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Das Energiebündel

Von Jürgen Flauger, Handelsblatt
Vorstandschef Utz Claassen hat ein turbulentes Jahr bei der Energie Baden-Württemberg AG hinter sich ? und noch viele Probleme vor sich.
Utz Claassen hat eine turbulente Zeit hinter sich. Foto: dpa
DÜSSELDORF. Am kommenden Donnerstag lädt die EnBW wieder zur Hauptversammlung. Doch bruchlos ging es wahrlich nicht zu in den vergangenen zwölf Monaten: Seit Utz Claassen regiert, ist nichts mehr bei Deutschlands drittgrößtem Energiekonzern wie zuvor.Hinter dem Unternehmen und seinem schillernden Chef liegt eine turbulente Zeit: Nur wenige Wochen nach seinem Amtsantritt deckt Claassen schonungslos Altlasten auf, gegen Ex-Chef Goll werden daraufhin Ermittlungen eingeleitet. Mit der Belegschaft ringt er monatelang um die Personalkosten, reihenweise unrentable Beteiligungen verkauft er ? am Ende ist die EnBW mit einer Milliarde Euro in den Miesen.

Die besten Jobs von allen

Kaum ein Vorstandschef hat im vergangenen Jahr für so viel Wirbel gesorgt. Mit allen schmutzigen Begleiterscheinungen: Streitereien um Tochtergesellschaften werden öffentlich ausgetragen, es werden viele Geschichten kolportiert ? wahre und viele falsche.In der Energiebranche steht man dem Ex-Chef des Wägetechnikspezialisten Sartorius noch immer reserviert gegenüber: Über den Newcomer wird kräftig getuschelt. In vertrauter Runde nehmen selbst hochrangige Energiemanager kein Blatt vor den Mund: ?Dass er die richtigen Dinge anpackt, ist unumstritten?, sagt ein Kenner des Unternehmens, ?geschmunzelt wird darüber, wie er es macht und wie er in der Öffentlichkeit auftritt?. Claassen sei eben ein Querdenker in einer konservativen Branche, sagt Hermann Schierwater, sein Kommunikationschef.Den Finanzmarkt hat der harte Sanierer dagegen überzeugt. ?In Anbetracht der Tatsache, dass die Aufgabe nicht einfach war, hat Claassen einen ausgezeichneten Job gemacht?, meint Franz Rudolf, Anleihen-Analyst bei der Hypo-Vereinsbank. Er habe seine Strategie konsequent durchgezogen.Am Markt ist eben weniger entscheidend wie, sondern dass Probleme aufgedeckt werden. Hier zählen Fakten und Zahlen ? und mit denen kennt sich der Diplom-Ökonom und ehemalige McKinsey-Mann bestens aus. Wie sehr er in diesem Metier zu Hause ist, hat Claassen zuletzt auf der Bilanzpressekonferenz Anfang März bewiesen: Die Veranstaltung geriet zur betriebswirtschaftlichen Lehrstunde. Fast zwei Stunden lang referierte er ? unterstützt von seinen Vorstandskollegen und unzähligen Charts ? über die Bilanz und die eingeleiteten Strukturmaßnahmen. Claassen wählte die gedrechselten Sätze, für die er bekannt ist, sprach von ?Planungsrobustheit? und ?Budgettreue? und bezeichnete 2003 als ein ?katastrophales Jahr mit furchtbaren Klarheiten und Wahrheiten?, aber auch ?ein Jahr, dass, so unangenehm es auch war, entscheidend für die Zukunft des Konzerns ist?.Auf den ersten Blick kann sich seine Bilanz in der Tat sehen lassen: Im operativen Geschäft legt die EnBW wieder zu, schon in diesem Jahr soll das Unternehmen wieder Gewinne schreiben und eine Dividende überweisen. Das Gestrüpp von knapp 400 Beteiligungen hat Claassen schon um 118 verringert ? wenn er auch beim Vermelden von Erfolgsmeldungen zuweilen vorschnell ist: Auf der Bilanz-PK kündigte er den Verkauf des Parkhausbetreibers Apcoa an. Nur wenige Stunden später stellte der potenzielle Käufer klar, dass es zwar aussichtsreiche Verhandlungen gebe, aber nichts in trockenen Tüchern sei.Und selbst zwischen ihm und den Gewerkschaften kehrt langsam Ruhe ein, man einigte sich auf eine Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich, aber mit Beschäftigungsgarantie. ?Claassen hat ein kluges Händchen im Umgang mit der Arbeitnehmerbank?, sagt Alfred Wohlfahrt, Vizechef der Gewerkschaft Verdi in Baden-Württemberg und Aufsichtsratsmitglied. Es habe zwar Anlaufschwierigkeiten gegeben, aber: ?Mir ist ein glasklar agierender Finanzfachmann lieber als einer, der sich zu sehr der Landespolitik verpflichtet fühlt? ? ein Seitenhieb auf Vorgänger Goll. Die Belegschaft honoriere, dass da einer sei, der die ?Hemdsärmel hochkrempelt?, ergänzt Betriebsrat Peter Neubrand. Claassen gilt als Workaholic ? kokettiert mit einem 18-Stunden-Tag. Völlig beruhigt habe sich die Stimmung in der Belegschaft noch nicht, sagt Neubrand: ?Wenn die Reorganisation den eigenen Arbeitsplatz erreicht, lässt das einen nicht kalt.?Auch die Finanzen bekommt der Bilanzfachmann offenbar in den Griff, eine Kapitalspritze der Großaktionäre Electricité de France und Oberschwäbische Elektrizitätswerke scheint nicht ausgeschlossen. Doch gibt es noch Fragezeichen: ?In seinem ersten Jahr hat Claassen vor allem die Bilanz bereinigt, dieses Jahr muss das Jahr der Umsetzung werden?, sagt Analystin Anke Richter von der Deutschen Bank.Und da müsse er zeigen, dass er auch als Energiefachmann taugt, meint Karlheinz Bozem, Energieexperte bei der Unternehmensberatung Booz, Allen & Hamilton: ?Claassen muss beweisen, dass er die EnBW wieder nach vorne bringen kann.?Auf der Hauptversammlung werden aber erst noch die Aufräumarbeiten im Vordergrund stehen: Goll soll die Entlastung verweigert werden ? auf Empfehlung der neuen Führung.
Dieser Artikel ist erschienen am 26.04.2004