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Das ewige Talent wechselt die Seite

Von Martin-W. Buchenau, Carsten Herz und Peter Thelen
Der Verband der Automobilindustrie kürt am (heutigen) Montag den Politiker Matthias Wissmann zu seinem neuen Präsidenten. Es war ein Vorschlag von Daimler-Chef Dieter Zetsche. BMW-Boss Norbert Reithofer und der VW-Oberste Martin Winterkorn sollen ebenfalls schnell zugestimmt haben, und auch der wichtigste Zuliefer-Boss Franz Fehrenbach gab schnell sein Plazet.
Matthias Wissmann wird in drei Wochen 58 Jahre alt. ?Was, schon 58?? wird sich so mancher fragen. War es doch in letzter Zeit eher etwas ruhig um den ehemaligen Bundesverkehrs- und Wirtschaftsminister geworden. Jetzt steht der jünger wirkende gebürtige Ludwigsburger, der gerne markante Brillen trägt, vor einem großen Comeback. Die Spitze des Verbandes der Automobilindustrie will ihn auf einer Sondersitzung in Berlin zu seinem Präsidenten küren. Das bestätigten Branchenmanager dem Handelsblatt. Wissmann wird damit zu einem der wichtigsten Lobbyisten in Deutschland und kehrt damit zurück ins Rampenlicht, wenn auch auf Seiten der Industrie und nicht der Regierung.Es war ein Vorschlag von Daimler-Chef Dieter Zetsche. BMW-Boss Norbert Reithofer und der VW-Oberste Martin Winterkorn sollen ebenfalls schnell zugestimmt haben, und auch der wichtigste Zuliefer-Boss Franz Fehrenbach gab schnell sein Plazet. ?Der Kandidat war bei allen von null auf 100 schneller als ein Porsche?, sagte ein mit den Verhandlungen Vertrauter. Dass die Wahl auch unter Beteiligung von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Unions-Bundestagsfraktionschef Volker Kauder auf Wissmann gefallen sei, wollten Branchenkreise nicht bestätigen. Wissmann habe ein feines Gespür für politische Strömungen, Erfahrung in Brüssel, diplomatisches Geschick und sei als Schwabe mit natürlichem Fleiß ausgestattet. ?Der Wunschkandidat ist durchgekommen?, heißt es in den Kreisen.

Die besten Jobs von allen

Dass die Wahl auf einen Politiker fällt, ist schon sehr ungewöhnlich für die doch eher industriell geprägte Autobranche, aber zeichnete sich zuletzt doch ab. Denn Vorgänger Bernd Gottschalk hatte als Ex-Mercedes-Manager und damit Eigengewächs der mitunter selbstherrlichen Branche große Probleme mit der Diskussion über die CO2-Emissionen. Gottschalk kündigte überraschend seinen Rücktritt an, nachdem es in einem Magazinbericht geheißen hatte, ein Nachfolger werde bereits gesucht. Mehrere Autohersteller hatten in der Diskussion über den Schadstoffausstoß deutscher Autos kritisiert, der Verband habe ihre Fortschritte bei der Schadstoffreduzierung zu wenig ins rechte Licht gerückt. Gottschalk selbst betonte bei seinem Rücktritt, er habe sich in der Klimaschutzdebatte keine Versäumnisse vorzuwerfen.Und gerade auf dem politischen Parkett dürfte in Zukunft Wissmanns Expertise gefragt sein. Schließlich steht die deutsche Autoindustrie mit ihren Luxus- und Oberklassefahrzeugen stark unter Druck, falls Brüssel einen einheitlichen Grenzwert von 130 Gramm CO2 pro gefahrenen Kilometer für alle Fahrzeuge festlegen sollte. Gerade die Franzosen und Italiener machen bei dieser Frage in Brüssel Industriepolitik. Wissmann kennt diese Machtspiele mit Geschäften und Gegengeschäften auch aus seiner Zeit als Verkehrsminister. Zudem leitete er den Bundestagsausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Einer, dem stets mehr zugetraut wird, als das, was er gerade machtIm politischen Berlin gilt der 57-Jährige, der seine Laufbahn als Chef der Jungen Union begann, als ewiges Talent, die Verkörperung des Hoffnungsträgers, dem stets mehr zugetraut wird als das, was er gerade macht. Im persönlichen Umgang eher zurückhaltend, glänzt er bei öffentlichen Auftritten als messerscharfer Analytiker. Polemische Untertöne sind ihm fremd, was ihm das politische Geschäft nicht leichter gemacht haben dürfte. Seit 1976 im Bundestag, war er aber lange nur Insidern ein Begriff. Sie schätzten seine analytischen Fähigkeiten und sein Gespür für neue Themen wie in den 80er-Jahren die Umweltpolitik. Doch zugleich wurde er auch lange als ?ewiger Jungpolitiker? verspottet. Zwei Ministerämter in Baden-Württemberg hat er in seinen jungen Jahren ausgeschlagen und 1982 einen Posten als parlamentarischer Staatssekretär unter Familienminister Heiner Geißler. Erst als der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl ihn 1993, zunächst als Forschungsminister, in sein Kabinett holte und er kaum 100 Tage später die Nachfolge des über eine ?Putzfrauenaffäre? gestolperten Verkehrsministers Günther Krause antrat, wurde er einer größeren Öffentlichkeit bekannt.In seine Amtszeit fielen die Privatisierung der Lufthansa, die Bahnreform, die Regionalisierung des Schienenpersonenverkehrs, die emissionsorientierte Neuordnung der KFZ-Steuer und die Einführung der Euro-Vignette für schwere LKWs, insgesamt eine beachtliche Bilanz. Seine größte Zeit in der Parteipolitik hatte der Jurist, als ihn Kohl 1998 zum wirtschaftspolitischen Sprecher der Partei machte und damit beauftragte, das Profil der CDU bei den Themen Wirtschaft und Arbeitsplätze im Wahlkampf gegen den SPD-Kandidaten Gerhard Schröder zu stärken.Nach dem Regierungswechsel zur rot-grünen Koalition wurde es wieder still um Wissmann, der es trotz seines großen Talents nie in bedeutende Partei- oder Fraktionsämter schaffte. Auch der neuen Kanzlerin der großen Koalition, Angela Merkel, galt er offenbar nicht als ministrabel. Als Vorsitzender des Ausschusses für Angelegenheiten der Europäischen Union suchte er zwar weiterhin die Öffentlichkeit, doch glänzte er auch bei diesem Thema mehr hinter den Kulissen als an vorderster Front. Eigentlich schwer verständlich, dass die Union einem fähigen Kopf wie ihm nicht größere Aufgaben anvertraut hat.Umso verständlicher aber, dass er nun am Ende einer alles in allem erfolglosen Karriere im Berliner Politikbetrieb auf die Seite der Lobbyisten wechselt. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) begrüßte gestern die Entscheidung des VDA. ?Der designierte Präsident bringt reichlich Erfahrungen in der Verkehrspolitik mit und kennt das europäische Parkett sehr gut?, sagte Gabriel. Er freue sich auf die Zusammenarbeit. Schwieriger dürfte aber für Wissmann die interne Arbeit werden. Der gesamte Verband gilt in seiner Struktur als verkrustet. ?Wir müssen da moderner werden, nicht nur in der Darstellung?, sagte ein Branchenmanager. Wissmann traut er das zu. Am Alter allein kann das nicht liegen. Gottschalk war nur fünf Jahre älter.
Dieser Artikel ist erschienen am 26.03.2007