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Damit der Job nicht zur Qual wird

Von Julia Leendertse
Was ist die beste Versicherung, um möglichst lange fit fürs Berufsleben zu bleiben? Ergonomische Bürostühle, auf Herzkranke abgestimmtes Kantinenessen und kostenlose Massagen in der Mittagspause ? schön und gut. Entscheidend für die Jobfitness ist aber letztlich nur eines: ein Chef, der seine Mitarbeiter die Arbeit selbst einteilen lässt.
Gemeinsame Aktivitäten, Erholungspausen und ein verständnisvoller Chef sorgen für leistungsfähige Mitarbeiter. Foto: dpa
DÜSSELDORF.Individuell bestimmen zu können, wann man was erledigt, in welcher Reihenfolge und mit welcher Arbeitsmethode, wirkt auf Mitarbeiter nicht nur motivierend ? es hält sie auch länger jung und leistungsfähig. Das fand der finnische Arbeitswissenschaftler Juhani Ilmarinen bei Langzeituntersuchungen von Arbeitnehmern in Werkshallen, Busunternehmen und Büros heraus. Der Leiter des Finnischen Instituts für Arbeitsmedizin in Helsinki konnte sogar empirisch nachweisen: Der einzige Faktor, der die Arbeitsfähigkeit von Mitarbeitern signifikant verlängert, ist gute Mitarbeiterführung. Führungskräfte mit gesundem Menschenverstand müssen sich ihre Leute genau angucken, mit ihnen reden ? damit sie helfen können, wenn einmal Probleme auftauchen.Mehr noch. Die Studie Gesundheitsmanagement des Bonner Marktforschers EuPD-Research zusammen mit der European Business School, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt, ergab: 90 Prozent der Gesundheitsmanager und Betriebsärzte von Deutschlands 500 größten Arbeitgebern glauben: Individuelle Leistungseinschränkungen zu akzeptieren ist der beste Weg, um Fehlzeiten in der Belegschaft zu reduzieren.

