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Das Ende der Schnäuzer-Chefs

Von Christoph Schlautmann
Für Rewes Oberaufseher Klaus Burghard kam der Aschermittwochin Köln diesmal neun Tage früher: Am Montag war für ihn schon alles vorbei. Jetzt soll es Heinz-Bert Zander richten. Damit verliert die Rewe-Spitze eines ihrer Markenzeichen: Schnauzbart tragende Chefs.
Geht: Klaus Burghard. Foto: PR
Für kaum einen deutschen Topmanager im Einzelhandel war die Karriere in der Vergangenheit derart absehbar wie für Heinz-Bert Zander. Dass der 54-Jährige im Oktober 2006 seinen Vorgänger Rainer Paas an der Spitze der Rewe Dortmund ablösen würde, hatte die Großhandlung bereits über ein Jahr zuvor angekündigt. Und auch die Montagabend verkündete Personalie, nach Zander schon bald den Aufsichtsrat des Kölner Rewe-Konzerns leiten soll, überraschte bestenfalls noch wegen des Zeitpunkts.Spätestens seit dem abrupten Abgang des Kölner Rewe-Vorstandssprechers Achim Egner war nahezu jedem in Deutschlands zweitgrößtem Handelskonzern klar: Der seit sieben Jahren an der Aufsichtsratsspitze amtierende Klaus Burghard würde sich auf längere Sicht kaum noch halten lassen. Am vergangenen Donnerstag berichteten dem Handelsblatt verschreckte Mitarbeiter: ?Zwischen Rewe-Chef Alain Caparros und dem Aufsichtsratsvorsitzenden ist es zu einem lauten Krach gekommen. Hier ist der Teufel los.? Doch noch zu diesem Zeitpunkt wiegelte Burghard ab: ?Einen Streit gibt es nicht.?

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Dabei stand Burghard, der sich nach einem Bericht der ?Wirtschaftswoche? zuletzt sogar mit dem wegen Betrügerei gefeuerten Ex-Rewe-Chef Ernst Dieter Berninghaus getroffen haben soll, seit langem schon auf wackligem Posten. Vor allem von der mächtigen Rewe Dortmund kam immer wieder Störfeuer gegen ihn. Die Ruhrgebiets-Großhandlung ist der einzige Rewe-Betrieb, der sein Gesellschafterkapital 1990 nicht in den Kölner Konzern einbrachte und deshalb an die Weisungen der Zentrale nicht gebunden ist.Entsprechend selbstbewusst tritt der seit letztem Oktober von Heinz-Bert Zander geleitete Rewe-Betrieb in Köln auf. Zusammen mit Arbeitnehmervertretern hatten seine Vorstandskollegen Rainer Paas und Willi Kramer schon vor anderthalb Jahren dafür plädiert, Burghard abzulösen. Als möglicher Nachfolger hatte sich Paas damals selbst ins Spiel bringen lassen, woraufhin der Rewe-Konzern die Altersbeschränkungen in der Satzung verschärfte ? und Paas damit einen Strich durch die Rechnung machte. Doch für Burghard blieb der Erfolg von kurzer Dauer: Jetzt soll ihn eben Paas? Nachfolger ersetzen.Dabei hatte der Rechtsanwalt und Ex-Chef der Handelsgenossenschaft ?Für Sie? vor fast genau drei Jahren einen erstaunlichen Machtkampf in der Kölner Domstraße für sich entscheiden können. Der schnauzbärtige Burghard brachte es fertig, seinen ebenfalls mit markantem Schnauzbart ausgestatteten Widersacher aus dem Konzern zu drängen: ?Mister Rewe? Hans Reischl.Jahrelang hatte der seit Mitte der 70er-Jahre amtierende Vorstandschef am Aufsichtsrat vorbei regiert. Schriftliche Sitzungsunterlagen für die Kontrolleure hielt Reischl meist für überflüssig, kritische Kommentare einzelner Rewe-Händler im Aufsichtsrat bestrafte der Vorstandsvorsitzende zuweilen damit, dass er mit scharfen Rabattaktionen in benachbarten Penny-Discountmärkten seines Konzerns