Lernen geht ins Geld.Da ist es zunächst mal erfreulich, dass sich der Fiskus an den Kosten beteiligt, indem er die Ausgaben für Bildung als steuermindernd anerkennt. Doch das Finanzamt wäre nicht das Finanzamt, wenn es nicht einige Fallstricke gäbe.

Die besten Jobs von allen

Entscheidend für die Absetzbarkeit ist in erster Linie nicht, welchen Kurs jemand besucht hat, sondern zu welchem Zweck und aus welcher beruflichen Situation heraus. Das Finanzamt unterscheidet fein säuberlich nach Ausbildung und Fortbildung ? mit Folgen für die Höhe der Steuerersparnis:Kosten für eine Fortbildung sind oberhalb des Pauschbetrages von 1 044 Euro in unbegrenzter Höhe als Werbungskosten abzugsfähig. Eine Fortbildung liegt prinzipiell dann vor, wenn ein Lehrgang jemanden in seinem erlernten oder ausgeübten Beruf weiterbringt, ihn spezialisiert oder auf den neuesten Stand bringt.Eine Ausbildung, also das Erlernen eines komplett neuen Berufes, wird vom Finanzamt dagegen nur mit bis zu 920 Euro im Jahr als Sonderausgaben anerkannt. Wohnt man während der Ausbildung nicht zu Hause, erhöht sich der Satz auf 1 227 Euro.Werbungskosten haben gegenüber Sonderausgaben nicht nur den Vorteil, dass sie unbegrenzt absetzbar, sondern auch zeitlich transportabel sind: Investiert etwa ein Arbeitsloser, der ja keine Einkommenssteuer zahlt, in eine Fortbildung, kann er die Kosten bei nächster Gelegenheit als vorab entstandene Werbungskosten geltend machen.Streit programmiertGrundsätzlich gilt: Wenn die komplette Position "Werbungskosten? inklusive zum Beispiel der Fahrtkosten zum Büro, Weiterbildung oder doppelte Haushaltsführung in der Steuererklärung den Arbeitnehmerpauschbetrag von jährlich 1 044 Euro überschreitet, lohnt es sich, die effektiv entstandenen (Fortbildungs-)Kosten in der Steuererklärung anzugeben und die entsprechenden Quittungen einzureichen. Liegen die Kosten darunter, gewährt das Finanzamt automatisch den Pauschbetrag. Die Entscheidung, ob eine Bildungsmaßnahme als Fort- oder Ausbildung durchgeht, liegt bei den Finanzämtern ? und zwar jedem einzelnen, was die Zahl der unterschiedlichen Meinungen vervielfacht. Starre Steuergesetze prallen auf einen sehr dynamischen Arbeitsmarkt, in dem es mittlerweile üblich ist, dass man im Laufe seiner Karriere Berufe wechselt oder Studiengänge aufsattelt, um im Rennen zu bleiben.Selten sind die Finanzämter bei den Präzedenzfällen gleich zu einer steuerzahlerfreundlichen Lösung bereit. Um den Status "Fortbildung? sollte man aber von Anfang an kämpfen, denn die erstmalige Einstufung ist mehr oder weniger bindend ? auch für alle Folgekosten einer Weiterbildung. Strittige Punkte sind vor allem Umschulungen und Studium. Die Folge: Regelmäßig treffen sich Steuerzahler und Finanzamt vor dem Kadi.Umschüler haben's noch schwerRelativ unproblematisch ist die steuerliche Zuordnung, wenn sich ein Arbeitnehmer in seinem ausgeübten Beruf weiterbildet und damit seine berufliche oder wirtschaftliche Position verbessern kann, zum Beispiel die Steuerfachgehilfin, die sich zur Steuerberaterin qualifizieren lässt. Das gilt als Fortbildung ? und schon sind die Kosten voll absetzbar.Zickig reagierten die Finanzämter bislang dann, wenn jemand seinen Beruf aufgeben und sich für eine völlig anders geartete Tätigkeit ausbilden lassen wollte. Eine Umschulung galt als Ausbildung ? weil neuer Job ? und war also nur begrenzt absetzbar.Warten auf das grosse GerichtVon dieser strikten Zuordnung der Finanzbehörden sind die Finanzgerichte inzwischen abgerückt. So konnte eine Lehrerin, die sich zur Supervisorin, einer Art Schulcoach, ausbilden ließ, nach einer Klage gegen ihr Finanzamt die Kosten steuerlich komplett als Werbungskosten geltend machen. Ebenso eine Masseurin, die 10 000 Euro in eine Ausbildung zur Physiotherapeutin investiert hatte.Die Gerichte argumentierten, man könne nicht mehr davon