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Daimlers neuer Stern

Von Josef Hofmann, Handelsblatt
Als künftiger Mercedes-Chef muss Wolfgang Bernhard das Herzstück des Daimler-Chrysler-Konzerns sichern.
FRANKFURT/M. Doch auf den 43-jährigen Manager wartet eine andere, bedeutend aufregendere Aufgabe im Rampenlicht: Der amtierende Chrysler-Vize wird spätestens im April nächsten Jahres Chef einer der weltweit wertvollsten Automobilmarken ? er wird neuer Mister Mercedes, der neue Herr der Sterne. Die Fußstapfen seines eher zurückhaltend agierenden Vorgängers Jürgen Hubbert, der mit 65 in Rente gehen wird, sind groß. Bernhard wird daher seinen eigenen Weg gehen müssen. Und es gibt kaum jemanden, der ihm das nicht zutraut.In den vergangenen Monaten ist es ihm gelungen, selbst die Zweifel der Arbeitnehmervertreter zu beseitigen. Dem einst als rücksichtslosen Kostenkiller verschrieenen Dynamiker werden auch von Gewerkschaftsseite unverhohlen Sympathien entgegengebracht: ?An seinen Fähigkeiten zweifelt niemand?, heißt es aus dem Aufsichtsrat. Aus der Finanzbranche kommt ebenfalls Lob, obwohl die Chrysler-Sanierung in Bernhards Ägide keinesfalls so erfolgreich war wie geplant. ?Sehr fähig und der aufgehende Stern in der jungen Daimler-Chrysler-Führungsriege?, jubilieren Analysten der Commerzbank in London.

Die besten Jobs von allen

Bereits Mitte des Jahres dürfte der smarte Automobilmanager vom Detroit River nach Stuttgart umziehen. Bernhard muss dabei mehr wechseln als nur die Adresse. Er muss seine gesamte Perspektive ändern ? obwohl er im gleichen Konzern bleibt. Seit dem Jahr 2000 war er an der Seite von Chrysler-Chef Dieter Zetsche verantwortlich für das operative Geschäft des amerikanischen Konzern-Sorgenkinds Chrysler, das am finanziellen Tropf von Mercedes hängt. Gefragt waren in erster Linie seine Qualitäten als konsequenter Sanierer. In seinem neuen Job bei Mercedes geht es um etwas ganz anderes. Die Marke ist kein Sanierungsfall, im Gegenteil. Hubbert hat es in den vergangenen Jahren geschafft, die Modellpalette in alle Richtungen ? vom Golf-Konkurrenten A-Klasse über Geländefahrzeuge bis zum Supersportwagen ? aufzufächern, ohne den Premiumcharakter der Marke zu schädigen. Die Mercedes Car-Group, zu der außer der Kernmarke noch die Marken Smart und Maybach gehören, liefert konstant mehr als die Hälfte des Konzerngewinns von Daimler-Chrysler.Diese Basis zu stabilisieren wird bald eine der Hauptaufgaben Bernhards sein. Seinen bisher unbändigen Vorwärtsdrang beim US-Autokonzern wird er gegen eine Strategie eintauschen müssen, die im Fußball als ?kontrollierte Offensive? bezeichnet wird. Das Erreichte abzusichern ist bei Mercedes genauso wichtig, wie neues Terrain zu erobern. Denn der alles überstrahlende Glanz des Sterns droht etwas zu verblassen. Jüngste Pannenstatistiken sehen Mercedes bei der Zuverlässigkeit längst nicht mehr auf der Spitzenposition, die Kunden fangen an zu murren. Doch die Zuverlässigkeit ist der Kern der Mercedes-Markenidentität. Nur wenn die Qualität stimmt, honorieren die Kunden die technologischen Innovationen.Schützen muss der große und charmante Bernhard auch den Mercedes-Anspruch auf Exklusivität ? und das ausgerechnet gegen seinen bisherigen Chef Dieter Zetsche. Gemeinsam mit ihm trat er bislang als Bittsteller bei Mercedes-Boss Hubbert auf. Um der Marke Chrysler schnell auf die Sprünge zu helfen, wollten sich Zetsche und Bernhard möglichst ungehemmt im Mercedes-Regal bedienen. Doch mit Ausnahme des Chrysler-Roadsters Crossfire, bei dem viele Teile aus dem Mercedes-Bruder SLK stammen, zeigte sich Mercedes-Chef Hubbert wenig freigiebig. Bernhard dürfte es künftig schwer fallen, ähnlich hart gegenüber seinem Nachfolger bei Chrysler aufzutreten.Doch gerade sein Verhalten in dieser Frage wird von der eingeschworenen Mercedes-Gemeinde in Stuttgart genauestens beobachtet werden. Dort wird, wenn auch hinter vorgehaltener Hand, die Kritik immer lauter, durch die Chrysler-Misere um die Früchte des eigenen Erfolgs gebracht zu werden.Über einen Punkt muss sich die Mercedes-Belegschaft aber keine Gedanken machen. Trotz aller Unterschiede zwischen Hubbert und Bernhard steht auch beim neuen Chef immer die Faszination für das Produkt selbst im Mittelpunkt. Bernhard ist das, was die Amerikaner einen ?car-guy?, einen Autoverrückten, nennen. Zur Höchstform läuft der in fast jeder Situation Fernsehtaugliche auf, wenn es um automobile Höchstleistungen geht. Als er in diesem Januar auf der Detroit Motor Show in elegantem Schwarz den Prototypen eines Chrysler-Supersportwagens mit 850 PS und 12 Zylindern präsentierte, stand kindliche Begeisterung in seinem Gesicht. Und er pries ihn als ?neues Kapitel in der Sportwagengeschichte?.Mit Begeisterung und sportlichem Ehrgeiz wird Bernhard auch den Chefposten von Mercedes antreten. Bei null muss er in Stuttgart nicht anfangen. Denn die Strukturen des Unternehmens kennt er spätestens, seit er als früherer McKinsey-Berater bei Mercedes das Projekt ?Kostenersparnisse und Erhöhung der Produktivität? leitete. Von Mercedes führte ihn sein Weg über die Spitze des Autoveredlers Mercedes AMG GmbH zu Chrysler. Und nun wieder zurück nach Stuttgart.Über ihm wird künftig nur noch sein Förderer, Konzernchef Jürgen Schrempp, thronen. Dessen Platz wird spätestens 2007 frei.
Dieser Artikel ist erschienen am 18.02.2004