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Das Auf und Ab einer schillernden Profession

Von Michael Maisch, Handelsblatt
Mit üppigen Prämien und teuren Reisen werden leidgeprüfte Investmentbanker wieder umworben. Im kalten Krieg um begabte Banker etabliert sich sogar eine Art Erpresserkultur Ein Streifzug durch die Frankfurter Szene.
FRANKFURT. ?Krise, welche Krise?? Das Grinsen des jungen Bankers zieht sich von Ohr zu Ohr. Der schlanke, groß gewachsene Mann fläzt sich in den weißen Ledersessel einer Frankfurter Szenebar, nippt an seinem Milchkaffee und strahlt so viel Zufriedenheit aus, dass es fast schon unverschämt wirkt. ?Gute Leute können sich ihren Arbeitgeber im Moment fast aussuchen?, erzählt er. Die braunen Augen blitzen auf, als er zum entscheidenden Punkt kommt, ?Wenn es so gut läuft wie jetzt, dann muss man eigentlich sofort den Job wechseln, nur so treibt man seinen Marktwert nach oben.? Und genau das hat er vor. Verhandlungen mit einer angelsächsischen Bank laufen bereits, sobald der Bonusscheck für das vergangene Jahr auf dem Konto ist, will er seinem Chef die Kündigung auf den Tisch knallen.Der junge Mann verdient sein Geld für eine deutsche Bank in London im Derivategeschäft. Und wenn man ihm zuhört, könnte man meinen, die Krise im Investment-Banking habe nie stattgefunden ? die Entlassungswellen, die Hunderttausende Jobs gekostet haben, seien nur ein schlechter Traum gewesen.