ausgehen, dass ein erlernter Beruf ein Leben lang ausreiche, um am Arbeitsmarkt konkurrenzfähig zu bleiben. Obwohl die Urteile noch Einzelfälle sind, sehen Experten eine allgemeine Tendenz, dass Umschulungen künftig generell als Fortbildung gewertet werden könnten. Bis Ende des Jahres werden dazu einige Grundsatzurteile vom Bundesfinanzhof (BFH) erwartet.Bis dahin sollten Steuerzahler die Aufwendungen für ihre Weiterbildung erst einmal in voller Höhe als Werbungskosten geltend machen, auch wenn es sich dabei um eine Umschulung handelt. Lehnt das Finanzamt ab, sollten sie unter Hinweis auf die anhängigen Revisionen Einspruch einlegen und das Ruhen des Verfahrens beantragen.Vorteil für Studenten mit LehreEin weiterer Zankapfel zwischen Finanzamt und Steuerzahlern ist die Anerkennung des Studiums als Fortbildung.Keine Probleme gibt es für Studenten, wenn sie ein Zweit- oder Aufbaustudium machen, sprich: wenn sie bereits einen Beruf erlernt haben und noch was draufsatteln wollen. So haben Finanzgerichte die Aufwendungen eines approbierten Arztes anerkannt, der Zahnmedizin studierte, um sich als Mund-Kiefer-Chirurg zu spezialisieren.Freuen können sich nach einem aktuellen Urteil auch Studenten, die vor der Uni-Zeit eine "themenverwandte? Lehre gemacht haben, etwa der Banker, der auf Dipl.Kfm. studiert. Dann zählt das Studium nicht als Erststudium, also Ausbildung, sondern als unbegrenzt absetzbare Weiterbildung.Bei Studenten, die direkt von der Schule kommen, setzen die Finanzbeamten aber den Rotstift an. Nach derzeitiger Auffassung des BFH ist das Studium prinzipiell die Grundlage für eine andere, höhere berufliche und wirtschaftliche Stellung. Die Konsequenz: Ihre Aufwendungen gelten als Ausbildungskosten und sind nur begrenzt abzugsfähig, auch dann, wenn das Studium in eine betriebsinterne Ausbildung integriert ist.Aber: Immer mehr Finanzgerichte lehnen diese strenge Auslegung, wann ein Erststudium vorliegt und wann nicht, als nicht mehr zeitgemäß ab. Beim Bundesfinanzhof stapeln sich mittlerweile die in dieser Frage zur Entscheidung anstehenden Revisionen. Bis er endgültig entschieden hat, welches Studium wann als Fortbildung durchgeht, gilt auch hier: Einspruch gegen den Steuerbescheid einlegen, wenn das Finanzamt die Kosten nicht in voller Höhe akzeptiert.MBA voll absetzbar, Promotion nichtSteuerlich pflegeleicht sind mittlerweile der MBA und der Master of Law, LL.M. Nach einigen Streitigkeiten vor Gericht gelten sie jetzt als Fortbildung und sind somit in voller Höhe absetzbar. Beim MBA merkte der Bundesfinanzhof allerdings an, dass das Zweitstudium geeignet sein müsse, dem Kandidaten in seinem im Erststudium erlernten Beruf weiterzuhelfen. Da laut Gericht aber sogar Physiker und Bauingenieure BWL-Wissen für ihren Job brauchen, dürfte diese Einschränkung keine Auswirkungen haben.Dumm dran sind Doktoranden: Geld, das sie in ihre Promotion stecken, wie zum Beispiel in Forschungsaufenthalte oder den Druck der Dissertation, wird generell als Ausbildungskosten gewertet und ist nur bis zu 920 beziehungsweise 1 227 Euro absetzbar.Sprachen nur für den JobSprachkurse laufen erfreulicherweise unter Weiterbildung, die Kosten für den Kurs und die Bücher sind also voll absetzbar. Aber egal, ob Italienisch-Anfängerkurs bei der Volkshochschule oder Business-Englisch im Einzelunterricht, der Kurs muss immer einen konkreten und zeitlichen Bezug zum Beruf haben, um Gnade vor dem Fiskus zu finden. Diesen Zusammenhang sollte man den Behörden fein säuberlich auf einem Extrablatt erläutern. Argumente wie "Ich wollte immer schon mal Chinesisch lernen? ziehen nicht. Erfolgsaussichten hat jemand, der ständigen Kundenkontakt mit Chinesen nachweist oder regelmäßig auf Dienstreise dorthin geht.Die Grenzen, wann ein Finanzamt einverstanden ist oder wann es die Anerkennung verweigert, sind fließend und variieren von