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Das argentinische Ego kraulen

Von Anne Grüttner
Die Argentinier lieben ihr Land und sich selbst sehr. Wer nach Buenos Aires reist und Sympathien gewinnen will, sollte sich daher mit Kritik zurückhalten und Lobenswertes finden. Fußball zieht immer. Und Maradona sowieso.
Fußball ist immer ein gutes Thema: Argentinische Fußballfans in Buenos Aires. Foto: dpa
BUENOS AIRES. Jedes Land hat seine sensiblen Saiten, seine Komplexe, die man möglichst nicht oder nur in speziellen Zusammenhängen anrühren sollte. Wer im Gespräch mit Geschäftspartnern oder überhaupt mit Einheimischen ein bisschen lockere Stimmung erzeugen will, sollte diese Komplexe kennen. Und natürlich auch die Lieblingsthemen.Die Bewohner von Entwicklungsländern haben oftmals gewisse Komplexe wegen ihrer relativen Armut und Unterentwicklung. Ihr nationales Selbstbewusstsein speist sich aus anderen Dingen. Das kann etwa Fußball sein. Oder berühmte Persönlichkeiten. Oder auch eine glorreiche Vergangenheit. Oder alles zusammen, wie im Fall Argentinien.

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Den Argentiniern tut es besonders gut, wenn man über solche positiven Aspekte spricht und somit ihr Ego krault. Denn insgeheim halten sich viele von ihnen für die Besten überhaupt.Insbesondere die Bewohner der Hauptstadt Buenos Aires sind berühmt-berüchtigt für ihr großes Selbstbewusstsein. Und das zu Recht. Nirgendwo sonst in Südamerika klafft zwischen der globalen Wichtigkeit und dem Entwicklungstand einerseits sowie dem generellen Selbstbewußtsein der Bevölkerung andererseits eine größere Lücke als in Buenos Aires. Es gibt viele Witze darüber, die auch Argentinier gern erzählen. Ein Witz geht so: Was ist das beste Geschäft der Welt? Ganz einfach, man muss einen Argentinier zu dem Preis kaufen, den er wert ist und ihn dann zu dem Preis wieder verkaufen, den er selbst meint wert zu sein. Ein weiterer Witz lautet: Was ist die häufigste Todesursache in Buenos Aires? Das jemand sich von seinem Ego runtergestürzt hat.Die Argentinier können gut über sich lachen, sie haben einen Sinn für Ironie. Sie hassen aber nichts mehr als wenn man auf sie herabschaut. Wer Scherze erzählen will, sollte sich vorsichtshalber auf andere Nationen oder auf Nationalitäten-neutrale Themen beschränken. Witze über die Nordamerikaner, gern auch beißende, kommen immer gut an. Das gleiche gilt für Chile. Oder natürlich für die Engländer.Was die Engländer angeht, so sollten europäische Besucher besondere Vorsicht walten lassen. Der Konflikt um die Falkland-Inseln, der Anfang der 80er Jahre zu einem Krieg zwischen England und Argentinien führte, ist sehr präsent in Argentinien. Wenn sich das Thema absolut nicht umgehen läßt, sollte man das Wort "Falkland" auf jeden Fall vermeiden und stattdessen die argentinische Bezeichnung "Malvinas" benutzen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Sagen Sie "kreativ" statt "chaotisch"Die Portenos, wie die Haupstädtler genannt werden, finden sich kulturell und überhaupt ziemlich einmalig. Deshalb sind sie fest davon überzeugt, dass die Welt eine feste Meinung von ihnen haben muss. Und es interessiert sie brennend, wie diese Meinung ausfällt. Besucher werden garantiert irgendwann gefragt, wie die Deutschen eigentlich Argentinien so sehen, was die Deutschen von diesem oder jenen Ereignis in Argentinien halten oder wie man selbst das Land und seine Leute findet.Hier ist Feingefühl geboten. Auf keinen Fall sollte man versuchen, sich mit einem Kommentar wie diesem aus der Sache herauszuwinden: "Die meisten Deutschen kennen Argentinien nicht und haben deshalb auch keine Meinung dazu." Ganz schlecht! Die Argentinier wollen Stars sein, im guten oder notfalls auch im schlechten Sinne. Unwichtig und unbeachtet zu sein ist die größte Strafe.Die Portenos hören Kritik in der Regel durchaus freundlich an. Annehmen können sie die Kritik aber nur dann, wenn sie sehr diplomatisch, ja geradezu liebevoll formuliert ist. Die Argentinier selbst haben eine große Gabe darin, kritische Bemerkungen über andere so einzupacken, dass man die Kritik gar nicht spürt.Dabei sollte man vor allem auf die Adjektive achten. Statt "chaotisch" beispielsweise ist "kreativ" vorzuziehen. Statt über den Mangel an genauem Fachwissen etwa bei Klempnern, Maurern oder sonstigen Handwerkern zu schimpfen, sollte man besser das gut ausgeprägte Improvisationstalent loben.Am sichersten ist das Thema Fußball. Da ist eigentlich alles erlaubt, man findet in fast jedem Gegenüber einen technisch versiehrten Gesprächspartner und kann sich auf hohem Niveau und relativ emotionslos unterhalten. Es gibt allerdings eine Ausnahme: Maradona. Der ist eigentlich das beste Thema überhaupt, um dem Gegenüber ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern. Wer sich vorbereiten will, sollte sich im Internet die letzten Nachrichten über Maradona durchlesen, um mit dem ein oder anderen Stichwort Punkte sammeln zu können. Aber im Fall Maradona ist Kritik absolut nicht erlaubt. Ein schlechtes Wort über den argentinischen Gott, und die gute Stimmung ist hinüber.
Dieser Artikel ist erschienen am 10.07.2006