konterte. ?Am Ende muckte keiner mehr?, erinnert sich ein Aufsichtsrat.Um die Mehrheit im Aufsichtsrat musste Reischl ohnehin nicht fürchten. Mehr als die Hälfte seiner Kontrolleure war abhängig von ihm, was den damals fast 65-Jährigen ? trotz der Altersgrenze ? Anfang 2004 auf eine zweijährige Vertragsverlängerung hoffen ließ. Auch Ambitionen auf den Wechsel an die Aufsichtsratsspitze wurden dem gebürtigen Bayern nachgesagt. Doch das rief Amtsinhaber Burghard auf den Plan. Ausgestattet mit einem Corporate-Governance-Rechtsgutachten kam es am 17. Februar 2004 in der Kölner Rewe-Zentrale zum Showdown. Am selben Tag noch räumte Reischl den Schreibtisch.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Auch mit Zander dürfte Caparros Probleme haben Doch der Schnäuzer als Symbol oberster Machtfülle blieb den Kölnern erhalten. Seit dem denkwürdigen Duell lief ohne den leisen Justiziar mit der Vorliebe für karierte Sakkos in dem Handelskonzern kaum noch etwas.Fatal nur, dass sich Burghard eine Panne nach der anderen leistete. Schon die Berufung von Reischls Amtsnachfolger, für die Aufsichtsratschef Burghard die Verantwortung trug, geriet zum Fiasko. Der jugendliche Hoffnungsträger Ernst Berninghaus sorgte unter Burghards Ägide zwar für mehr Transparenz und Kontrolle im Unternehmen, kam dann aber mit der Steuerfahndung und anschließend der Justiz in Konflikt. Seinen Arbeitgeber Rewe hatte der windige Vorstandssprecher wenige Jahre zuvor um mehrere Millionen Euro beim Kauf eines Internetunternehmens geprellt.Schon im Oktober 2004 übernahm ein Triumvirat aus den Vorständen Josef Sanktjohanser, Gerd Bruse und Hans Schmitz das Ruder in der Domstraße. Weil das ?Kölner Dreigestirn? (Branchenspott) aber den dringend benötigten Konzernumbau hinauszögerte, holte Burghard den Ex-Debitel-Vize Egner an die Rewe-Spitze, einen durchsetzungsstarken Manager, der freilich wenig vom Einzelhandel und noch weniger von Mitarbeiterführung verstand.Nach nur einem Jahr musste Burghard einsehen: Auch sein neuer Hoffnungsträger war eine Fehlbesetzung. Obwohl Egner den Konzern radikal umgebaut, den Vertrieb auf ein einheitliches Supermarktkonzept umgestellt und ein Einsparvolumen von 100 Millionen Euro erzielt hatte, setzte er den Manager mit einer hohen Abfindung vor die Tür. Zu viele leitende Angestellte hatten sich zuvor über Egners Führungsstil beschwert. ?Es gab schlimme persönliche Entgleisungen?, berichtet ein Aufsichtsratsmitglied.Gleichzeitig aber lähmte das ständige Nachhaken des Kölner Aufsichtsrats das operative Geschäft der Rewe. ?Die müssen sich jede neue Filiale in Russland genehmigen lassen?, lästerte erst neulich der Chef eines großen deutschen Wettbewerbers. Und auch Alain Caparros, der Egner im September an der Rewe-Spitze folgte, beschwerte sich im Kreis von Journalisten über die scharfen Kontrollen. ?Wir müssen uns stärker vom Aufsichtsrat befreien?, zürnte er.Ob ihm das unter Heinz-Bert Zander gelingt, ist ungewiss. Allein schon Rewes Discountkette Penny betrachtet Zanders Dortmunder Betrieb als unliebsamen Konkurrenten. Pennys Expansion ? vor allem im Ruhrgebiet ? versucht die abtrünnige Rewe-Großhandlung möglichst zu verhindern. Genau hier könnte sich bald schon neuer Streit abzeichnen: Discountexperte Caparros sieht gerade bei seiner Billigschiene ?deutlichen Nachholbedarf?.
Dieser Artikel ist erschienen am 15.02.2007