Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Das erste Semester

Neue Stadt, neue Leute, neues Leben: Joana Bieker studiert seit einem Semester Medienwissenschaften in Trier. Für karriere abi berichtet sie über ihre ersten 100 Tage an der Uni.
Der Startschuss
Pünktlich zu meinem Geburtstag flattert der Zulassungsbescheid ins Haus. Die Wochen des Hoffens und Bangens auf einen Studienplatz sind endlich vorbei. Zehn Bewerbungen hatte ich losgeschickt, jetzt steht es also fest: Ich gehe nach Trier

Raus von zu Haus
An einem dunklen Oktobermorgen starte ich mit meinem Vater, meiner Schwester und einem voll beladenen Anhänger von Ratingen in Richtung Trier. Dass ich tatsächlich ausziehe, wird mir erst später klar. Noch fühle ich mich, als ob ich mit viel zu viel Gepäck in den Urlaub fahren würde. Die Wohnungssuche war nervig, aber dann hab ich sie doch gefunden, meine Wunsch-WG: zwei Mädchen, vier Jungs, Altbau in der City, 25 Quadratmeter, bezahlbar. Mein neues Zuhause!

Die besten Jobs von allen
!

Meine eigene Bude
Als wir ankommen, ist die Wohnung leer. Außer mir ist bisher erst einer eingezogen. Der dumpfe Druck in der Magengegend nimmt zu. Ich stehe in meinem neuen Zimmer und weiß nicht so recht, ob ich weinen oder jubeln soll. Da dreht sich der Schlüssel in der Tür. Onno, mein Mitbewohner, ist auch neu in Trier. Mit Stadtplan bewaffnet gehen wir auf Erkundungstour, und auf einmal kriege ich richtig Lust auf die fremde Stadt

Der erste Tag an der Uni
Ich komme mir vor wie ein doofer Touri, weil ich den ganzen Tag mit einem Gebäudeplan durch die Gegend laufe. Kann mir einfach nicht merken, wo Hörsaal 7 und Raum A 22 liegen. Immerhin: Die hundert planlosen Gesichter der anderen Erstsemester geben mir das beruhigende Gefühl, nicht die Einzige zu sein.
Im Foyer riecht es nach Kaffee und Kuchen. Mir ist allerdings gar nicht nach Kaffeekränzchen zumute. Die Uni ist gepflastert mit Infoständen: Auslandssemester, Jobben im Studium, Sprachkurse. Dabei will ich doch nur wissen, wie ich meinen Stundenplan gebastelt bekomme! Vor zwei Wochen, schnappe ich irgendwo auf, hätte ich mich schon online für einige Seminare einschreiben müssen. Wieso sagt einem das keiner?

WG-Symbiose
Möbelrücken auf 25 qm: Bett ans Fenster oder neben die Tür? Schreibtisch mit Blick in den Hof oder doch vor die Wand? Ohne meine technisch versierten Mitbewohner wäre ich spätestens bei der Installation der Telefon- und Satellitenanlage verloren gewesen. Backe ihnen zum Dank einen Kuchen, das kann ich viel besser - fanden die Jungs auch!

Auf Kneipentour
"Und was studierst du?" Diese Frage höre ich an diesem Abend bestimmt 25 Mal und stelle sie mindestens so oft selbst. "Erstsemester- Kneipentour" nennt sich das und bedeutet: Viele unterschiedliche Leute, zig Kneipen und jede Menge Alkohol. Ausbeute nach vier Stunden, drei Radler und zwei Caipirinhas: Zehn neue Namen und Nummern in meinem Handy. Ob mir morgen noch die Gesichter dazu einfallen, weiß ich nicht

Mein erstes Seminar
Unschlüssig stehe ich vor dem offenen Seminarraum, in dem gleich "Grundlagen der Hörfunkkommunikation" stattfindet. Zwanzig Augenpaare sind auf mich gerichtet. Schnell husche ich in die erste Reihe und platziere mich neben ein Mädchen, dem es scheinbar genauso geht. Zufälligerweise wohnt Evelyn nur zwei Straßen von mir entfernt. Wir verstehen uns auf Anhieb und das mulmige Gefühl ist wie weggefegt.
Der Dozent, ein Mittvierziger in Jeans und Karohemd, redet von "eigenverantwortlichem Arbeiten" und "Studienordnungen". Mir schwirren eine Million Fragen durch den Kopf, die ich mich nicht zu stellen traue. Zum Glück entpuppt sich mein anderer Sitznachbar als wandelnde Studienberatung

Vorlesungsbeginn
"Einführung in die Medienwissenschaft" steht heute auf dem Stundenplan - meine erste Vorlesung. 200 Leute im Hörsaal, dicht an dicht auf harten Sitzbänken, es riecht ein bisschen muffig. Keine Anwesenheitspflicht, kein Aufzeigen, wir sitzen einfach nur da. Schreibe die erste halbe Stunde fleißig mit, bis mir der Junge zu meiner Rechten steckt, dass ich mir die Folien der Präsentation auch im Netz runterladen kann. Also verbringe ich den Rest der Zeit damit, nach bekannten Gesichtern in den unteren Reihen Ausschau zu halten. Kenne ich den Typ in der zweiten Reihe nicht von der Kneipentour? Gleich mal nett angrinsen

In der Mensa
Gegen Mittag treibt mich mein knurrender Magen Richtung Mensa. Erstaunlich, was man hier für 1,95 Euro alles bekommt: Salat oder Suppe vorweg, Hähnchenschenkel mit Gemüse und Reis und zum Nachtisch Ananasquark oder Pistaziencreme. Während ich fürs Essen anstehe, tippen mir von hinten ein paar Leute aus meinem Seminar auf die Schulter. Am Ende hab ich nicht nur endlich mein Essen, sondern auch eine Verabredung für den nächsten Abend

Das erste Referat
"Popmusik im Radio" lautet mein Thema. So lebensnah hatte ich mir das Studium gar nicht vorgestellt. Meine Oma würde antworten: "Kind, dafür musst du doch nicht studieren!" Na ja, anscheinend schon.

In der Bibliothek
Es gibt tatsächlich Leute, die ganze Bücher über Popmusik geschrieben haben - wissenschaftlich fundiert, versteht sich. Im Lesesaal herrscht absolute Ruhe. Zwischen den meterhohen Bücherregalen komme ich mir ganz mickrig vor. Wie soll ich hier nur was finden? In meiner Not schnappe ich mir den erstbesten Kommilitonen, der aussieht als hätte er Ahnung, und quetsche ihn aus. Als ich Stunden später endlich die gesuchten Bücher in den Händen halte, ist das wie ein kleiner Sieg

Prüfungsstress
Das Semester neigt sich dem Ende, die ersten Klausuren stehen an. Jetzt heißt es erst mal büffeln. Verzichte auf Kneipentouren und andere Erstsemesterattraktionen. Man studiert ja schließlich auch noch nebenbei.

Endlich drin
Uff, die Klausuren sind geschafft. Bald fangen die Semesterferien an. Michael, der mit mir im Seminar sitzt, lädt mich zu seinem Geburtstag ein. Zum ersten Mal habe ich das Gefühl dazuzugehören. Ein lustiger Haufen ist das, der sich da in seiner Bude trifft. Wir spielen Scharade, lachen viel und erzählen. Vielleicht unternehmen wir ja noch mal was zusammen - im nächsten Semester

Dieser Artikel ist erschienen am 16.06.2006