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Das andere Gesicht des Jobkillers

Von Helmut Steuer
Olli-Pekka Kallasvuo muss die größte Herausforderung seiner Karriere bei Nokia meistern: Der Chef des weltgrößten Handyherstellers steht am Pranger, weil er das Werk in Bochum schließen lässt. Am Donnerstag auf der Bilanzpressekonferenz präsentiert er sich weder kalt noch skrupellos. Er entschuldigt sich.
Nokia Olli-Pekka Kallasvuo. Foto: ap
ESPOO. Ein "Jobkiller" sei er, "unanständig" und "kalt". Ein Ungeheuer halt und dazu noch "skrupellos" und ein "fieser Kapitalist", dem die Rendite wichtiger ist als das Schicksal Tausender Menschen.Da ist er nun, Olli-Pekka Kallasvuo, der gescholtene Chef des weltgrößten Handyherstellers Nokia.

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Ein leicht verunsicherter Blick in das Auditorium, ein gequältes Lächeln und dann mit geradem Schritt zur Podiumsmitte. "Ladies and gentlemen", begrüßt er die etwa 100 Journalisten, die sich herzlich wenig für die nun folgende Präsentation der Jahresbilanz des Handyriesen interessieren.Doch OP, wie der 54-Jährige von seinen Mitarbeitern am Hauptsitz von Nokia in Espoo bei Helsinki genannt wird, meistert die Aufgabe. Der immer ein wenig spröde, manchmal gehemmt wirkende Nokia -Chef weiß natürlich ganz genau, warum sich gerade in diesem Jahr so viele, vornehmlich deutsche Journalisten auf den Weg ins entfernte Espoo gemacht haben: Bochum und Boykott - das ist der Stoff, mit dem sich seit über einer Woche Seiten und Sendungen füllen lassen.Und nun hoffen alle, der ruhige Finne mit den schmalen Lippen würde etwas Neues, etwas Substanzielles, vielleicht Sensationelles sagen. Doch aus seinem Munde kommen in der Sache keine Rückzieher oder große Neuigkeiten - das Bochumer Werk mit den 2 300 Mitarbeitern wird geschlossen. "Aber wir bemühen uns um eine für alle faire und akzeptable Lösung."Der Jurist Kallasvuo weiß genau, dass er nun nach etlichen Kommunikationspannen in seinem Konzern sehr überlegt agieren muss. Keine falschen Hoffnungen wecken, aber gleichzeitig nicht kalt wirken. "Ich glaube, wir waren von der Reaktion überrascht", sagt er dem Handelsblatt vor drei Tagen am Stammsitz in Espoo zu den massiven Protesten von Gewerkschaften und Politikern. "Wir wollten das nicht so. Nein, ich muss sagen, wir hätten das viel besser machen können", räumt er ein.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Dass die Reaktionen ihm nahe gegangen sind, sieht man ihm anMan nimmt ihm ab, dass die Verzweiflung der Betroffenen in Bochum, die Reaktionen in Deutschland auf die "Subventionsheuschrecke", die Boykott-Aufrufe - das ihm das alles sehr nahe gegangen ist. Auch die Urteile von Experten wie Pasi Väisänen von der Glitnir Bank in Helsinki. Der sagt: "Nokia hat sich die Entscheidung sicherlich gut überlegt, aber die Reaktionen völlig unterschätzt."Natürlich versucht sich der oberste Nokia -Chef in Schadensbegrenzung nach der für einen Kommunikationskonzern extrem schlechten Öffentlichkeitsarbeit. Doch Kallasvuos Blick verrät ehrliches Engagement, auch wenn er sagt: "Wir suchen für Bochum nach innovativen Lösungen." Welche? Man führe Gespräche mit Stadt und Land.Es ist der "Nokia Way", den der Vater zweier Söhne schnellstens wieder einschlagen will: "Respekt vor dem Einzelnen, Fairness und offene Kommunikation sind bei Nokia gelebte Werte". So steht es auf der Homepage des größten Handybauers der Welt. Die Bochumer Mitarbeiter werden diese Aussage als blanken Hohn empfunden haben, erfuhren doch viele von dem Stilllegungsbeschluss erst durch die Presse.Nun steht Kallasvuo vor seiner größten Herausforderung. Er muss die Balance