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Cruisen für Cash

Ann-Charlotte Paduch / Martin Roos
Australien lockt zu großen Touren. Tauchen am Great Barrier Reef, Surfen an der Sunshine Coast. Doch wer kann das bezahlen? Clevere Backpacker besorgen sich Working Holiday Visa.
"Jetzt oder nie", hat sich Marc Dammertz, 29, gedacht. Das BWL-Diplom in der Tasche, wollte er noch mal ins Ausland, "ein wenig reisen und ein bisschen jobben, bevor dann in Deutschland die Karriere so richtig losgeht". Dammertz entschied sich für das Land of Oz, Australien. "Für mich zurzeit einfach interessanter als Europa, weniger abgegrast als die USA und weiter weg als alles andere." Halb Arbeit, halb Urlaub also - Dammertz kaufte sich ein Working Holiday Visa

Mit ihm können seit Sommer 2000 Deutsche zwischen 18 und 30 Jahren bis zu einem Jahr in Australien reisen und jobben, maximal drei Monate für einen Arbeitgeber. Das Visum gibt es ohne viel bürokratischen Aufwand bei der australischen Botschaft in Berlin. Dammertz hat es sich noch einfacher gemacht und über das Council on International Exchange (CIEE) in Berlin, eine der vielen Visum-Organisationen, gebucht. Die Rundum-Sorglos-Pakete enthalten Flug, Versicherungen sowie Info-Veranstaltungen in Deutschland und vor Ort. "Hätte ich im Grunde auch alles selbst machen und damit Geld sparen können", sagt er im Nachhinein. "Andererseits gibt einem das eine gewisse Sicherheit. Im Notfall kann ich innerhalb von 24 Stunden nach Hause fliegen."

Die besten Jobs von allen


Arbeiten nach Lust und Laune

An Abreise denkt Dammertz zurzeit überhaupt nicht mehr. Im Gegenteil: Gerade hat er beschlossen zu verlängern. Seit drei Monaten cruist er mit zwei Backpacker-Freunden in einem roten Ford Falcon, Baujahr 1984, die Ostküste entlang - von Cairns, der Stadt im Norden Queenslands zwischen Regenwald und Korallenmeer, gen Süden. "Wir lassen uns einfach treiben. Wo es uns gefällt, da bleiben wir. Wenn wir kein Geld mehr haben, arbeiten wir.

Seine erste Station war gleich der Klassiker aller Traveller-Jobs: Fruit Picking, Erntearbeit. In Tully, einem kleinen Nest in Queensland, hat Dammertz riesige Bananenstauden am Fließband in manierliche Zehnerbündel zerlegt. Den Job hat er über "Banana Barracks" bekommen, eines der vielen Hostels, das sich auf Erntejobs für Backpacker spezialisiert hat. Eine Woche Unterkunft kostet 110 Australische Dollar, dafür ist der Stundenlohn mit knapp 15 Australischen Dollar brutto ordentlich.

Vor dem Tauchen Strände harken

Nächste Station: Tauchkurs auf Magnetic Island vor der Küste von Townsville. "Das Great Barrier Reef ist genial", schwärmt Dammertz. "Riesige Fische, bunte Korallen, sogar Riffhaie und Mantas habe ich gesehen." Bisher der Höhepunkt seiner Australienreise. Vor den Tauchgängen hat er jeden Morgen zwei Stunden lang den Sand um die Strandbar herum geharkt und sich damit Abendessen und vier Bier verdient. Denn Leben in Australien ist nicht billiger als in Deutschland. "Wenn man wirklich was vom Land sehen möchte, sollte man schon in Deutschland etwas sparen", rät Dammertz. "Das Geld, das man beim Jobben verdient, reicht meist gerade fürs Überleben. Viele Extras sind da nicht drin."

Bei der Arbeitssuche müssen die Backpacker realistisch bleiben. Das Working Holiday Visa ist kein Garantieschein für einen Job, und kein Unternehmen in Australien vergibt hoch dotierte Posten an jemanden, der nur drei Monate im Unternehmen tätig ist. Außerdem haben die jährlich über tausend Rucksacktouristen aus Kanada, Südafrika oder Neuseeland den Deutschen voraus, perfekt Englisch zu sprechen - erste Voraussetzung für Jobs in Unternehmen.

Deutsche im Anmarsch

In Deutschland träumen immer mehr junge Leute von diesem Reiseglück: Waren im vergangenen Jahr etwa 6.000 Deutsche mit dem Visum für den Urlaubs-Arbeits-Aufenthalt in Australien unterwegs, rechnet die australische Botschaft in Berlin in diesem Jahr mit bis zu 10.000 Anträgen

Die besten Anlaufstellen für Jobsucher vor Ort sind die Hostels: Über das Schwarze Brett, das Management oder andere Backpacker findet man immer Arbeit, auch wenn die meisten Jobs unspektakulär sind: Kellnern, Teller waschen, Flyer verteilen, Zimmermädchen spielen oder an der Rezeption einchecken. Engagement ist immer gefragt. Wer schon in Deutschland Schwierigkeiten hat, in einen kleinen Laden oder ein Café zu gehen, um dort freundlich nach einem Job zu fragen, der wird auch in Australien arbeitslos bleiben

Die richtigen Glückstreffer landet man nur durch Zufall - so wie zwei Holländer, die Dammertz vor Kurzem getroffen hat. Auf den Whitsunday Islands sind die beiden einem Millionär in die Arme gelaufen, der gerade eine Crew für seine Luxusyacht gesucht hat. Schon einen Tag später ging es raus aufs Meer.

Jackeroo auf der Rinderfarm

Auch die übrigen Backpacker-Jobs sind mehr oder minder exotisch: Ein Kanadier rollt Sushi, eine Irin verkauft Telefonanschlüsse von Tür zu Tür und zwei Deutsche arbeiten auf einer Farm als Jackeroo - die australische Variante des amerikanischen Cowboys: Lasso werfen, Lämmer kastrieren oder 50 Stunden in der Woche Kühe melken - für 650 Australische Dollar netto pro Woche

Dammertz will sein Glück als nächstes in Sydney versuchen - am liebsten ein Praktikum im Event-Management. Selbst wenn es damit nicht klappt: "Australien wird meiner Karriere bestimmt nicht schaden. Auslandsaufenthalt, Englisch aufpeppen - das ist schon eine gute Sache". Und der australische Lifestyle gefällt ihm: "Die Aussies sind sehr zuvorkommend, nur positiv, no worries. Davon können wir Deutschen uns eine Scheibe abschneiden."
Dieser Artikel ist erschienen am 28.02.2003