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Das Aus für den Purser

Von Ulrich Schnapauff
Die Deutschen überkommt die Lust auf mehr. Da darf auch schon mal ein wohlklingender Titel die Karriere anschieben. Je geschwollener er sich anhört, desto besser ist die Wirkung. Was folgt, ist der unaufhaltsame Aufstieg zum Direktor.
Mit einem Doktorhut auf dem Kopf lächelt auch Joschka Fischer gleich fröhlicher. Foto: dpa
DÜSSELDORF. Jeder Mensch, auch Sie, hat einen großen Wunsch an das Leben. Der eine möchte irgendwann einmal mit der in seiner Jugend angebeteten Schauspielerin zusammenkommen. Der andere möchte irgendwann nach Neuseeland auswandern.Wenn Sie sich wünschen, einmal einem leibhaftigen Bundeskanzler oder Nobelpreisträger die Hand zu schütteln, ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Wunsch in Erfüllung geht, soeben gestiegen. Jedenfalls, was den Nobelpreisträger angeht.

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Rein statistisch ist sogar die Wahrscheinlichkeit gewachsen, dass Sie eines Tages selbst Nobelpreisträger sind. Vorausgesetzt, Sie sind jung und klug genug, geschickt bei der Auswahl Ihres Studienfachs, ausdauernd beim Studium und dem nachfolgenden Kampf um die Tröge und findig beim Schließen von Wissenslücken.Wenn Sie dagegen auf die bequemere Variante setzen, nämlich den Titelkauf, können Sie das beim Nobelpreisträger jedenfalls vergessen. Das ist anders beim Professor und Doktor. Diese Titel kann man sich erkaufen. Man muss nur wissen wo und eine gewisse Ausdauer beim Überweisen von Geldspenden haben. (Wir lassen hier, aus Gründen der Verächtlichkeit, bitte schön alle Doktortitel außer Acht, die mit geringen Dollarüberweisungen in dubiose Länder angeschafft wurden.)
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Wenn das nicht funktioniert, weil es die Haushaltskasse nicht hergibt, so probieren Sie es mit der überfallartigen Aneignung des Titels ?Direktor?. Klingt gut, hat jetzt fast schon Kultcharakter. Auf dem Flug von New York nach Frankfurt erklärte der Mann, von dem wir gerade erst wissen, dass er Purser heißt: ?Ich bin der Direktor dieses Fluges.? Nichts da mit Purser. Direktor. Und heute schon wieder: Da verlässt, teilt die Zeitung mit, die Sprecherin eines Senators die Behörde und wird Kommunikationsdirektorin in der Wirtschaft.Direktor des Fluges, was das wohl bedeutet? Ist er auch der Chef der Piloten? Sagt er ihnen, wo sie längs fliegen müssen? Und wenn der Flug durch Landung beendet ist, ist der Mann dann kein Direktor mehr? Die Kommunikationsdirektorin, was macht die denn so? Ist die für alle Gespräche in der Firma zuständig? Darf vielleicht nur in ihrer Gegenwart kommuniziert werden? Viele Fragen und keine Ahnung.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Eine Springflut von Titeln überkommt uns Fest steht: wieder ein Direktor. Oder eine Direktorin. Die Zahl der Direktoren in unserem Land ist in letzter Zeit rasant angestiegen. Eine Springflut von Titeln überkommt uns und dringt bis in die letzten Winkel unseres Gemeinwesens vor.Früher, im älteren Deutschland, gab es Direktoren in übersichtlicher Zahl: Bankdirektoren, Programmdirektoren, auch mal einen Branddirektor. Aber wer war das schon. Ansonsten gab es, vom Geschäftsführer abgesehen, eben den Leiter, Abteilungsleiter, Ressortleiter. Oder überhaupt keine Bezeichnung: Ich bin Kaufmann, Buchhalter oder so, hieß es bescheiden. (Die Werbeagenturen mit ihren ?art directors? und anderen ?directors? lassen wir hier mal beiseite, sie sind ein Sonderfall.)Jetzt sind andere Zeiten, jetzt braucht es Titel, um sich abzuheben. Schnell und schmerzfrei (keine Kosten!). Und zwar unverbrauchte. Der Manager ? oje, wer in Deutschland war das nicht schon alles. Vom Manager gab es zu viele, er hat wegen inflationsartiger Verbreitung ausgedient. Deshalb steht jetzt an erster Stelle der ?Direktor?.Der Direktor bringt die gewünschte Höherwertigkeit. Weiterer Vorteil: Gott sei Dank prüft niemand nach, ob man denn wirklich so etwas ist wie ein Direktor.Dabei liegt der Verwendung des amerikanischen ?director? im Deutschen als Direktor viel Unkenntnis zugrunde. Der ?director? ist nichts anderes als der deutsche ?Leiter?. So gut wie nie entspricht der ?director? dem deutschen Direktor. Oder umgekehrt.Wenn Sie in ein Theater am Broadway gehen, finden Sie im Programmheft auch einen ?director?: Das ist nicht der Intendant, sondern der Regisseur. Genauso gibt es einen ?director? im Vor- oder Abspann eines Spielfilms. Das ist ebenfalls der Regisseur. Im Film taucht ein weiterer ?director? auf: der ?director of photography?. Das ist nicht der Direktor der Fotografie. Das ist ganz einfach der Kameramann.