Amt zu Amt. Mittel zum Erfolg ist auf jeden Fall eine glaubwürdige Argumentation ? und notfalls der Gang vor Gericht.Ausgesprochen pingelig sind die Beamten bei Sprachreisen. Hier muss eindeutig das berufliche Interesse im Vordergrund stehen. Besteht auch nur der leiseste Verdacht, man könnte sich dabei prima unterhalten haben, wird's eng. Aber: Ein aktuelles Urteil sieht einen Auslandskurs prinzipiell dann absetzbar, wenn er auch im Inland anerkannt worden wäre. Als Freibrief sollte man diesen Richterspruch allerdings nicht verstehen: Hinter Sprachurlauben zur Hauptreisezeit in Touristenzentren wird das Finanzamt weiterhin mehr private als dienstliche Motive vermuten.Grundsätzlich absetzbar sind bei der Sprachreise Kursgebühren, Reisekosten, Verpflegung und Unterbringung. Es kann aber vorkommen, dass das Finanzamt (vermutete) privat motivierte Kosten abzieht.Rhetorik-Kurse, Seminare zur politischen Allgemeinbildung oder der Töpferkurs aus dem VHS-Programm fallen in den Augen des Finanzamts meist unter die Rubrik Privatvergnügen und müssen aus eigener Tasche finanziert werden. Ausnahme: Der Steuerzahler kann glaubhaft machen, dass er die erlernte Fähigkeit unbedingt im Job braucht.Vom Bleistift bis zum SpritNeben Seminargebühren können Bildungswütige eine ganze Menge anderer Kos-ten in der Steuererklärung ansetzen: Ausgaben für Fachliteratur, Bürobedarf oder Fotokopien, sogar einen neuen Computer oder ein Bücherregal, wenn es für die Weiterbildung nötig war.Auf den Quittungen für Bücher und Zeitungen muss der Titel vermerkt sein, allgemein "Fachliteratur" reicht nicht mehr. Und während man beim privaten Computer die berufliche und weiterbildungsbedingte Zeit neuerdings in jeder prozentualen Verteilung anteilig absetzen kann, gilt bei Schreibtisch und Regal: Liegt die private Nutzung unter zehn Prozent, kann man das Möbel voll ansetzen, darüber gar nicht.Beim Arbeitszimmer wird es knifflig: Wer sich beruflich fortbildet, beispielsweise eine Meisterschule besucht oder ein Zweitstudium absolviert, lernt wohl meist zu Hause und nicht an seinem Arbeitsplatz. Viele Finanzämter verweigern trotzdem die steuerliche Anerkennung des häuslichen Arbeitszimmers. Zu Unrecht, wenn "für die konkrete Vor- und Nachbereitung der Fortbildungsmaßnahme im Betrieb kein Arbeitsplatz zur Verfügung steht" ? so sehen es zumindest die Oberfinanzdirektionen Düsseldorf, Münster und Saarbrücken. Unklar bleibt aber, um welche Art Fortbildung es sich handeln muss, damit ein Finanzbeamter das Arbeitszimmer anerkennt. Nicht ausreichend jedenfalls ist das Studium von Fachliteratur nach Feierabend.Ebenfalls absetzbar sind die Ausgaben für private Lern- und Arbeitsgemeinschaften wie Fahrtkosten und Verpflegung. Um Widerspruch vorzubeugen, ist eine von allen Teilnehmern unterschriebene Liste mit Angaben von Datum, Ort und besprochenen Themen sinnvoll.Wer sich auf einem auswärtigen Lehrgang weiterbildet, kann auch die Reisekosten bei der Steuererklärung angeben. Dazu gehören in den ersten drei Monaten neben den Fahrtkosten auch Pauschalen für Verpflegung und mögliche Übernachtungen. Ausschlaggebend sind dabei die Sätze des Finanzamts. Außerdem gibt es den Pauschbetrag erst bei einer Abwesenheit von mindestens acht Stunden.Honig ums Maul schmierenWie die große Zahl der vor dem Kadi endenden Streitfälle zeigt, ist die Auseinandersetzung mit dem Finanzamt in Sachen Weiterbildung mitunter eine haarige Sache. Aber mit ein paar Tricks kann man seine Erfolgsaussichten entscheidend steigern: Belege geordnet und vollständig einreichen, Kostenaufstellungen kommentieren, den Bezug zum Job kurz schriftlich erläutern und bei heiklen Punkten wie Umschulungskosten gleich auf die aktuelle Rechtsprechung Bezug nehmen. Das beeindruckt und erleichtert den Finanzbeamten die Arbeit ? und alle sind zufrieden.
Dieser Artikel ist erschienen am 18.07.2002