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Das Erbe der Spinne

Von Jens Eckhardt
Bill Gates hat für 2008 seinen Abschied aus dem Tagesgeschäft angekündigt. Für Microsoft ist es der Beginn einer neuen Ära ? in einer höchst kritischen Phase.
Er hat es weit gebracht: Microsoft-Gründer Bill Gates. Fortan will er sich nur noch seiner Stiftung widmen. Foto: AP
PORTLAND. Die Nachricht vom vergangenen Donnerstag ließ die Börse weitgehend kalt. Der Kurs der Microsoft-Aktie zog sogar leicht an. Eine Reaktion, die die Frage aufwirft, wie wichtig Gates überhaupt noch für Microsoft ist.Der größte Softwarekonzern der Welt, so geht aus verschiedenen aktuellen Analysen hervor, ist überreif für einen Wechsel an der Spitze. ?Ein neuer Besen soll die Spinnweben bei Microsoft wegfegen?, kommentiert Richard Edwards, Analyst bei der Butler Group, die Ernennung von Ray Ozzie zum Nachfolger von Gates als Chefarchitekt für Software.

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Obwohl Microsoft weiter Rekordumsätze macht und jeden Monat rund eine Milliarde Dollar netto verdient, werden die Banker an der Wall Street den Verdacht nicht los, dass die seit 25 Jahren andauernde Vormacht des Konzerns bei Personalcomputern dem Ende entgegengeht. Schnelle Internetanschlüsse für jedermann haben den Markt für Informationstechnologie umgekrempelt, Google hat den Erfolg eines neuen Geschäftsmodells demonstriert, gegen das Microsoft mit seinem Desktop-Monopol machtlos sein könnte. Als Folge sackte die Aktie trotz massiver Rückkäufe zuletzt stetig ab.Das traditionelle Erfolgsrezept von Microsoft, die Ideen anderer in die eigene Software für Personal-computer zu integrieren und damit innovative Konkurrenten quasi mit deren eigenen Produkten zu schlagen, das funktioniert nicht mehr reibungslos. Während sich die nächste Version des Windows-Betriebssystems weiter verzögert, spielt Microsoft als Portal und Suchmaschine im Internet bislang eine ungewohnte Nebenrolle. Noch sehen die tragenden Umsatzsäulen aus Windows, Programmen wie Office und Server-Software solide aus, aber niemand weiß, ob der Konzern künftig im Internet so viel gewinnen kann, wie er mit seinem traditionellen Geschäftsmodell verliert.?Im Computergeschäft herrscht immer Übergangszeit?, sagt Gates, 50, auf derartige Risiken angesprochen, dann gerne. ?Innovation wird ständig vorangetrieben, und die Geschwindigkeit dabei steigt eher noch.? Microsoft aber hätte aus den Beispielen von Firmen wie Wang oder Digital Equipment gelernt, die von Veränderungen überrollt wurden. Die Firma sei darauf eingestellt, sich den Veränderungen anzupassen. Seit zwei Jahren denke er bereits über einen Ausstieg aus dem Tagesgeschäft nach, sagt Gates.Den Posten des Vorstandschefs gab er bereits im Jahre 2000 an Steve Ballmer ab. Damals nahm er sich in erster Linie als Reizfigur aus der Schusslinie der US-Justiz, die Microsoft 1998 wegen angeblicher Monopolpraktiken verklagte und in einem der größten Kartellverfahren der Nachkriegszeit die Zerschlagung des Softwarekonzerns forderte.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Streits werden mit gigantischer Liquidität ausgeräumtDas Verfahren endete im November 2001 nach der Regierungsübernahme durch die Republikaner mit einem Vergleich, der Microsoft die Aufspaltung ersparte, aber zu größerer Offenheit verpflichtete.Nach der Einigung mit der US-Justiz suchte Microsoft mit dem neuen Syndikus Brad Smith auch den Vergleich mit anderen erbitterten Gegnern. Auseinandersetzungen mit Sun Microsystems und AOL wurden beigelegt. Wo der Konzern unter dem Vorgänger von Smith, dem legendären Bill Neukom, jahrelang jeden Vorwurf abgestritten und jeden Gegner niedergekämpft hatte, räumte er nun mit seiner gigantischen Liquidität einen Streit nach dem anderen aus.Darüber hinaus reicherte Gates die Führungsspitze mit Craig Mundie und Ray Ozzie an. Mundie ist nun seit über zehn Jahren bei Microsoft und spielt als Chefstratege eine zunehmend wichtige Rolle. Ozzie, der Lotus Notes entwickelte und den Ruf eines Technologie-Gurus genießt, stieß zu Microsoft, als der Softwarekonzern vor gut einem Jahr seine Firma Groove Networks übernahm. Er gilt als der Innovator, der Microsoft nun technologisch in die Zukunft