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Was machen die, die längst oben sind?Klar doch, die meisten, die sich bei uns höchstselbst in den Direktoren-Stand erhoben haben, sind nichts als Möchtegerne. Dass sie als ?Direktor? unfreiwillig in die Nähe des hohlen ?Frühstücksdirektors? geraten, schreckt sie nicht. Gier frisst Hirn.Und was machen nun die, die längst oben sind?Auch sie streben ihrerseits noch Höheres an. Das darf auch etwas schwerer und pompöser sein. Wie etwa der CEO. Klingt außerordentlich bedeutend. Deshalb haben inzwischen sogar Chefs rein deutscher Firmen für sich zum CEO gegriffen. Dabei weiß bei uns kaum einer so recht, was ein CEO ist.
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Ein Chief Executive Officer. Chief ist klar. Executive ? auch toll. Problematisch ist natürlich der Officer. Da ein Geschäftsmann nicht in die Nähe eines Offiziers kommen möchte, verwendet er nur das Kürzel.Dabei ist der Officer keineswegs ein Offizier, der Begriff kommt nicht aus der Welt des Militärs, sondern des Büros, englisch Office. Der ?press officer? ist nichts anderes als ein Mitarbeiter der Presseabteilung.CEO ist im Deutschen schlicht der Geschäftsführer. Eine nicht gerade exklusive Bezeichnung.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Auch die ganz Kleinen werden mutig Zurzeit im Anmarsch: der Titel ?Präsident?. Er rangiert über dem CEO. Im Deutschen bringt er einen auf Anhieb in die Nähe des Bundespräsidenten. Auch der Präsident kostet nichts, und auch er ist nicht geschützt. Dem ?president? entspricht etwa Vorstand, Aufsichtratsvorsitzender oder eben Präsident.Da werden bei uns auch die ganz Kleinen mutig und wollen im Theater der ganz Großen mit von der Partie sein. Schon nennt sich, auch wenn er vielleicht nur eine oder zwei Hände voll Mitarbeiter hat, der Leiter ? oder die Leiterin ? etwa einer Tierschutzorganisation mindestens Direktor oder gar Präsident. Und nichts schützt uns davor, dass der Vertreter dann auch noch zum Vizepräsidenten wird.
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Bei der Verwendung fremdsprachiger Begriffe ist eben Vorsicht geboten. Sonst kann man in eine Falle geraten. Wörter, die trügen können, eine Art Sprachfalle darstellen, nennen die Briten ?false friends? und Franzosen ?faux amis?, die falschen Freunde. Da heißt es ständig auf der Hut sein.Viele vor Zeiten begangene Schludrigkeiten haben sich unterdessen fest etabliert. An einer ganzen Reihe ist das Nachrichtenmagazin ?Spiegel? schuld, weil es den Jargon seines amerikanischen Vorbildes ?Time? übernahm. So kriegen wir Leser seit Jahrzehnten ?once more? als einmal mehr präsentiert. Und der berühmte ?Analyst? kommt auch von dort. Während der ?Spiegel? unter Umständen hinten in der Wissenschaft von Psychoanalytikern erzählt, hat er im Wirtschaftsteil die Spezies der Börsen- oder Energiemarktanalysten. Warum das? Da war wohl jemand einfach zu faul zum Übersetzen. Im Englischen gibt es den Analytiker nicht, nur den analyst. Der müsste deutsch immer als Analytiker wiedergegeben werden. Aber da ist jetzt nichts mehr zu machen.Genauso wenig wie bei den Direktoren, CEOs und Präsidenten. Die werden erst dann wieder verschwinden, wenn, für die Betroffenen ein schrecklicher Gedanke, jeder Zweite ihrer Mitbürger einen dieser Titel führt. Bis dahin müssen die Amerikaner für unsere Direktoren und Präsidenten bitte schön Ersatz gefunden haben.
Dieser Artikel ist erschienen am 25.11.2007