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Das europäische Prinzip

Es ist ein deutsches Paradox: Seit Jahrzehnten sind sich auf den überparteilichen Bildungsveran-staltungen alle einig, dass man endlich mit der Förderung von Leistungs- und Verantwortungseliten beginnen muss. Zugleich aber tragen viele dieser Verantwortlichen in Bund und Ländern gerade dazu bei, dass diese berechtigte Forderung nicht umgesetzt wird. Fast scheint es, als ob Elitenförderung in Deutschland ein prinzipiell unlösbares Problem sei.
Es ist ein deutsches Paradox: Seit Jahrzehnten sind sich auf den überparteilichen Bildungsveran-staltungen alle einig, dass man endlich mit der Förderung von Leistungs- und Verantwortungseliten beginnen muss. Zugleich aber tragen viele dieser Verantwortlichen in Bund und Ländern gerade dazu bei, dass diese berechtigte Forderung nicht umgesetzt wird. Fast scheint es, als ob Elitenförderung in Deutschland ein prinzipiell unlösbares Problem sei.

Deutschland tut sich schwer. Der Elite-Begriff ist durch den Missbrauch im vergangenen Jahrhundert in Deutschland extrem belastet. Deutschland kennt keine Oxbridge- oder ENA-Tradition, keine amerikanischen Eliteuniversitäten, aus denen sich selbstverständlich die Leistungs- und Führungseliten in Wirtschaft, Staat, Verwaltung und - dringend notwendig! - in der Kultur rekrutieren.

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Junge Deutsche aber suchen den Sog ausländischer Institutionen im weltweiten Wettbewerb um Eliten. Sehr beliebt sind die USA, denn dort hat die Identifikation und Förderung von Eliten einen hohen Stellenwert. Amerika, aber auch England und Frankreich, setzen damit die Standards, die Anforderungen und vor allem auch die Werte, an denen sich zu orientieren hat, wer mit einem Diplom ausgezeichnet zur Elite dieser Länder gehören will.

Der Verzicht, hierzulande Standards für die Eliteförderung festzulegen, führt dazu, dass junge Deutsche, wenn sie überhaupt wieder zurückkehren, ihrem deutschen Kulturkreis entfremdet sind. Deutschland produziert damit durch sein Zögern entfremdete Eliten. Und das Land verweigert sich geradezu der Diskussion, welche Werte, Inhalte, sozialen Fähigkeiten eine Verantwortungselite in Deutschland erlernen muss.

Dabei sind die Dinge so schwierig nicht: Eine deutsche Elite müsste europäisch ausgebildet werden. Wer in Deutschland Verantwortung trägt, lebt längst im Bereich einer internationalen Innenpolitik, die ihn mit europäischen und globalen Fragen konfrontiert. In transnationalen Unternehmen sind internationale Nachwuchsprogramme für Führungskräfte heute schon möglich. Hoch qualifizierte junge Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen begegnen sich dort in einer dem jeweiligen Unternehmen spezifischen Ausbildung.

Hätten wir Gleiches in Verwaltung, Politik und Kultur, so wären wir zwar weiter, hätten allerdings noch keine befriedigende Lösung des Problems: Isolierte Eliten aus diesen drei Bereichen stünden sich gegenüber und könnten nie zu Verantwortungseliten werden. Verantwortung umfasst in einer so dicht vernetzten Welt immer die Verantwortung für das Ganze, nicht für einzelne, gleichsam nebeneinander schwebende Teile

Die europäische Ausbildung einer deutschen Elite darf nicht eindimensional, fixiert auf einen bestimmten Karriereweg in der Wirtschaft oder Verwaltung, erfolgen. Beim Eintritt in das Berufsleben muss es zur Standardausbildung junger Führungskräfte gehören, dass sie für einen begrenzten Zeitraum anspruchsvolle Aufgaben in der staatlichen Verwaltung, der Politikberatung, der Wirtschaft, den Gewerkschaften und wenn möglich in einem Medienunternehmen oder der Kultur zugewiesen bekommen.

Notwendig wäre auch noch, einen der genannten Bereiche im Ausland kennen zu lernen. Dieser Personalaustausch würde Entfremdungen vorbeugen und die Beteiligten erziehen, sich ständig als Lernende und Gebende zu begreifen - Fähigkeiten, die unverzichtbar in einem modernen Gemeinwesen sind.

Eine europäische Ausrichtung der Ausbildung während des Studiums ist eine unabdingbare Voraussetzung. Weshalb können nicht anspruchsvolle, praxisorientierte Studiengänge wenigstens in einigen Ländern Europas so aufgebaut sein, dass einzelne Teile in unterschiedlichen europäischen Ländern studiert werden können, ohne dass dies den Abschluss im Heimatland erschwert? Weshalb kann diese Ausbildung nicht schon in der Schule durch Lehrer aus unterschiedlichen europäischen Ländern und bilingualen Unterricht verpflichtend für alle Europäer in Englisch vorbereitet werden?

Eine europäische Eliteausbildung in Deutschland setzt voraus, dass wir den Binnenmarkt nicht nur für Agrarprodukte aus anderen Nachbarländern öffnen, sondern auch für Lehrer, Ideen und Studiengänge. Die begabtesten Studenten und Schüler haben längst mit den Füßen gegen die an autonomen Kleinstaaten orientierte deutsche Bildungspolitik abgestimmt. Geboten sind: Umdenken, ein klares Bekenntnis zur Förderung der Leistungswilligen und derer, die Verantwortungübernehmen, Durchlässigkeit zwischen Staat, Wirtschaft, Kultur und Medien - sonst laufen uns Deutschen die Eliten davon

Realisieren wir dieses Gebot, und gelingt es uns, Verantwortungs-Eliten stärker in den Medien präsent zu machen, die Vorbildfunktion übernehmen wollen, fördern wir auch die Bereitschaft zum Engagement nicht nur bei den Eliten, sondern bei allen Mitbürgern. Wenn dann jeder in seinem Bereich sich verantwortlich im Verbund mit anderen fühlt und sich für das Gemeinwesen einsetzt, dann hätte eine Eliteförderung auch tatsächlich ihr Ziel erreicht.

Wolfgang Nowak, 61, war Staatssekretär in Sachsen und Planungschef im Bundeskanzleramt. Heute leitet er die Alfred-Herrhausen-Gesellschaft, einen Think Tank der Deutschen Bank.
Dieser Artikel ist erschienen am 24.08.2004