führen soll.Wenn Bill Gates sich 2008 verabschiedet, um mit seiner Stiftung Hunger, Krankheit und mangelnde Bildung vor allem in der Dritten Welt zu bekämpfen, kann er auf eine beispiellose Erfolgsgeschichte zurückblicken. Seine Firma ist eine der formenden Kräfte des Informationszeitalters, Time Magazine wählte ihn zu einem der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, seit 1995 führt er ununterbrochen die Forbes-Liste der reichsten Leute der Welt an. In 30 Jahren an der Spitze von Microsoft wurde er von seinen Fans vergöttert, von seinen Feinden gehasst und von seinen Wettbewerbern wegen seines pennälerhaften Aussehens regelmäßig unterschätzt. Die Geschichte von Bill Gates und Microsoft ist nicht die Geschichte von technologischen Pionierleistungen, sondern von Geschäftstüchtigkeit und der Fixierung auf den eigenen Erfolg. Er habe in den ersten Jahren nie Urlaub gemacht und nie einen Arbeitstag versäumt, sagt Gates heute voller Stolz.Von echter Tellerwäscher-Romantik ist in Gates? Erfolgsgeschichte indes keine Spur zu finden. Er kommt aus einer wohlhabenden Anwaltsfamilie in Seattle und besuchte eine lokale Elite-Oberschule, die teurer war als Harvard. Sie bot ihren Schülern früh den Zugang zu einem der damals raren Großrechner und weckte Gates? Interesse an Computern.Im Gegensatz zu anderen Technologiepionieren, die sich in der Welt umsahen, fielen bei Gates die Äpfel nie weit vom Stamm. Paul Allen, Mitgründer von Microsoft, ist ein Schulfreund, Steve Ballmer ist ein Studienfreund, Syndikus Bill Neukom war Partner in der Kanzlei des Vaters, Melinda French, die Gates 1994 heiratete, war eine Microsoft-Angestellte. Und während sich die US-Technologiebranche im kalifornischen Silicon Valley konzentrierte, blieb die größte Softwarefirma in Gates? Geburtsstadt Seattle. Geschadet hat Gates dieses Außenseitertum nicht, aber mit wachsender Macht formte sich in der Computerbranche ein Feindbild, das die Persönlichkeit des Microsoft-Gründers und -Chefs widerspiegelte: verschlossen, konfrontationsfreudig, dazu skrupellos besessen vom eigenen Erfolg.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Von Anfang an Geschäfte mit den Innovationen anderer Von Anfang an machten Gates & Co. mit den Innovationen anderer Geschäfte und hatten dabei auch das Glück, zur rechten Zeit am richtigen Ort zu sein. Das erste Betriebssystem für Intels Mikroprozessor 8088 hieß CP/M und stammte von Gary Kildall. Als IBM 1980 für den ersten PC ein Betriebssystem suchte, kam ein Treffen mit Kildall, mehr aus Zufall, nicht zu Stande. Stattdessen landete IBM bei Gates und Paul Allen, die den Programmierer Tim Paterson kannten, der ein weniger elegantes, aber CP/M-kompatibles System für 16-bit Prozessoren entwickelt hatte. Er nannte es QDOS, ?Quick and Dirty Operating System? und verkaufte die Rechte daran für 56 000 Dollar an Gates und Allen, die es an ihren ersten Großkunden, IBM, als PC-DOS lizenzierten. Um den Vorsprung von PC-Pionier Apple einzuholen, lizenzierte IBM freimütig den Nachbau der eigenen Computer, die sich schnell als Standard durchsetzten.Schon bald fing Microsoft an, das System mit eigenen Anwendungen wie Textverarbeitung und Tabellenkalkulation anzureichern. Obwohl andere die eigentlichen Innovatoren waren, setzten Gates & Co. ihre Anwendungen im Markt durch, weil sie mit dem Betriebssystem gebündelt wurden und die Computerhersteller ohne zusätzliche eigene Kosten ihren Kunden ein umfangreicheres Angebot machen konnten.Mit diesem simplen Konzept spielte Microsoft alle Herausforderer an die Wand, darunter Apple, den Softwarekonkurrenten Novell, der mit einer Desktop-Version des Großrechner-Betriebssystems Unix eben-so scheiterte wie selbst IBM mit dem eigenen Betriebssystem OS/2, das Milliarden an Entwicklungskosten verschlang, sich aber trotz technischer Überlegenheit gegen Windows nicht durchsetzte.Auf dem Höhepunkt des High-Tech-Booms 2000 überschritt Gates? Vermögen zeitweilig die Grenze von 100 Milliarden Dollar. Jetzt hat sich Gates dazu entschlossen, den Alltag damit zu verbringen, einen Teil dieses Vermögens als Wohltäter zu verteilen. Seine Stiftung hat er mit einem Kapital von gut 25 Milliarden Dollar ausgestattet.
Dieser Artikel ist erschienen am 19.06.2006