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Das Ende einer unglücklichen Erbschaft

Von Rita Lansch
Nach 101 Jahren verliert der Kölner Versicherungskonzern Gerling seine Unabhängigkeit. Talanx aus Hannover, der schärfste Rivale im Industriegeschäft, wird Gerling übernehmen. Beide liegen dicht auf hinter Marktführer Allianz und bringen es zusammen auf ein Beitragsvolumen von knapp 20 Milliarden Euro. Gründerenkel Rolf Gerling ist mit seiner Vision gescheitert.
KÖLN. Er gibt den perfekten Gastgeber. Rolf Gerling steht am Eingang des Jahrhundertsaals und empfängt seine Gäste, die Größen der deutschen Wirtschaft. Der 50-Jährige mit der aristokratischen Statur und dem tadellos frisierten Haar ist gut gelaunt.Alles scheint wie immer zu sein am Nachmittag des 28. Oktober in der weitläufigen Kantine des Kölner Gerling-Konzerns. Weder langjährige Vertraute wie Betriebsratschef Rudolf Müller noch die Großkunden, die zur jährlichen so genannten ?Gesamtsitzung? anreisen, bemerken eine Veränderung an Rolf Gerling. Und doch weiß der Großaktionär zu dieser Zeit bereits, dass es seine letzte Veranstaltung sein wird.

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Denn schon damals steht sein Entschluss fest: Nach einem mehr als drei Jahre dauernden Krimi um einen möglichen Verkauf gibt er das Familienunternehmen an Talanx aus Hannover ab, den schärfsten Konkurrenten im Industriegeschäft. Beide liegen dicht auf hinter Marktführer Allianz und bringen es zusammen auf ein Beitragsvolumen von knapp 20 Milliarden Euro.Am vergangenen Freitag informiert Rolf Gerling seinen Aufsichtsrat und Montagnachmittag die Öffentlichkeit. Kein persönliches Wort der Erklärung. Nur die nackte Gewissheit, dass der 101 Jahre alte Konzern seine Unabhängigkeit verliert.Damit gibt der Enkel des Firmengründers die Last des Familienerbes ab. So endet die Geschichte eines Mannes, der lange auf Distanz zum Werk seines Vaters, Hans Gerling, blieb. Der erst spät einen Weg fand, sich im Familienunternehmen zu engagieren und eine ?Vision von einem Versicherer als echter Dienstleister in Sachen Sicherheit? zu entwickeln, wie er es nannte. Er wollte Druck auf die Industrie ausüben, mehr in Sachen Umweltschutz zu tun. Aber das Konzept ging nicht auf.Rolf Gerling wächst mit drei älteren Schwestern in der herrschaftlichen Villa Marienburg in Köln auf. Er fühlt sich von jung an mehr seiner Mutter, einer Innenarchitektin und Galeristin, als seinem Vater verbunden. Der Senior Hans Gerling gilt als autoritär. So wird berichtet, dass selbst bei 30 Grad im Schatten niemand in der Kölner Zentrale sein Jackett ausziehen durfte.Den Sohn zieht es weit weg von Köln nach Zürich, wo er noch heute wohnt, und er studiert BWL. Aber eigentlich interessiert er sich für andere Dinge. Er vertieft sich in die analytische Psychologie am C.G. Jung-Institut in Zürich. Die Erkenntnisse Jungs über die besondere Verantwortung des Einzelnen für die Welt und die Zusammengehörigkeit von Gegensätzen prägen den Unternehmersohn. Dann lodern die Flammen im benachbarten Chemiewerk Sandoz. Das verseuchte Löschwasser gelangt in den Rhein.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Sichern vor versichern? lautet sein Credo.Beides, das zum Teil beim Vater versicherte Chemieunglück und das Gedankengut Jungs, bringt ihn auf ein neues Geschäftsfeld: Er baut die von seinem Vater gegründeten Risikoforschungs- und Risikovermeidungsinstitute zu einer Consultinggruppe aus. ?Sichern vor versichern? lautet sein Credo.Das war ein neuer Ansatz in einem Traditionshaus, das seine eigenen Regeln hat wie die jährliche ?Gesamtsitzung?, einer Art Festakt, bei dem die Eigentümerfamilie Hof hält mit ihren Großkunden und an dem sie lange Zeit ihren 6800 Mitarbeitern einen zusätzlichen freien Tag gönnte.Angefangen hat bei den Gerlings alles mit Großvater Robert, der 1904 das ?Gerling Bureau für Versicherungswesen? gründet. So richtig groß gemacht hat das Unternehmen dann Hans Gerling. Der im August 1991 verstorbene Patriarch ist der eigentliche Konzernarchitekt. Zeit seines Lebens muss er jedoch um sein Erbe kämpfen. Zuletzt noch Mitte der siebziger Jahre als Iwan D. Herstatt sein Imperium fast zum Einstürzen bringt. Der Kölner Bankier geht mit seiner Bank Pleite, und Anteilseigner Hans Gerling muss die Mehrheit seines Versicherungskonzerns opfern. Einen Einlagensicherungsfonds gibt es damals noch nicht. Doch Hans vereinbart schon damals eine günstige Rückholklausel, die ihm Jahre später den Rückkauf ermöglicht. So kann er seinem Sohn vor 14 Jahren volle 100 Prozent am Gerling-Konzern vererben.Für den schweigsamen Rolf Gerling ist es ein schwieriges Erbe. Es fängt an mit der Sorge um die Finanzierung der hohen Erbschaftsteuern. Hinzu kommt: ?Rolf ist anfangs gar nicht für den Versicherungsbetrieb zu begeistern?, erinnern sich Vertraute des Vaters.Wegen seines visionären Denkens wird der hochintelligente Gründerenkel allzu schnell als ?grüner Spinner? abgetan. Er hat daran geglaubt, die Wirtschaft zu einem umweltbewussteren Umgang mit ihren Risiken zu bewegen. Er war fasziniert von der Schadenverhütung.Doch die Realität sieht anders aus. Solange Schadenverhütung die Firmen teurer kommt als Versicherungsschutz, bleiben Vision und Visionär auf der Strecke.
Dieser Artikel ist erschienen am 09.11.2005