Die besten Jobs von allen

Vorwärts in die Vergangenheit, scheint die neue Devise in der leidgeprüften Branche zu lauten. Kaum springt das Geschäft an, fließen schon wieder Millionengagen, reißen sich die Banken schon wieder um junge, begabte Kräfte. Gefragt sind vor allem Banker, die sich mit dem Anleihegeschäft und Derivaten auskennen, den Bereichen, in denen die Banken im vergangenen Jahr jede Menge Geld gescheffelt haben. Dagegen bleiben die einstigen Königsdisziplinen Börsengänge und Fusionen die Sorgenkinder der Branche. Trotz der Ankündigung milliardenschwerer Börsengänge und spektakulärer Übernahmekämpfe wie zwischen Sanofi und Aventis bauen die Geldhäuser ihre Kapazitäten in diesen Bereichen nur sehr vorsichtig aus. ?Wenn es um Personal geht, agieren die Geldhäuser extrem zyklisch?, erzählt ein Investmentbanker. ?Das ist wie Bulimie, erst stopft man sich voll, dann übergibt man sich, und dann geht es wieder von vorne los.?In den postmodernen Prachtbau von Morgan Stanley in den Londoner Docklands kam der Weihnachtsmann in diesem Jahr schon zwei Woche vor Heiligabend. Am 10. Dezember legte die US-Bank als erstes der großen Geldhäuser die Boni für das abgelaufene Jahr fest, und in der Europazentrale knallten in einigen Abteilungen die Champagnerkorken. Die Top-Banker im Anleihegeschäft freuten sich über Boni von bis zu sieben Millionen Euro pro Nase. Auch die Spitzenleute im Devisen- und Derivategeschäft sicherten sich derartige Ausschüttungen.?Vieles erinnert an die guten alten Zeiten. Es gibt Spitzenleute, denen bieten die Banken schon wieder Verträge mit zwei Jahren Bonusgarantie?, erzählt Claes Smith-Solbakken. Mit seinen kurz geschorenen blonden Haaren, dem blauen Sakko und den silbernen Manschettenknöpfen zum klein karierten Hemd sieht der bullige Mann aus wie der Prototyp eines Investmentbankers. Aber Smith-Solbakken geht einer ganz anderen Profession nach. Headhunter steht auf dem Messingschild der Firma, die er zusammen mit seinem Partner John Jessen in einer Seitenstraße, abseits vom quirligen Frankfurter Bankenviertel betreibt. Im Keller des unscheinbaren Altbaus hat sich ein Bridge-Club eingenistet, auf der Treppe liegt schlichtes braunes Linoleum, doch hinter der Wohnungstür im zweiten Stock werden zwischen hellem Holz und gemäßigt moderner Kunst Verträge ausgehandelt, bei denen es nicht selten um Millionen geht.?Um gute Leute kämpfen die Banken mit Klauen und Zähnen?, erzählt Smith-Solbakken. Das Lächeln wird noch eine Spur spöttischer, als er aus dem Nähkästchen plaudert. ?Wenn nach monatelangen Verhandlungen und bis zu 40 Interviews mit dem neuen Arbeitgeber der Vertrag endlich unterschrieben ist, dann geht die Party oft erst richtig los. Im Schnitt wird jeder Fünfte von seiner alten Bank wieder umgedreht.? ?Stabilisieren? nennt man das im Fachjargon der Kopfjäger.?Einige Banken haben regelrechte Drehbücher entwickelt, da wird genau geplant, wer wann mit welchem Wackelkandidaten spricht?, erzählt der Berater. ?Die Abtrünnigen werden stundenlang bearbeitet, zuerst von Freunden und Kollegen, dann werden die Vorgesetzten eingeflogen. Teilweise rufen die Banken sogar die Ehefrauen an, um Druck zu machen.?Dann sind plötzlich Dinge möglich, die vorher unmöglich schienen. Beförderungen, Gehaltserhöhungen, Statussymbole. ?Das ist natürlich verlockend, aber wenn sich ein Banker, der eigentlich schon gekündigt hat, wieder umdrehen lässt, bleibt ein schaler Nachgeschmack?, erzählt ein anderer Headhunter, der seinen Namen aber lieber nicht in der Zeitung lesen möchte. ?Im kalten Krieg um begabte Banker etabliert sich eine Art Erpresserkultur.?In diesem Krieg haben auch die Abwerber ihre Strategie perfektioniert. Smith-Solbakken berichtet von einer angelsächsischen Bank mit einer besonders gewieften Taktik. ?Der Wechselkandidat muss nach der Vertragsunterschrift sein Handy abgeben und bekommt ein neues. Gleichzeitig drückt ihm die Bank ein Flugticket nach Brasilien in die Hand, dort soll er dann nach der Kündigung für eine Woche untertauchen ? unauffindbar für alle Stabilisierungsversuche.?Doch nicht allen Bankern können Smith-Solbakken und seine Kollegen zu einem Gratistrip nach Brasilien verhelfen. Die Situation wirkt absurd. Auf der einen Seite kämpfen die Banken hart um teure Spezialisten, auf der anderen Seite stehen noch immer Tausende von Investmentbankern auf der Straße, die keiner will. Die Banken werben lieber für teures Geld Leute ab, die jeden Tag Kontakt zu Kunden haben. Das Argumente ist simpel: ?Wer nach der Krise und den Entlassungswellen seinen Job behalten hat, der muss einfach gut sein.??Für Leute, die länger aus dem Job sind, wird es mit jedem Monat schwieriger, wieder ins Spiel zu kommen?, bestätigt Smith-Solbakken. Letztlich gelten für die hoch bezahlten Kapitalmarktprofis die gleichen Regeln wie für den kleinen Filialbanker um die Ecke: ?Wer über 40 ist, hat kaum mehr eine Chance?, sagt der Personalberater ?Das sind teilweise grausame Schicksale, viele hatten sich an einen sehr aufwendigen Stil gewöhnt, Luxuswohnungen, teure Autos, hervorragende Schulen für die Kinder, jetzt müssen sie ihren Lebenswandel komplett umkrempeln.?Den jungen Investmentbanker in der Frankfurter Szenebar ficht das alles nicht an. Mitleid mit seinen weniger glücklichen Ex-Kollegen kennt er nicht: ?Wer jahrelang die Früchte eines knallharten Kapitalismus geerntet hat, der muss auch bereit sein, den Preis dafür zu zahlen?, meint er. ?Wer weiß, vielleicht beginnt ja in einem Jahr die große Entlassungswelle in meinem Bereich, man darf nicht zimperlich sein.?Aber noch steht er auf der Gewinnerseite, und das will er ausnutzen. Angst vor der Kündigung und vor Stabilisierungsversuchen hat er nicht. ?Man muss cool bleiben, es wäre ja schlimm, wenn die einen einfach so ziehen lassen würden?, sagt er und grinst breit.Smith-Solbakken ist sich da nicht ganz so sicher. ?Die erste Kündigung ist immer die schwierigste, da ist der emotionale Druck am größten.? Der Headhunter weiß, wovon er spricht. Schließlich hat er selbst seine Karriere als Investmentbanker gestartet. Das war 1990 bei Salomon Brothers in New York. Danach arbeitete er für die Citigroup, Lehman Brothers, Sumitomo und UBS. Mit so viel Kündigungserfahrung hat er jede Menge gute Ratschläge für seinen jungen Kollegen parat: ?Die kritischste Phase sind 48 Stunden nach der Kündigung, dann muss man sich an drei Regeln halten: Nie den neuen Arbeitgeber nennen, nie das neue Gehalt angeben und auf keinen Fall in die Zentrale nach London oder New York fliegen.?
Dieser Artikel ist erschienen am 29.01.2004