Die besten Jobs von allen

Doch gerade deutsche Manager tun sich offensichtlich schwer damit, ihren Mitarbeitern den notwendigen Freiraum einzuräumen, ihre Arbeit der individuellen Leistungsfähigkeit entsprechend zu regulieren.In deutschen Unternehmen galt lange Zeit: Wer zur Arbeit kommt, muss 100 Prozent funktionieren. Im Job ist für Leistungsschwankungen oder Unpässlichkeiten nun mal kein Platz. Die Konsequenz: In kaum einem anderen Land Europas fallen Arbeitnehmer über 45 Jahren so oft wegen Krankheit aus wie in Deutschland oder berichten, dass ihnen ihr Job wegen einer chronischen Krankheit viel schwerer fällt als früher. Das belegt eine europaweite Benchmarkstudie des Arbeitswissenschaftlers Ilmarinen über den Umgang mit Mitarbeitern über 45 Jahre. Ähnlich schlecht schneidet nur noch Österreich ab.Wat mutt, dat mutt. Ganz oder gar nicht. Wir braten keine Extrawürste ? von dieser kategorischen Arbeitsmoral werden sich Manager jedoch verabschieden müssen. ?In Zukunft werden sich die Unternehmen nicht so sehr um die Fehlzeiten kümmern müssen als vielmehr um die anwesenden Mitarbeiter?, prognostiziert Oliver-Timo Henssler, Projektleiter bei EuPD. Der Grund: Nicht mehr so sehr die Abwesenheit der Mitarbeiter ? der Absentismus ? bereitet den Gesundheitsmanagern Kopfschmerzen, sondern der so genannte Präsentismus: Kranke Mitarbeiter schleppen sich zur Arbeit, bloß um Präsenz zu zeigen und ihre Karriere oder Stelle nicht zu gefährden. Der Arbeitnehmer ist zwar anwesend, aber unproduktiv und extrem anfällig für Fehler. Eine Umfrage des Online-Stellenmarkts Step-Stone unter 10 000 Deutschen bestätigte jetzt: 41 Prozent der Befragten gehen zur Arbeit ? egal, wie angeschlagen sie sind.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Fast 80 Prozent der Unternehmen wissen nicht, wo die Stressquellen im Betrieb genau sitzen?Andreas Zober, Leiter des werksärztlichen Dienstes beim Chemiekonzern BASF bringt es auf den Punkt: ?Der Krankenstand spielt in unserer Industrie als Kennzahl eigentlich keine Rolle mehr, da die Quote sehr niedrig ist. Wir befinden uns derzeit in Deutschland in einem historischen Tief, was Arbeitsfehlzeiten angeht.? Das einzige Mittel, um Präsentismus zu bekämpfen, ist das Gespräch mit dem Mitarbeiter. 57 Prozent der von EuPD befragten Gesundheitsmanager lassen deshalb regelmäßig Personalgespräche und Befragungen durchführen, um die Leistung und Arbeitszufriedenheit ihrer Mitarbeiter zu bewerten. Auch der Medienkonzern Bertelsmann fand bei einer solchen Mitarbeiterbefragung heraus: Wer seinen Leuten konsequent Freiheiten einräumt, fördert damit gleichzeitig ihr Wohlbefinden.Was die Angestellten im Tagesgeschäft am meisten stresst und deshalb vielleicht langfristig krank machen könnte, sollen die Führungskräfte in Gesprächen herausfinden. Aber: ?Fast 80 Prozent der Unternehmen wissen noch nicht einmal, wo die Stressquellen im Betrieb genau sitzen?, urteilt Carola Kleinschmidt, Autorin des Buches ?Bevor der Job krank macht? (Kösel-Verlag, 2007).Schon Kleinigkeiten können älteren Mitarbeitern den Job zur Hölle werden lassen. ?In einem Personalgespräch fand ein Handelsunternehmen kürzlich heraus: Seine 48-jährige Vorstandsassistentin war wochenlang ausgefallen, schlicht weil sie mit dem elektronischen Terminplaner des Führungsteams nicht zurechtkam?, berichtet Jan-Tibor Lelley, Fachanwalt für Arbeitsrecht bei der Kanzlei Buse Heberer Fromm in Essen. ?Die Frau beherrschte durchaus ihren Job, hatte aber auf einmal an Boden verloren ? nur weil sie keine ausreichende Schulung in dem Computerprogramm erhalten hatte?, so Lelley. Das Problem war schnell behoben. Ihr Chef sorgte dafür, dass sie eine Softwareschulung bekam.
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?Neben Weiterbildung gehören vor allem ausreichende Erholungszeiten zu den effektivsten Instrumenten, um die Leistungsfähigkeit von Mitarbeitern langfristig zu sichern?, so Gesundheitsexperte Henssler. Und ein Quäntchen mehr gegenseitige Fürsorge. Um die zu beleben, startet BASF regelmäßig gemeinschaftsfördernde Gesundheitsinitiativen. Etwa die Aktion ?Weg mit dem Speck?, bei der rund 750 normalgewichtige Mitarbeiter über 1 300 übergewichtigen Kollegen beim Abnehmen halfen ? durch mentale Unterstützung oder gemeinsamen Sport. Immerhin: Bei 658 Übergewichtigen schlug die kollegiale Betreuung an: Sie nahmen im Schnitt 7,1 Kilo ab. ?Am gesamten Standort Ludwigshafen wurden so fünf Tonnen Fett abgebaut?, vermeldete anschließend der Chemiekonzern.Die Mitarbeiter eines Werks gingen sogar vor und nach der Aktion zusammen auf eine LKW-Waage, um den Erfolg gemeinsam zu feiern. ?Mit den alternden Belegschaften werden Hilfeleistungen unter Kollegen wieder in Mode kommen?, so Henssler. ?Einfach weil jeder im Betrieb dann öfter mal zum Arzt muss und schwächere Momente selbst erfährt.? Und noch etwas werden sich Manager angewöhnen müssen, glaubt man Ilmarinen: Die gemeinsame Kaffeepause mit ihren Mitarbeitern am Morgen, um abzustimmen, wer heute wie fit ist und welche Aufgaben erledigen kann.
Dieser Artikel ist erschienen am 17.04.2007