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Das Erfolgsrezept des Weihnachtsmanns

Von C. Nesshöver, Handelsblatt
Der Mann führt eine der erfolgreichsten Firmen der Welt ? und das seit Jahrzehnten, wenn nicht gar Jahrhunderten. Seine Branche? Handel träfe es wohl am ehesten. Sein Firmensitz? Vom Nordpol, heißt es, operiere er. Aber sein Umsatz? Sein Gewinn? Sein Managementstil?
Richard Attenborough spielt im Film 'Das Wunder von Manhattan' den Weihnachtsmann. Foto: 20th Century Fox
HB NORDPOL. Der Weihnachtsmann ist der geheimnisvollste Unternehmer der Welt. Jeder kennt ihn, jeder hat Ende Dezember mit ihm zu tun ? alle Jahre wieder. Von diesem Maß an Kundenbindung können Aldi, Karstadt oder Wal-Mart nur träumen.Dabei ist der Weihnachtsmann, der auch unter dem Markennamen ?Christkind? firmiert, mit ihnen allen im Geschäft: Millionenfach vertreiben sie sein Konterfei in Schokolade und als Kerze oder hängen seine Puppen an Nadelbäumchen und Fassaden. Für nicht wenige seiner Geschäftspartner entscheidet das Joint Venture mit dem Weihnachtsmann, ob das Businessjahr ein Erfolg wird oder nicht.

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Der Weihnachtsmann ist die ultimative Marktmacht, aber er nutzt sie nicht aus. Lizenzgebühren? ?Der Weihnachtsmann wäre nicht der Weihnachtsmann, wenn er nicht auf derartige Gebühren verzichten würde?, verrät sein Geschäftspartner Thomas Gries, der als Chef der Marke Milka für Kraft Foods 25 Millionen Schoko-Weihnachtsmänner pro Jahr verkauft. Die Gegenleistung: ?Natürlich bekommt er von uns jedes Jahr ein extragroßes Weihnachtspaket?, sagt Gries.Ein Mysterium bleibt der Weihnachtsmann dennoch. Keiner weiß das besser als der Mysteriumsexperte schlechthin: John Ronald Reuel Tolkien, der ?Herr der Ringe? schuf. Tolkien ist einer der wenigen, die den Weihnachtsmann getroffen haben. Er kenne die blauen und lila Fliesen unter der Kuppel im Heim des Weihnachtsmanns am Nordpol, erzählte Tolkien einst seinen Kin-dern. Fast 2000 Jahre alt sei der Hausherr. Als Angestellte bevorzuge er Höhlenbären und Zwerge. Zu seinem Prokuristen habe er einen Schnee-Elfen namens Ilbereth ernannt. Selbst der Weihnachtsmann muss eben delegieren.Und auch er kennt Managerstress: ?Nur gut, dass die Uhren nicht überall auf der Welt dieselbe Zeit anzeigen, sonst würde ich überhaupt nie mehr fertig?, vertraute er 1929 in einem seiner wenigen Interviews Tolkien an (J.R.R. Tolkien: Die Briefe vom Weihnachtsmann, Klett-Cotta 2002). Der Weihnachtsmann leitet den wohl einzigen Weltkonzern, der an nur einem Tag, dem 24. Dezember, seine gesamte Jahresproduktion ausliefert ? und das auch noch vom Chef persönlich und traditionell durch den Schornstein.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die logistischen Fähigkeiten sind legendärSeine logistischen Fähigkeiten sind legendär. Für den deutschen Markt ergibt sich folgende Rechnung: Beliefert der Weihnachtsmann alle 38,9 Millionen Haushalte hier zu Lande, muss er pro Sekunde 450,2 Familien beglücken ? pro Lieferung bleiben ihm 2,2 tausendstel Sekunden. Bei einer mittleren Entfernung zwischen den Kunden von 500 Metern legt er dabei 19,5 Millionen Kilometer zurück. Also saust der Weihnachtsmann mit 658facher Schallgeschwindigkeit durch Deutschland. Längst aus dem Geschäft wären Konkurrenten wie DHL oder FedEx, würde der Weihnachtsmann nicht auf nur einem einzigen Arbeitstag im Jahr bestehen.Technikgläubig ist er nicht, im Gegenteil. ?Irgendwelchen Bildern, auf denen ihr mich am Steuer eines Flugzeugs oder Automobils seht, dürft ihr nicht glauben. Ich kann diese Dinger nicht lenken, und mir liegt auch gar nichts daran, sie sind ohnehin viel zu langsam?, vertraute er Tolkien an. Wie er die Rentiere, die seinen Schlitten ziehen, auf 225,7 Meter pro Sekunde tuned, behält der Weihnachtsmann für sich. Verschwiegen ist der Weihnachtsmann, aber auch ein ?gutmütiger alter Herr, der auch dann noch großzügig ist, wenn die Kinder einmal nicht ganz so brav waren?.Das erzählt einer der wenigen deutschen Angestellten des Weihnachtsmanns, Hermann Bardenhagen. 35 Jahre lang versah er im Weihnachtspostamt des niedersächsischen Örtchens Himmelpforten seinen Dienst. 29 500 Briefe an den Weihnachtsmann gingen dort allein im vergangenen Jahr ein, Tausende hat Bardenhagen persönlich beantwortet ? i. A. des Weihnachtsmanns. Lange vor vielen Konkurrenten hatte sein Auftraggeber die Segnungen des Outsourcings erkannt.Das Geschäftsmodell des Weihnachtsmanns hat auch etwas Revolutionäres: Er verschenkt, statt zu verkaufen. Das kopieren Billigflieger à la Ryanair erfolgreich. Auch hat er sein Standortproblem gelöst: Der Nordpol ist internationales Gebiet; der Weihnachtsmann zahlt also weder Steuern noch Sozialabgaben.Und wann geht der Weihnachtsmann endlich an die Börse? Analysten reagieren nervös ? eine Weihnachtsmann AG könnte zu Kurseinbrüchen bei der Konkurrenz führen. Allerdings kämpft das rot-weiße IPO auch mit Strukturschwächen: ?Gäbe es ein zweites Weihnachten pro Jahr, wäre es eine attraktivere Aktie?, merkt ein Analyst an.Firmennahen Kreisen zufolge sorgt sich der Weihnachtsmann zudem um sein Image. Denn persönlich leistet er sich wie einige Unternehmerkollegen manchen Spleen. So gilt seine Vorliebe für weißen Pelzbesatz auf seinen roten Mänteln als politisch ziemlich unkorrekt.Auch wenn der Weihnachtsmann am Freitag wieder pünktlich liefert: Viele Fragen lässt er unbeantwortet. Doch wenn Sie mehr über ihn wissen wollen, fragen Sie Ihre Kinder.
Dieser Artikel ist erschienen am 22.12.2004