meistern zwischen extremer Genugtuung über noch ein Rekordergebnis und der ehrlichen Anteilnahme an dem Schicksal Tausender Nokia -Mitarbeiter, ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Er geht an das Problem auf seine Art heran: finnisch pragmatisch, ein wenig schüchtern, aber klar in der Sache. Bochum sei wegen der Kostenlage nicht mehr konkurrenzfähig, zumal sich die Zulieferer nicht in Bochum niederlassen wollten. Und dann kommt er noch auf die Boykott-Aktionen zu sprechen. Er "respektiere" sie. Verstehen? - Nein, das könne er eigentlich nicht, denn es gäbe kein in Deutschland hergestelltes Handy, nachdem BenQ pleite sei und Motorola seine Produktion in Flensburg eingestellt habe. Und wenn man denn partout ein Handy mit einem deutschen Anteil haben möchte, müsste es doch ein Nokia -Gerät sein. Immerhin unterhält der Konzern seine wichtige Handyforschungs- und -entwicklungsabteilung in Ulm. "Als einziger Handyproduzent der Welt", unterstreicht er.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Analysten hielten die Schuhe des Vorgängers für viel zu großFür Kallasvuo, der im Sommer 2006 die Nachfolge des charismatischen Jorma Ollila antrat, ist es die erste richtige Herausforderung. Dabei waren auch die ersten anderthalb Jahre an der Spitze des Konzerns nicht ohne. Denn Analysten hielten zunächst Ollilas Schuhe für viel zu groß für Kallasvuo.Sie irrten. Der zurückhaltende, sympathische Finne kündigte kurz nach seinem Start an der Konzernspitze des mit Abstand wichtigsten und größten Unternehmens des Landes an, dass Nokia sein Angebot verbreitern und sich mehr auf das Internet einstellen müsse. Er kaufte mit Gate 5 und Navteq Firmen, die digitale Karten und Navigationssoftware entwickeln, mit Loudeye einen Entwickler von Download-Plattformen und mit Enpocket einen Spezialisten für mobile Werbung. "Wir sind ein Internetunternehmen", sagt er. Die Stockholmer Telekomanalystin Helena Nordman-Knutson bescheinigt ihm einen "guten Riecher für Trends".Die Ideen für seine Zukäufe sind aber nicht nur in seinem eigenen Kopf entstanden. "In dieser Branche plant man langfristig", sagt Nordman-Knutson. Anders ausgedrückt: Kallasvuo, der mit Unterbrechungen seit 1980 bei Nokia arbeitet, hat von den Visionen seines Vorgängers und Förderers Ollila profitiert.Es wäre aber ganz falsch anzunehmen, dass Kallasvuo nur Befehlsempfänger des immer noch agierenden Nokia -Aufsichtsratschef Ollila sei. Er will kein Abbild seines Vorgängers sein. Im Übrigen habe sich auch die Zeit verändert, sagen Experten: Hießen früher die ärgsten Konkurrenten Motorola, Sony -Ericsson und Samsung, kämpft Nokia heute gegen Apple, Canon, Dell und Google.Momentan heißen Kallasvuos größte Widersacher aber Bochum und Boykott. Kein leichtes Match für den passionierten Tennisspieler, er weiß das. In Espoo sah man gestern einen Mann, auf den Attribute wie kalt und skrupellos wenig passen und der sich in aller Form entschuldigte "für die Art und Weise, wie wir die Schließung des Werks in Bochum vermittelt haben".
Olli-Pekka Kallasvuo1953: Am 13. Juli wird er in Lavia in Süd-Westfinnland geboren.1980: Nach dem Jura-Studium arbeitet Olli-Pekka Kallasvuo bei der Union Bank of Finland und wechselt dann in die Rechtsabteilung des damals recht bunten Mischkonzerns Nokia.1992: Er arbeitet als Finanzchef beim Umbau des Konzerns zum Telekomriesen mit.1997: Er leitet die Nokia -Tochter in den USA. Zwei Jahre später wird er wieder Finanzchef in Helsinki.2004: Kallasvuo wird Chef der Handysparte und führt sie nach Design-Flops aus der Krise.2006: Er steigt am 1. Juni zum Chef des Nokia -Konzerns auf.
Dieser Artikel ist erschienen am 25.01.2008