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Das andere Amerika

Martin Roos
Unendliche Weiten, riesige Seen und Wälder und Städte der Superlative. Das zweitgrößte Land der Welt lässt keinerlei Gefühl der Beschränktheit und der Enge aufkommen - vor allem nicht der geistigen. Wer als Deutscher in Kanada arbeiten will, hat Chancen, wenn er gut ausgebildet ist, Englisch und Französisch spricht und den Willen hat, fleißiger zu arbeiten als die "Ahörnchen".<
Seine Wurzeln nicht unbedingt kappen müssen und doch die Sehnsucht nach der Ferne und dem Fremden stillen - das ist Kanada: europäischer als die USA, freier als Europa und weit weg wie der Orient. In internationalen Umfragen über Faszination und Attraktivität unter Touristen und Auswanderern liegt Kanada regelmäßig vorn. Auch in puncto Lebensqualität (Lebenserwartung, Bildung, Gesundheit, reale Kaufkraft pro Kopf) gehören die Nordamerikaner in der Statistik der Vereinten Nationen stets zu den Besten - zuletzt belegten sie Platz vier weltweit.

Ethnische Vielfalt
Kanada, das Land des Ahorns, ist ein klassisches Einwanderungsland. Etwa 250.000 Menschen aus aller Welt werden pro Jahr aufgenommen - davon bisher aber nur tausend Deutsche. Über die Hälfte der Einwanderer sind Skilled Workers, also Arbeitnehmer, die aufgrund ihrer eigenen Leistung und ohne Unterstützung durch Sponsoren nach Kanada einwandern. Sie alle mischen den Nationenmix jedes Jahr neu auf und bereichern - neben dem ethnischen Schatz (allein 600 Indianerstämme und 30.000 Eskimos leben im Norden Amerikas) - die kulturelle Vielfalt des Landes. Dass die aktuelle Miss Universum eine Kanadierin ist, die ursprünglich aus Russland kommt, muss niemanden verwundern.
Mit einer Fläche von fast zehn Millionen Quadratkilometern ist Kanada nach Russland das zweitgrößte Land der Erde - und dabei leben hier gerade mal so viel Menschen wie in Bayern, Berlin und Nordrhein-Westfalen zusammen: zurzeit 32,5 Millionen. Fast 80 Prozent der Bevölkerung wohnt in den Städten. Die größte ist die Hafenstadt Toronto mit fünf Millionen Einwohnern. Montreal (3,5 Millionen) ist die Handelsmetropole des Landes, Ottawa (1,1 Millionen) die Hauptstadt.


Bilinguale Fachkräfte gesucht
Über zwei Drittel der "Ahörnchen" arbeiten als Dienstleister, der überwiegende Rest in der industriellen Fertigung (Grafik S. 19). Kanadas Konjunkturlokomotive ist zwar der Bausektor, das größte Wachstum der nächsten Jahre erwarten die Arbeitsmarktexperten jedoch im Bergbau und bei jungen Unternehmen, die sich mit Bio-, Nano- oder Medizintechnologie sowie mit alternativer Stromerzeugung befassen.
Am häufigsten suchen die kanadischen Arbeitgeber gut ausgebildete Handwerker, Ingenieure, Techniker, Mediziner und Fachkräfte aus dem Gesundheitswesen. Auf großer Werbetour reisten erst vor wenigen Wochen zehn Unternehmer aus der Provinz Alberta durch Europa: 800 Jobs haben sie zu verteilen - Handwerker (Dachdecker, Elektriker, Maschinenschlosser, Tischler) sowie Akademiker (Geologen, -chemiker, -physiker, Bauingenieure und -techniker) für die Maschinenindustrie, das Baugewerbe und für die Holz verarbeitende Industrie. Voraussetzungen: unter 45 Jahre alt und gutes Schulenglisch. Wer nicht nach Alberta möchte, sollte neben Englisch auch Französisch beherrschen (in der Provinz Quebec wird Französisch gesprochen) und mehrere Jahre Berufserfahrung auf dem Buckel haben. Nur die IT-Spezialisten haben es auch in Kanada einen Tick besser: Sie werden in der Regel mit offenen Armen empfangen, da sie dort, wie in den meisten anderen Ländern auch, Mangelware sind. Durch vereinfachte Einreisebestimmungen erhalten ITler häufig innerhalb von sechs Wochen ihr Visum.


Besser sein als ein Kanadier
Jeder ausländische Bewerber sollte jedoch wissen, dass es nicht einfach ist, in Kanada an eine feste Stelle zu kommen. Der mögliche Arbeitgeber muss nachweisen können, dass er keinen Kanadier findet, der diese Arbeit erledigen könnte. Der Deutsch-Kanadischen Handelskammer in Toronto zufolge ist es oft schwer, einen solchen Nachweis hieb- und stichfest vorzulegen (die Ausbildung und Hochschulen in Kanada gelten als sehr gut, im legendären Pisa-Test lag Kanada auf den vorderen Plätzen). Für viele Unternehmen ist das zu aufwändig, und so schrecken die meisten davor zurück.


Deutsche entsenden selten
Das gilt auch für die etwa 650 deutschen Firmen (mit 1.600 Filialen) im Osten und Westen des Landes - darunter große wie Daimler-Chrysler, Siemens, ThyssenKrupp, Bayer, Robert Bosch und Degussa. Ein Weg wäre, von Deutschland entsandt zu werden. Wer sich bei Siemens bewirbt, um schnell nach Kanada geschickt zu werden, sollte sich keine großen Hoffnungen machen. "Die Chance ist nicht sehr groß", sagen die Personaler bei Siemens in München. Ein Grund: Der "Intercompany Transfer" ist vielen deutschen Unternehmen zu teuer (Umzugskosten, Wohnungsbeschaffung), so dass sie lieber direkt auf Fachkräfte vor Ort zugreifen. Dennoch kann es sich lohnen, sich bei den weltweit agierenden Jobbörsen oder den internationalen Stellenmärkten in Fachzeitschriften zu informieren und auf eigene Faust sein Bewerberglück in Kanada zu versuchen.

Befristete Visa im Trend
Da der "Direkteinstieg ins Land" für viele schwierig ist, geht der Trend zum Typus "Bewerber mit befristeter Arbeitsgenehmigung" - für ein Praktikum oder einen Saisonjob. So werden immer Arbeitskräfte in den Wintersportorten der Rocky Mountains, beim Fischfang in Neufundland oder bei der Tabakernte in British Columbia gesucht. Aber auch im Gastronomiegewerbe besteht vor allem in den Metropolen Nachfrage.
Wer jedoch nach Kanada kommt, um das große Geld zu machen, sollte lieber daheim bleiben. Die Gehälter liegen deutlich unter dem europäischen Durchschnitt. Dafür sind aber die Sozialabgaben viel niedriger, und in manchen Regionen auch die Lebenshaltungskosten: an der Atlantikküste im Osten ist es etwas preiswerter als im südlichen Ontario oder im Westen des Landes. Wer in einer WG wohnt, kommt häufig billiger weg als in einem Wohnheim, das sich oft als Halbpension versteht. Und wer nur ein paar Monate bleibt, sollte im Budget unbedingt das Reisen eingeplant haben. Denn das ist in Kanada immer noch das Größte.

Dieser Artikel ist erschienen am 28.07.2005